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Graphik und Zeichnungen : Schöne Blätter

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Zeichnungen lassen sich ja auch verschenken: In Frankfurt gibt es sie zum Beispiel bei Joseph Fach, H. W. Fichter und Helmut H. Rumbler.

          Museen können inspirierend wirken: Als die bekannte Sammlung des Liechtensteiners Wolfgang Ratjen mit den Altmeisterzeichnungen deutscher, österreichischer und Schweizer Maler vor drei Jahren von der National Gallery in Washington erworben wurde, löste dies ein neues Interesse an dieser Kunstform bei internationalen, auch amerikanischen Käufern aus.

          Das hat der Frankfurter Kunsthändler H. W. Fichter seither immer wieder feststellen können. Sein Katalog bietet reizvolle Werke: Etwa das Aquarell einer „Mühle am Bach“, das zunächst dem Leipziger Akademieprofessor Friedrich Oeser zugeschrieben wurde, heute jedoch als Werk seines Lieblingsschülers Johann Sebastian Bach der Jüngere gilt, Sohn von Carl Philipp Emanuel Bach und Enkel des großen Thomaskantors (8000 Euro).

          Einen ziemlich seltsamen Beitrag zur Feminismus-Debatte avant la lettre hat Franz Nadorp geliefert, ein zunächst in Rom gefeierter Künstler, der später seinen kargen Lebensunterhalt mit Aufträgen und Zeichenunterricht verdienen musste. Der bittere Spott eines verkannten Genies spricht aus seiner Zeichnung von 1854 „Im Gefängnis“, die eine mythologische Travestie schildert: vier Männer - unter ihnen er selbst als Herkules - in Frauenkleidern beim Stricken, Spinnen und Polieren, bewacht von geharnischten Frauen (2200 Euro).

          In prachtvollen dunklen Farben ist ein „Wasserfall in den Sabiner Bergen“ auf Johannes Niessens Kreidezeichnung zu sehen (2800 Euro). Die Kunst des Porträtzeichnens ist mit Max Klingers erotischer Figurenstudie, entstanden um 1910, glanzvoll vertreten (11.000 Euro). Zehn Jahre später schuf der junge Maler Ernst Herburger sein lebensvolles „Selbstbildnis mit Krawatte“ in farbiger Kreide (4000 Euro).

          Ein Porträt der Familie und ihrer Kunstsammlung

          Wen heutzutage die zahlreichen Touristen in Dresden stören, der sollte sich mit einer Vedute des Benardo Bellotto, genannt Canaletto, aus dem Jahr 1752 trösten, welche die Kunsthandlung Helmut H. Rumbler in ihrem Katalog offeriert: Vor der Kulisse der prachtvollen Bürgerhäuser auf dem Alten Markt herrschte schon damals ein unglaubliches Menschengewimmel zwischen den Buden und Ständen; die Radierung „Vue de la Grande Place du vieux Marché, du coté de la Rue du Châtau Royal“ kostet 20.000 Euro.

          Als ein zentrales Werk von Daniel Nikolaus Chodowiecki gilt sein bezauberndes „Familienbild des Künstlers“ mit ihm selbst, seiner Frau und den fünf Kindern, alle inmitten der väterlichen Kunstsammlung vereint, das ihn auf der Höhe seiner filigranen Radierkunst zeigt (2400 Euro). Von Philippe-Louis Debucourt stammt einer der berühmtesten Farbstiche des 18. Jahrhunderts, „Le Menuet de la Mariée“, ein Frühdruck in perfekter Farbfrische und zudem noch mit feiner Provenienz aus der Sammlung Otto Schäfer (12.000 Euro).

          Für seine konfessionelle Toleranz bestraft

          Albrecht Dürer ist mit dem berühmten Spaziergang eines Paares vertreten, auf einem Blatt, das als tiefschwarzer Abzug eine besonders faszinierende Wirkung entfaltet (35.000 Euro). „Abrahams Opfer“, eine der letzten datierten Radierungen von Rembrandt mit biblischem Inhalt, soll 38.000 Euro kosten. Als Höhepunkt des druckgraphischen Werks von Hendrick Goltzius gilt sein kraftvolles großformatiges Bildnis des Dirck Volkertsz. Coornhert, eines Mannes mit vielfältigen Talenten, der als Politiker für Toleranz gegenüber Katholiken wie Protestanten eintrat und sich für die Unabhängigkeit der Niederlande von Spanien aussprach - eine Haltung, die ihn schließlich ins Gefängnis und danach ins Exil brachte; der Kupferstich in bester Druckqualität kostet 80.000 Euro.

          Ein „Muff mit Brokatband“ ist auf Wenzel Hollars charmevoller Radierung von 1647 zu sehen: ein Kälteschutz aus feinstem Pelz (12.000 Euro). Und Goyas berühmte Vanitas-Darstellung „Hasta la muerte - Bis zum Tode“, Blatt 55 der „Caprichos“, offeriert Rumbler in der ersten von zwölf Ausgaben (7500 Euro).

          Eine reizvolle Landschaft von Lenbach

          Franz Xaver Winterhalter wurde mit seinen lebensvollen Porträts von Kaiserin Elisabeth (Sisi) von Österreich und Kaiser Franz Joseph I. berühmt und erhielt zudem ehrenvolle Aufträge von fast allen anderen europäischen Fürsten- und Königshäusern. Dass er aber auch „einfache“ Menschen mit Einfühlung und Respekt malte, beweist sein kleinformatiger „Bildniskopf eines Mannes mit Hut, nahezu im Profil nach links und leicht nach unten geneigtem Kopf“, der im Angebot bei Joseph Fach ins Auge fällt: Gerade 15,5 mal 10,9 Zentimeter messend, festgehalten in schwarzer und roter Kreide auf brauntonigem Velin, kostet das Porträt 2800 Euro.

          Ein weiterer großer Porträtist jener Generation, Franz von Lenbach, ist bei Fach mit einer frühen, vor 1868 entstandenen reizvollen „Landschaft bei Granada“ vertreten, im ebenfalls kleinen Format (4500 Euro). Carl Morgenstern, Mitglied einer in fünf Generationen erfolgreichen Frankfurter Künstlerfamilie, hielt sich immer wieder in Italien auf und malte dort auch eine „Landschaft im Apennin mit Blick auf eine Schlucht“ (22.500 Euro).

          Von Baudelaire gelobt

          Gefragt waren die Gemälde von Adolf Stademann schon zu seinen Lebzeiten. Bei Fach ist er mit dem „Wilden Kaiser bei Kufstein. Hochgebirgslandschaft bei Abendbeleuchtung mit Haus und Wanderern“ präsent (6800 Euro). Das Porträt wiederum eines sympathisch wirkenden Esels malte Gerhardt Wilhelm von Reutern, der es 1876 zum kaiserlich russischen Hofmaler brachte (18 500 Euro).

          Eine elegante, ihrer Wirkung offensichtlich sehr bewusste „Junge Frau in Ballrobe, stehend im Profil nach rechts“ hat Constantin Guys, ein von Baudelaire mit Lob bedachter Maler, zum Sujet seiner rasch hingeworfenen Federzeichnung erwählt (2600 Euro). Zum Lieblingsbild könnte man jedoch eine Gouache von Johann Friedrich Leberecht Reinhold ernennen: „Ein Mann und eine Frau an einem Tisch sitzend. Er reicht ihr einen Blütenstengel, sie, eine Handarbeit und Schere in den Händen haltend, blickt ihn an“ (7500 Euro).

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