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„Ice Age“ & Co. im Museum : Charakter gehört zur Trickfilmfigur dazu

Moderne Technik verdrängt die Handzeichnung doch nicht ganz: Das Pariser Museum „L’art ludique“ widmet dem amerikanischen Animationsstudio Blue Sky eine gewaltige Ausstellung.

          3 Min.

          Am 30. Juni startet in Deutschland der neueste Film aus der amerikanischen Trickfilmschmiede Blue Sky. Aber mit der Ausnahme von Pixar sind die Zeiten vorbei, in denen schon ein Firmenname gereicht hat, um Qualität zu suggerieren - wie berechtigt auch immer. Deshalb sei hier der Filmtitel genannt, der für den Erfolg von Blue Sky steht: „Ice Age“. Und deshalb werden in diesem Sommer Millionen von Zuschauern weltweit in die Filmtheater strömen, denn der neue Film bildet den fünften Teil dieser Saga: „Ice Age - Collision Course“.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Produktion von Kinoserien hat sich auch im Trickfilmgeschäft zum unschlagbaren Erfolgsrezept entwickelt, obwohl sie den Pionieren der Branche, Walt Disney, Lotte Reiniger oder Max Fleischer, noch ein Dorn im Auge waren. Sie setzten zwar auf verwandte Themen, vor allem Märchen, aber nicht auf die Fortführung einmal erzählter Begebenheiten. Das hat sich gründlich geändert, und der Preis dafür ist, dass es abseits des Serienschemas erstellte Werke schwer haben. Wer erinnerte sich etwa noch an „Robots“, 2005 zwischen dem ersten und dem zweiten Teil von „Ice Age“ erschienen?

          Dabei war dieser Film das erklärte Lieblingsprojekt des Blue-Sky-Studiochefs Chris Wedge. Wenn er vor zehn Jahren Gäste in seinem Büro in Greenwich, Connecticut, begrüßte, tat er das gerne mit den Worten: „Darf ich vorstellen? Das ist unser Hauptdarsteller“ und zeigte auf einen Außenbordmotor der Marke „Evinrude“, der aufgebockt neben seinem Schreibtisch stand. Feinste Art-déco-Linien und -Farben weist diese achtzig Jahre alte Maschine auf, die Wedge von seinem Großvater geerbt hat. Sie war Vorbild für die Figurenentwürfe der mechanischen Helden von „Robots“.

          Eingeklebte Mammuts

          Nun steht der Außenbordmotor für einige Monate in Paris, im Privatmuseum „L’art ludique“, das sich seit einigen Jahren Comics, Videospielen und eben Trickfilmen widmet. Mit in der Tat musealem Anspruch, nämlich durch die Präsentation von Meisterwerken ihrer Art, aber auch auf höchst lebendige Weise, denn es werden dort besonders gerne auch die umfangreichen Vorarbeiten dokumentiert: all die Skizzen, Entwürfe und Probezeichnungen, die nötig sind, um auf Heftseiten, Bildschirmen oder Leinwänden ein formvollendetes Produkt zu bieten. Und dazu gehört im Falle von „Robots“ eben auch die Initialzündung für die Ästhetik dieses Films: der Außenbordmotor der Marke „Evinrude“. Er ist eines von vielen hundert Objekten in einer gigantischen Werkschau, die sich dem Blue Sky Studio widmet.

          Dazu zählen auch Modelle, die vor der eigentlichen Animation angefertigt wurden: plastische Figurenstudien aufgrund der Entwurfszeichnungen, die dann den Animationszeichnern ermöglichen, ihre Protagonisten aus jedem beliebigen Winkel zu studieren, aber auch aufwendige Set-Arrangements in Miniaturformat wie jenes, das William Joyce für „Robots“ unter Hinzuziehung eines ganzen Arsenals an alten Küchenmaschinen gebastelt hat, oder die Gipsmodelle zu „Ice Age“, in die mit rührender Akribie winzige Mammuts eingeklebt wurden, um die Größenverhältnisse zu verdeutlichen. Vor allem aber bietet die Werkschau etliche Vorstudien und natürlich auch jene Bilder, die wir dann tatsächlich in den Filmen zu Gesicht bekommen haben. Allerdings stammen die zum Großteil aus dem Computer, wo heutzutage die Endfertigung stattfindet. Deshalb besteht die Pariser Ausstellung zu einem nicht unerheblichen Teil aus C-Prints.

          Ein wahrer Augenlustgarten

          Thematisiert wird das nicht groß, man muss sich schon durch die Beschilderungen durcharbeiten, um zu sehen, was hier Menschen-, was Maschinenwerk war. Wobei die Handarbeit meist auf Augenhöhe hängt, während die Ausdrucke oft entrückt werden. Aber bei einem Kabinett mit den opulenten Urwaldszenen aus dem 2013 fertiggestellten Animationsfilm „Epic“ sind es dann auch einmal nur ausgedruckte Bilder. Dafür hängen davor Greg Couchs kaum weniger farbenprächtige Entwürfe, die er eigens mit Salz bestreut hat, um die Farben noch einmal anzulösen und interessantere Verläufe zu generieren. Deren Haptik und Struktur kann kein Computer simulieren.

          Die Ausstellungsarchitektur simuliert eine Ansammlung von Kistenstapeln, durch Farben werden jeweils Werkgruppen unterschieden: „Ice Age“ natürlich (wo auch schon Bilder aus dem kommenden Film zu finden sind), „Robots“, „Epic“, die beiden „Rio“-Filme von 2011 und 2014 (ein weiterer Versuch einer Filmserie), aber auch die Literaturverfilmungen „Horton hört ein Hu!“ nach Dr. Seuss und jüngst erst die „Peanuts“ nach dem Comicstrip von Charles Schulz. In den scheinbar endlosen Suiten dieser Ausstellung bekommt man eine Vorstellung davon, dass Blue Sky mittlerweile Pixar auch im Hinblick auf Vielfalt das Wasser reichen kann; kommerziell konnte das Studio es mit „Ice Age“ schon länger.

          Was es in Paris aber vor allem zu entdecken gibt, sind Künstler, deren Namen sich sonst in den rasch vorbeiziehenden Abspännen der Trickfilme verstecken. Der erwähnte Greg Couch etwa, von dem auf einer Wand 156 Farbstimmungsstudien, sogenannte Color Keys, nebeneinander arrangiert sind, oder Peter Clarke, der wichtigste Mann für die Dekors von „Ice Age“. Für das Aussehen der Figuren dieser Filmserie ist gleichfalls ein Mann nahezu allein zuständig: Peter de Sève, einer der namhaftesten amerikanischen Illustratoren und ein Star eigenen Rechts, der aber mit seiner Arbeit für „Ice Age“ noch nicht die Beachtung findet, die ihm zustünde. David Catrow hätte auch bei Walt Disney reüssiert, Robin Joseph wiederum verwandelte sich als Zeichner perfekt dem Stil von Dr. Seuss an. Umso bedauerlicher ist es, dass aus rechtlichen Gründen weder zu „Horton“ noch zu den „Peanuts“ Originale von Dr. Seuss und Schulz zu sehen sind, um die Leistung der Blue-Sky-Mitarbeiter erst richtig zu würdigen. Aber ein Augenlustgarten bleibt dieser Parcours durch Urwälder, Eiswüsten, Technikwelten und amerikanische Vorstädte trotzdem.

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