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Im Gespräch: Fred Jahn : In der Arbeit Freude finden

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Das ist vorbei. Ich stehe hier jeden Tag zehn Stunden, habe viel Besuch und rede viel, da verdirbt man sich die Schreibe.

Das ist etwas, was Ihren „altmodischen“ Galeriestil prägt: Man kommt rein, und Sie sind eigentlich immer da. Es entsteht das Gefühl einer Einheit: die Räume, die Kunst und der Galerist, der sie mit Begeisterung vermittelt.

Mir sind diese Räume fast wie eine zweite Haut, und es macht mir ein Riesenvergnügen, wie die Ausstellungen hier aussehen. Zeitweise hatten wir Dependancen, in Stuttgart, ein Loft in New York und ein Büro in Kyoto. Nach dieser großen „Kreisbewegung“ komme ich wieder konzentriert auf meine größten Fähigkeiten und meine Vorlieben zurück. Ich fange sogar wieder mit Graphik an: Wenn ich einen Handabzug von einem Baselitz-Probedruck in die Hand bekomme, macht mich das total verrückt.

Um Arbeiten auf Papier ging es auch bei der Sammlung der Deutschen Bank, deren Ankäufe Sie betreuten.

Diese Nominierung war eine freudige Überraschung. Die Bank hielt ihre Berater an, im Handel zu kaufen, explizit, um die Galerien für zeitgenössische Kunst zu unterstützen. Ich machte das sechs oder sieben Jahre, dann trat Bärbel Grässlin meine Nachfolge an. Es war eine wunderbare Aufgabe mit sehr hohem administrativen Aufwand, die Ankaufssitzungen fanden nämlich vor Originalen bei uns statt und dauerten manchmal zwei Tage: große Materialschlachten, aber intensive Zeiten.

Zu Ihren Verdiensten gehört auch, regionale Künstler zu pflegen, an denen der große Ruhm vielleicht zu Unrecht vorbeirauscht. Sind das Ihre Entdeckungen?

Es gibt Künstler, die sind, wie Heinz Butz, neunzig Jahre alt und noch nicht entdeckt, auch ich habe sie nicht entdeckt. Sie waren einfach da, und ich stelle sie aus, weil ich sie genauso gut finde wie manch anderen. Ich habe großen Respekt für ihre Arbeit und für die Haltung. Für sie ist es wichtig, dass ich sie ausstelle, aber mich befriedigt es nicht, dass das nicht weiter voranzubringen ist. Rudi Tröger zum Beispiel musste ich nicht entdecken, er war hier eine graue Eminenz. Aber er wollte, solange sich sein Werk in der Entwicklung befand, nicht mit Galerien arbeiten. Aber man kann nicht sozusagen postum Avantgarde etablieren. Später kann man kaum vermitteln, was für aufregende Bilder Tröger 1964 gemalt hat und wie die zu Baselitz-Bildern von damals stehen.

In unserem kommerziell dominierten Kunstbetrieb ist es schwierig, den Menschen Achtung vor solchen Position zu vermitteln und einigermaßen anständige Preise zu erzielen. Man muss in der Arbeit die eigene Freude suchen. Ich habe das Glück, eine große Zahl treuer Weggefährten zu haben, so dass dieser Luxus finanzierbar ist: Eine Friedrich-Scheuer-Ausstellung zu machen, in der ein Aquarell 1600 Euro kostet, während die Infrastrukturkosten der Galerie zwischen 50.000 und 60.000 Euro im Monat liegen - dass ich das ausbalancieren kann, genieße ich als Luxus.

Welchen Künstler haben Sie zuletzt ins Programm genommen?

Gerade bot man mir frühe Zeichnungen aus dem Nachlass von Karl Appel an, aus der besten Zeit. Außerdem denke ich über eine Ausstellung mit der portugiesischen Künstlerin Paula Rego nach, die mich fasziniert, wahnsinnig teuer ist und die hier kein Mensch kennt. Das Entdecken junger Künstler überlasse ich jetzt meinem Sohn und seiner Galerie.

Die Fragen stellte Brita Sachs.

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