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Hélène de Beauvoir : Die andere Beauvoir

  • -Aktualisiert am

Sie galt lange nur als die Schwester von Simone. Noch immer ist Hélène de Beauvoir nur wenig bekannt. Dabei hat sie fein gemalt, was ihr die Biographie vorgab.

          4 Min.

          Zur Feier des Tages trug Jean-Paul Sartre eine Krawatte. In der Pariser Galerie Bonjean fanden sich die feinen Leute aus der wohlhabenden Kunstszene neben den Bohèmiens, den Intellektuellen ein. Der Anlass: die Eröffnung von Hélène de Beauvoirs erster Ausstellung. Es ist Januar 1936, Hélène ist 25 Jahre alt. Auch ihre zwei Jahre ältere Schwester Simone ist unter den Gästen. Später wird diese eine berühmte Schriftstellerin und Frauenrechtlerin werden, die Malerin Hélène dagegen kämpft ein Leben lang um Anerkennung.

          Doch an diesem Abend ist die Jüngere von beiden umschwärmt. Zumindest ein Teil des gemeinsamen Traums scheint damit erfüllt: Die beiden Schwestern hatten sich als Kinder geschworen, berühmt zu werden - die eine als Schriftstellerin, die andere als Malerin. Bei Hélènes erster Schau soll ein Mann alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben: Pablo Picasso. Ohne auch nur jemanden anderen eines Blickes zu würdigen, ging er schnurstracks auf die attraktive und stets elegant gekleidete Hélène de Beauvoir zu. Während Picasso ihre Gemälde betrachtete, zitterte Hélène am ganzen Leib. „Interessant, interessant. Ihre Malerei ist originell“, kommentierte Picasso die ausgestellten Bilder.

          Von Picasso ermutigt

          Er hatte auch eine Schwäche für Blondinen mit blauen Augen. Doch das Lob hielt bei Hélène ein Leben lang vor. Sie schrieb später in ihren „Souvenirs“: „Alle jungen Maler, hauptsächlich die meiner Generation, ahmten ihn nach. Ich war eine der wenigen Malerinnen, die es nicht taten, also war ich originell. Man kopiert nicht einen Picasso, das hat keinen Sinn. Wenn man ein Talent nachahmt, bedeutet das, dass man selbst keines besitzt.“ Und: „Ihr Talent ist individuell und kraftvoll“, stand dann in der Zeitung „Les Débats“.

          Simone waren die Bilder der Schwester zu akademisch, doch anfangs unterstützte sie ihre „Poupette“ - das Leben der jungen Malerin war „materiell schwierig und sehr karg“. Simone bezahlte die Atelier-Miete von ihrem Lehrerinnengehalt, als Gegenleistung tippte Hélène die Manuskripte der Schriftstellerin ins Reine. Sie brachte Simone mit dem schon damals berüchtigten Philosophen Sartre in Kontakt - und weil die Ältere zu schüchtern war, ging Hélène im Jahr 1929 an ihrer Stelle zur ersten Verabredung mit Sartre in einem Pariser Café. Aus Höflichkeit lud er sie ins Kino ein. Hélène warnte die Schwester danach: „Er ist wirklich hässlich und keineswegs so komisch, wie ihm nachgesagt wird.“

          Eine verehrte Schwester

          Erst später kam es zu Konflikten zwischen den beiden; denn Simone begann die Jüngere wegen ihres bürgerlichen Lebens zu kritisieren. Hélène hielt viel aus: Sie verehrte ihre ältere Schwester grenzenlos. Mehr als alles fürchtete sie, Simone zu enttäuschen. Dennoch ließ sich Hélène nie nachhaltig beeinflussen: Sie wird ihrem Mann, Lionel de Roulet, einem Meisterschüler von Jean-Paul Sartre, quer durch Europa folgen. Im Jahr 1940 geht das Paar nach Portugal, wo Lionel persönlicher Referent von De Gaulle wird. Während der Kriegszeit bleiben sie in Lissabon. Als sie 1945 nach Paris zurückkehren, wird Lionel als Direktor des Informationsministeriums nach Wien versetzt.

