https://www.faz.net/-gyz-78qlt

Hans-Peter Feldmann : Wer zuletzt lacht...

  • -Aktualisiert am

Hans-Peter Feldmann mokiert sich über die Kunst und ihren Markt - und ist damit selbst bestens im Geschäft. Gleich drei Berliner Galerien widmen ihm eine Ausstellung.

          Von allen Seiten schielen sie uns an: die Herrschaften mit beschwipstem Silberblick und roter Clownsnase. Niemand hätte gedacht, dass mittelmäßige Porträts von biederen Ehepaaren aus dem 19. Jahrhundert den zeitgenössischen Kunstmarkt erobern könnten. In ihren schweren Goldrahmen wären die Gemälde wohl in Trödelläden verstaubt, hätte sie Hans-Peter Feldmann nicht mit ein paar humoristischen Pinselstrichen zu neuem Leben erweckt. Jetzt sind die Pappnasen-Porträts und schiefen Blicke allgegenwärtig. In den Hamburger Deichtorhallen läuft noch die Retrospektive des Düsseldorfer Künstlers, da eröffnen zum „Gallery Weekend“ in Berlin drei Ausstellungen zum Werk des 72-Jährigen. Was ist dran am Hype um Feldmann?

          Die drei Schauen quer durch die Stadt, die Feldmann zum heimlichen Protagonisten machen, könnten nicht heterogener sein. Unter dem schlichten Titel „Kunstausstellung“ präsentiert die Johnen Galerie seine ikonoklastischen Eingriffe: Mit Hilfe schwarzer Balken werden aus fliegenden Engelchen anonymisierte Verbrecher und aus eher biederen Akten - scheinbar zensurbedürftige - Pornographie. In der Mitte thront eine quietschbunte Plastiknachbildung von Schadows Prinzessinnengruppe, die wirkt, als wäre sie frisch aus einem Überraschungsei geschlüpft. Die Rotnasen, Schielaugen, schwarzen Balken und pop-artigen Plastiken werden von Feldmann bis zur Erschöpfung durchdekliniert, wie Erfolgsrezepte für gute Pointen. Doch ein Witz ist schon beim dritten Erzählen nicht mehr lustig. Und so nutzt sich die Erheiterung spätestens im zweiten Raum ab (Preise 18.000 bis 155.000 Euro).

          Ethnologe des Alltags

          Ganz anders in der Galerie von Barbara Wien und Wilma Lukatsch: Was auf den ersten Blick nüchterner wirkt, entpuppt sich als Fundgrube für das, was man zu Recht als Feldmanns Hauptwerk bezeichnen kann - „Bücher“. Von den zusammengetackerten Bilderheften aus den Siebzigern über fotografische Zeitserien bis hin zu Schnipseln aus Zeitschriften und Briefmarkensammlungen entfaltet sich in den Vitrinen ein eigenartiger Kosmos: Blicke aus Hotelzimmerfenstern, Fotografien von Autoradios, „als schöne Musik spielte“, aus Verkaufsprospekten kopierte Teppiche, zwischen Büchern zerquetschte Fliegen und, immer wieder, Ansichten von Frauen. Feldmann tritt als genauer Ethnologe des Alltags auf, in Betrachtung von Waschmaschinen, Frauenknien, Ventilatoren und „Vogue“-Covern.

          Eine der schönsten Entdeckungen bei Wien Lukatsch ist die „Fingerhutpost“: Als Händler kunstvoll gestalteter Fingerhüte veröffentlichte Feldmann in den achtziger Jahren rund zwanzig Hefte für einen kleinen Sammlerkreis. Die Rundbriefe sind selbst kuriose Bilderhefte, die das Nähutensil in limitierten Walnuss-Schatullen oder Goldfassungen präsentieren. In Feldmanns Buch-Sammlungen tritt ein Humor zutage, der subtil, leichtfüßig und seltsam ist. Während Hans-Peter Feldmann mit seiner Clownsnasen-Strategie den immergleichen Aha-Effekt ins Unendliche klont, fängt er in seinen Fotosammlungen die Abweichung im Gleichen ein (Preise 10 bis 55.000 Euro).

          Der Markt liebt den Marktverweigerer

          Dass er sich selbst gar nicht als „Künstler“ bezeichnen will, dass er seine Werke grundsätzlich nicht signiert und nur unlimitierte Serien herstellt, ist eine Lieblingsgeschichte, die auch in den Berliner Galerien derzeit erzählt wird. Feldmann gilt als einer, der sich dem Markt verweigert, und genau das scheint der Markt zu lieben, wie der Besuch in Mehdi Chouakris Galerie belegt. Der Betrachter ist verwirrt: Wo sind all die Bilder hin? Statt einer visuellen Flut zeigt die Galerie - gähnende Leere, genauer: eine hochartifiziell inszenierte Leere. An die Stelle von Bildern treten rechteckige Spotlights, die uns deren Abwesenheit vor Augen führen. Übrig bleiben je zwei Haken, die in den präzise gesetzten Projektionen verloren dastehen (Preise von 13.000 bis 27.000 Euro).

          Laut Pressetext entdeckte Feldmann diesen Moment „ungeplanter Schönheit“ auf der Art Basel, kurz bevor ein Bild an die bereits beleuchtete Wand gehängt wurde. Der flüchtige Alltagsmoment wird über zwei Räume hin zur Schau gestellt und verliert so jede Leichtigkeit, jeden Witz und jede Poesie. Stattdessen mutiert die Geste zum „Kommentar“ über „das Ausstellen“, fast schon didaktisch und scheinbar an die Kritik der sechziger Jahre anknüpfend: Schon 1957 hat Yves Klein mit „Le vide“ (Die Leere) einen leeren Galerieraum mit leerer Vitrine ausgestellt und damit das Konzept des White Cubes in Frage gestellt. Bei Chouakri sind die Wände in Flaschengrün und Royalblau gestrichen, als Verweis auf die klassischen Salon-Ausstellungen. Konsequenterweise hätte man sich die Lichtflecke in dichter Petersburger Hängung gewünscht. So bleibt alles streng und ostentativ.

          Was hat der Hans-Peter Feldmann der kleinen Beobachtungen, der bescheidene Sammler von Alltagsmomenten mit diesen aufgeblasenen Knalleffekten zu tun? Was wird hier eigentlich auf die Schippe genommen? Ist es die Galerie selbst, die es irgendwie trotzdem schafft, unsignierte Lichtflecke an Sammler zu verkaufen? Wird hier nicht dem Kunstmarkt selbst eine rote Clownsnase aufgesetzt? Vielleicht macht sich Feldmann aus alldem einfach einen riesengroßen Spaß.

          Weitere Themen

          Transformers wird gerettet Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Bumblebee“ : Transformers wird gerettet

          Wer bisher kein Fan von den Transformers-Filmen war, sollte sich „Bumblebee“ trotzdem nicht entgehen lassen. Wie Charlie Watson gespielt von Heilee Steinfeld zusammen mit dem gelben Käfer die Reihe rettet, erklärt Dietmar Dath.

          „Bumblebee“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Bumblebee“

          Am 20. Dezember kommt der Prequel des 2007 Transformers „Bumblebee“ in die deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht der gleichnamige Transformers-Charakter.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.