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Handschriften des Mittelalters : Meister ohne Namen

Den erotischen Kampf zwischen Glück und Weisheit zeigt das Stundenbuch des Meisters des Jean de Mauléon. Zu bestaunen auch in Heribert Tenscherts neuem Handschriften-Katalog.

          Bisweilen bedeutet Kataloglektüre eine Stunde des Staunens. Wobei diese Zeitangabe rein rhetorisch zu verstehen ist; denn zum Studium des neuesten Bandes aus der Reihe „Leuchtendes Mittelalter“, wie der Antiquar Heribert Tenschert seine Kataloge nennt, benötigt man mehrere Tage. Es gibt kaum eine Publikation, die sich so intensiv mit illuminierten Handschriften des Hoch- und Spätmittelalters sowie der frühen Neuzeit auseinandersetzt, also der Zeit bis etwa 1550.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Danach brach eine Tradition ab, die vor allem in Frankreich seit mehr als drei Jahrhunderten die subtilsten Kunstwerke hervorgebracht hatte. Doch kaum jemand kennt sie; denn die überaus raren Manuskripte werden in Museen ganz selten ausgestellt, und die in öffentlichen Bibliotheken aufbewahrten Exemplare sind durch jahrhundertelangen Gebrauch meist in beklagenswertem Zustand.

          Beinahe ein Monopol für die besten Stücke

          Das ist bei Tenschert anders. Er legt als Händler Wert auf möglichst perfekten Erhaltungszustand; denn seine Kundschaft ist überwiegend privat und anspruchsvoll. Drei Schweizer Sammler vor allem, die Jahr für Jahr zwischen fünf und zehn Handschriften bei ihm kaufen, sichern sein Geschäft. Zwischen dreißig und fünfzig weitere Sammler aus der ganzen Welt hat er als mehr oder minder regelmäßige Kunden. Bei den Preisen - die im Falle der 34 im aktuellen Katalog vorgestellten Stücke zwischen 70.000 und drei Millionen Euro liegen - ist man auf gegenseitiges Vertrauen angewiesen.

          Außer ihm, meint Tenschert, seien noch drei oder vier weitere Kollegen auf dem Markt für Manuskripte aktiv, aber es ist kein Geheimnis, dass er mittlerweile beinah ein Monopol für die besten Stücke besitzt. Seit 1977 handelt Tenschert mit alten Büchern, vier Jahre später wurde das Interesse des 1945 geborenen Niederbayern an Handschriften zum Schwerpunkt des Antiquariats. Heute kauft er teilweise Stücke wieder zurück, die er damals an den Mann gebracht hat. Er ist ein fanatischer Bücherliebhaber, was ihm den langen Atem verschafft, den solche Geschäfte bisweilen brauchen: „Meine Kollegen ärgern sich, wenn sie eine Handschrift nicht nach drei Monaten verkauft haben, ich dagegen freue mich daran, sie jahrelang selbst zu besitzen.“

          Eine Handschriften-Kollektion ohne Gleichen

          Kaufen als Sammler, verkaufen als Händler - das ist die Maxime von Heribert Tenschert. Wenn er nicht den rechten Kunden findet, der den rechten Preis für ein Manuskript zahlt, ruht das fragliche Objekt eben weiter in seinem Safe, einer begehbaren stählernen Kammer im Souterrain der Bibermühle, einem prachtvollen Anwesen, das zur schweizerischen Ortschaft Ramsen gehört und gleich am Ufer des Hochrheins liegt. Sie hat auch dem Antiquariat den Namen gegeben.

          In der Bibermühle lagert mittlerweile ein Handschriftenschatz, der selbst die Bestände der reichsten öffentlichen Bibliotheken übertrifft. Bibliothèque Nationale in Paris, Bayerische Staatsbibliothek, British Library, Getty-Museum? Alle zahlenmäßig längst keine Konkurrenz mehr für Heribert Tenschert, der im Laufe seines Händlerlebens mehr als 1500 Handschriften besessen hat, von denen aktuell immerhin dreihundert hier zu besichtigen und sofort zu erwerben sind. Tenschert nimmt nie in Kommission, er kauft stets.

          Geographisch eingegrenzt

          Auch qualitativ sieht er seine Kollektion weit vor den öffentlichen Sammlungen; denn in Privatbesitz werden Manuskripte besser verwahrt, stellt Tenschert fest, und man glaubt es ihm, wenn er im Wohnhaus des Bibermühlen-Anwesens ein makelloses Exemplar nach dem anderen vorzeigt. Kein Wunder, dass die internationale Expertenschar mit größter Spannung auf neue Kataloge wartet, die diese Bestände zugänglich machen. Allerdings nie als ganze, sondern jeweils thematisch geordnet.

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