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Hélène de Beauvoir : Die andere Beauvoir

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Hélènes Treue zu ihm geht so weit, dass sie sich zum Leutnant ernennen lässt, um ihrem Mann nach Wien folgen zu können; aus Österreich schreibt sie an Simone: „Wie soll ich in dieser Umgebung malen? Ich liebe das Leben und die schönen Dinge, und ich bin von Ruinen, Elend und Kummer umgeben.“ Schon zwei Jahre später muss das Paar wieder umziehen: Lionel wird nach Belgrad versetzt, danach folgt Italien und 1948 wieder Paris, wo er für das Auswärtige Amt arbeitet. Hélène schafft es in dieser ganzen Zeit trotzdem, regelmäßig auszustellen: Von Stockholm bis Florenz und Turin bis Pilsen in Tschechien werden ihre Gemälde und Zeichnungen in Galerien gezeigt.

Die Kunstgeschichte als Vorbild

Simone schreibt über das Werk ihrer Schwester: „Erst ein Aufenthalt in Marokko 1949 ließ sie kühner werden. Unter einem solchen Licht wie dort konnte die klassische figurative Malerei nur zu knallig buntem Kitsch verkommen. Und um dem zu entgehen, ging meine Schwester jetzt mit den Farben freier um und erfand eine neue Linienführung. Als Sartre und ich sie in Casablanca besuchten, waren wir verblüfft.“ Hélène hat in ihrem Œuvre, so unabhängig sie von Moden war, meist kunsthistorische Einflüsse verarbeitet: Sie destilliert, was vor ihrer Zeit schon erfunden war, auf subtile Weise. Ihre Quellen: Chagall, Matisse, der Kubismus, Delaunay, Bonnard. Kritische, politische Themen greift sie erst Ende der sechziger Jahre auf, als sie beginnt, sich in Straßburg für Frauenrechte zu engagieren.

Sie übernimmt den Vorsitz von „SOS Misshandelte Frauen“ und kämpft gegen das Tabu der Gewalt in der Familie. Ihr berühmtestes Bild malt sie in dieser Zeit: „Die Frauen leiden, die Männer verurteilen sie“ zeigt in einen Glaswürfel eingeschlossen eine nackte, aufrecht stehende Frau, die zitternd den Kopf senkt vor vier Richtern in roten Roben. Sie deuten mit den Fingern auf die Angeklagte. Solche Gemälde waren für Hélène jetzt Ausdruck ihres Innersten.

Zwischen Naturalismus und Abstraktion

Jean-Paul Sartre schreibt damals, im Jahr 1975, über die Malerei von Hélène de Beauvoir: „Das Werk ist die Frucht einer langen Suche und Entwicklung. Die Malerin hat schon früh erkannt, dass man die Wirklichkeit verfehlt, wenn man Trugbilder herstellt. Gleichwohl liebt sie die Natur viel zu sehr - die Wälder, Gärten, Lagunen, Pflanzen, Tiere, den menschlichen Körper -, als dass sie darauf verzichtete, sich von ihnen inspirieren zu lassen. Sie hat ihren Weg gefunden zwischen den vergeblichen Zwängen der Nachahmung und der Dürre der reinen Abstraktion.“ Im Jahr 1980 stirbt Sartre; sechs Jahre später Simone de Beauvoir im Alter von 78 Jahren. Nur vier Jahre nach ihr folgt Lionel de Roulet.

Oft auf sich allein gestellt, lebt Hélène de Beauvoir noch bis zum Jahr 2001 in ihrem Haus in Goxwiller im Elsass und kann schließlich auf sechzig Jahre Schaffenszeit zurückblicken. Die Veröffentlichung der Tagebücher von Simone de Beauvoir 1990 stürzen sie in tiefe Trauer; denn dort muss sie über sich selbst lesen: „. . . die anderen Maler ihres Alters sind genauso schlecht wie sie . . . Warum sollte ich ihr Talent zusprechen, wenn sie keines hat?“

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