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Henri Matisse : In Wellenlinien dem Körper entlang

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Ein Fest fürs Auge: Die Galerie Boisserée in Köln zeigt die seit langer Zeit umfassendste Ausstellung mit Zeichnungen und Graphik von Matisse.

          2 Min.

          Es muss Magie sein. Die Linien fließen. Sie sind wenige in der Weite des leeren Papiers, und doch umschreiben sie präzise, was sie zeigen wollen: den nackten weiblichen Körper. Konturen, eine, zwei, drei - und schon ist der Gestus des Körpers fixiert auf dem Papier, aus dem sich nun Frauenkörper schälen, sitzend, liegend, aber immer in Pose. Die Frauen zeigen sich für ihren Meister Henri Matisse; sie schauen uns an, und wir schauen sie an, als wären wir anwesend in diesem Ateliermoment.

          In der Kölner Galerie Boisserée ist dieses Fest der Matisse-Unmittelbarkeit in einer umfangreichen Ausstellung mit Arbeiten aus seinem graphischen Œuvre und mit Zeichnungen zu sehen. „Meine reduzierte Linienzeichnung ist die direkte und reinste Übersetzung meiner Emotion“, schrieb Matisse, „allerdings sind diese Zeichnungen kompletter, als es manchen Leuten scheinen könnte, die sie mit einer Skizze verwechseln.“ Keine Linie ist vorstellbar, die seine Setzungen veredeln könnte. Auf jeder der Zeichnung ist alles gesagt.

          Aus der Kollektion Petiet

          Die Kunsthandlung hatte schon in den vergangenen Jahren immer wieder mit großen Graphik-Schauen beeindruckt: Eduard Chillida hatte es den beiden Galeristen 2008 angetan, Joan Miró war es 2007, Pablo Picasso und Antoni Tàpies vor drei Jahren und Max Ernst 2005. Jetzt also Matisse. Doch diese Ausstellung ist etwas Besonderes: Sie ist das Resultat einer jahrelangen Sammeltätigkeit; denn Arbeiten aus dem vergleichsweise schmalen graphischen Werk von Matisse sind rar. Matisses Werkverzeichnis, 1982 von seiner Tochter Marguerite Matisse-Duthuit und seinem Enkel Claude herausgegeben, umfasst 800 Arbeiten, darunter rund 300 Radierungen und gut 300 Lithographien aus den Jahren 1906 bis 1952, dann 62 Aquatinten, 68 Monotypien, 70 Linogravuren und vier Holzschnitte aus der Frühzeit um 1906. Das war's.

          Ein Teil der Exponate stammt aus der Kollektion des französischen Graphiksammlers Henri M. Petiet: Die „Odalisque couchée“ von 1923 (Radierung auf Vélin; 7500 Euro) scheint in ihrem Kissenzeug gemütlich zu versinken. Vor allem aber konnten Zeichnungen direkt aus dem Besitz der Familie Matisse akquiriert werden. Der Maler ist bereits 31 Jahre alt, als er sein Interesse an graphischen Techniken entdeckt; es entstehen erste Radierungen, dann Lithographien und Holzschnitte. Die weibliche Figur wird sein Forschungsgebiet. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den zwanziger und dreißiger Jahren.

          Ihre Hüfte ist ein Strich

          Auf früheren Zeichnungen huldigt Matisse noch dem Detail. Scheint seine Lesende auf „Intérieur, la lecture“ von 1925 noch in den Ornament-Wirren zu verschwinden, ist auf der Radierung „La lettre“ von 1929 (22.000 Euro) dann alles von ungeheurer Schlichtheit: Der ungewöhnlich lange Körper einer Frau mit leichtem Mantel über den Schultern ist auf einen Fauteuil gebettet. Die Schönheit liest in leeren Seiten. Ihr Körper wirft eine Wellenlinie, die Hüfte ist rund geformt aus einem gebogenen Strich.

          Die Füße haben sich ineinander verhakt. Dieses Blatt ist besonders; denn hier schaut die Frau nicht heraus in unsere Welt, sie scheint sich unbeobachtet zu fühlen. Zwei Jahre später entsteht „Nu assis, le dos de trois-quarts“ (Auflage 30; 19.500 Euro): Korpulent schön ist diese Dame, sie blickt über ihre Schulter zurück und wird wirklich, zusammengefügt aus wenigen Zügen über das Vélin-Papier.

          Kurze Zeit später begannen Tänzerinnen, Matisses Augen zu verführen. Die Serie „Danseuse acrobates“ bezeugt gelenkige Genauigkeit. In seinem dahinfließenden Akt auf dem Lehnstuhl, „Nu au fauteuil“ aus dem Jahr 1935 (Auflage 30; 19.500 Euro), könnte man die Vollendung seiner reduzierten Formensprache finden. Und die Aquatintaradierung „Jeune étudiant de profil“ (Auflage 29; 29.500 Euro) führt 1952 vor, welcher Ausdruck auch im Porträt erreicht werden kann - mit zehn Strichen. Was Matisse hier zeigt, ist die reinste Form der Zeichnung: Er feierte die Simplizität der Linie und ihre gestalterische Kraft.

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