          Hélènes Treue zu ihm geht so weit, dass sie sich zum Leutnant ernennen lässt, um ihrem Mann nach Wien folgen zu können; aus Österreich schreibt sie an Simone: „Wie soll ich in dieser Umgebung malen? Ich liebe das Leben und die schönen Dinge, und ich bin von Ruinen, Elend und Kummer umgeben.“ Schon zwei Jahre später muss das Paar wieder umziehen: Lionel wird nach Belgrad versetzt, danach folgt Italien und 1948 wieder Paris, wo er für das Auswärtige Amt arbeitet. Hélène schafft es in dieser ganzen Zeit trotzdem, regelmäßig auszustellen: Von Stockholm bis Florenz und Turin bis Pilsen in Tschechien werden ihre Gemälde und Zeichnungen in Galerien gezeigt.

          Die Kunstgeschichte als Vorbild

          Simone schreibt über das Werk ihrer Schwester: „Erst ein Aufenthalt in Marokko 1949 ließ sie kühner werden. Unter einem solchen Licht wie dort konnte die klassische figurative Malerei nur zu knallig buntem Kitsch verkommen. Und um dem zu entgehen, ging meine Schwester jetzt mit den Farben freier um und erfand eine neue Linienführung. Als Sartre und ich sie in Casablanca besuchten, waren wir verblüfft.“ Hélène hat in ihrem Œuvre, so unabhängig sie von Moden war, meist kunsthistorische Einflüsse verarbeitet: Sie destilliert, was vor ihrer Zeit schon erfunden war, auf subtile Weise. Ihre Quellen: Chagall, Matisse, der Kubismus, Delaunay, Bonnard. Kritische, politische Themen greift sie erst Ende der sechziger Jahre auf, als sie beginnt, sich in Straßburg für Frauenrechte zu engagieren.

          Sie übernimmt den Vorsitz von „SOS Misshandelte Frauen“ und kämpft gegen das Tabu der Gewalt in der Familie. Ihr berühmtestes Bild malt sie in dieser Zeit: „Die Frauen leiden, die Männer verurteilen sie“ zeigt in einen Glaswürfel eingeschlossen eine nackte, aufrecht stehende Frau, die zitternd den Kopf senkt vor vier Richtern in roten Roben. Sie deuten mit den Fingern auf die Angeklagte. Solche Gemälde waren für Hélène jetzt Ausdruck ihres Innersten.

          Zwischen Naturalismus und Abstraktion

          Jean-Paul Sartre schreibt damals, im Jahr 1975, über die Malerei von Hélène de Beauvoir: „Das Werk ist die Frucht einer langen Suche und Entwicklung. Die Malerin hat schon früh erkannt, dass man die Wirklichkeit verfehlt, wenn man Trugbilder herstellt. Gleichwohl liebt sie die Natur viel zu sehr - die Wälder, Gärten, Lagunen, Pflanzen, Tiere, den menschlichen Körper -, als dass sie darauf verzichtete, sich von ihnen inspirieren zu lassen. Sie hat ihren Weg gefunden zwischen den vergeblichen Zwängen der Nachahmung und der Dürre der reinen Abstraktion.“ Im Jahr 1980 stirbt Sartre; sechs Jahre später Simone de Beauvoir im Alter von 78 Jahren. Nur vier Jahre nach ihr folgt Lionel de Roulet.

          Oft auf sich allein gestellt, lebt Hélène de Beauvoir noch bis zum Jahr 2001 in ihrem Haus in Goxwiller im Elsass und kann schließlich auf sechzig Jahre Schaffenszeit zurückblicken. Die Veröffentlichung der Tagebücher von Simone de Beauvoir 1990 stürzen sie in tiefe Trauer; denn dort muss sie über sich selbst lesen: „. . . die anderen Maler ihres Alters sind genauso schlecht wie sie . . . Warum sollte ich ihr Talent zusprechen, wenn sie keines hat?“

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