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Graphik : Ein Meer aus Köpfen

  • -Aktualisiert am

Phantastischer Realist: Der Künstler Stephan Klenner-Otto lebt in der Provinz und beschäftigt sich dort mit Literatur. Den Autoren hat er in unzähligen Porträts ein Denkmal gesetzt.

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          Dort, wo die Autobahn von Berlin nach München quer durchs Vogtland führt, häufen sich irgendwann Ausfahrten, die jedem Leser Jean Pauls vertraut vorkommen: Hof, Schwarzenbach, Rehau, Wunsiedel, der Fichtelberg. Kurz vor Bayreuth, im kleinen Ort Hornungsreuth, den ein gewöhnlicher Autoatlas gar nicht erst verzeichnet, wohnt einer seiner größten Liebhaber, der Künstler Stephan Klenner-Otto.

          Hier in der Gegend, in Kulmbach, ist er mit den schrägen Phantasien Jean Pauls groß geworden. Und mit dem nicht weniger bizarren E. T. A. Hoffmann, der einige Jahre in Bamberg verbrachte, kam er ebenfalls früh in Berührung. Klenner-Otto ist ein leidenschaftlicher Leser, Literatur bildet das Zentrum seines künstlerischen Kosmos. Seine Spezialität sind Porträts von Dichtern und Komponisten, dazu Illustrationen in bibliophilen Ausgaben.

          Facetten des eigenen Innenlebens

          Mehr als hundert Schriftsteller-Köpfe hat Stephan Klenner-Otto bereits geschaffen. Meist handelt es sich um Radierungen und Stiche, aber auch Aquarelle und Zeichnungen sind darunter. Wer diese eigenwilligen, ausdrucksvoll kantigen, anspielungsreichen Blätter betrachtet, mag dahinter einen Eigenbrötler wie etwa Jean Pauls Schulmeisterlein Wutz im Auenthal vermuten, der sich in Ermangelung von Büchern kurzerhand seine eigene Bibliothek von Kant bis Schiller zusammensudelt.

          Doch dieser Eindruck täuscht. Statt eines Kauzes begegnen wir einem begeisterten, äußerst humorvollen und lebensfreudigen Mann, der gern erzählt und viel lacht. In jedem seiner Porträts stecken subtile Einfälle, und alle verraten, so gibt er gern zu, auch Facetten seines eigenen Innenlebens: Darstellen mag er nur Figuren, zu denen ein enger persönlicher Bezug entstanden ist, die er intensiv gelesen und deren Biographie er studiert hat. Nikolai Gogol und Jaroslav Hasek gehören dazu, Baudelaire und Proust, Shakespeare und Ibsen, Georg Christoph Lichtenberg und Karl Philipp Moritz, Lessing und Schiller.

          Caspar Walter Rauh als Vorbild und Lehrer

          Dieser ganz eigene Kanon ist wohl die einzige Parallele zu Wutz, der auf einem der Bilder hinter Jean Paul hervorlugt. Die Sammlung der Lieblinge wächst stetig an, allein schon aus literarischer Neugier. Die Abzüge bei den Drucken sind strikt limitiert. Die gemalten Stücke bleiben meist ohnehin im Haus; sie sind oft Experimente - etwa ein Jugendporträt Goethes, das Klenner-Otto mit Buntstiften auf Papier aus einem Tagebuch des Jahres 1604 gezeichnet hat.

          Oder der weniger innig geliebte Richard Wagner, an dem man in der Nähe Bayreuths nun einmal nicht vorbeikomme, findet sich auf einem alten Buchdeckel dargestellt. Die Pappe hätte einfach perfekt der Hautfarbe entsprochen, meint der Künstler, vielleicht war sie aber auch einmal Teil einer Nietzsche-Ausgabe.

          Vorbild und Lehrer Klenner-Ottos war der phantastische Realist Caspar Walter Rauh, der in derselben Gegend lebte. Neben gemeinsamen Themen gehört dazu auch die handwerkliche Seite: Klenner-Otto radiert seine Platten immer ohne Entwurf und Vorzeichnung, meist in Kupfer für die feineren glatten Linien oder in Zink, wo der Strich beim Ätzen unregelmäßiger ausbricht und dadurch mehr Farbe aufnimmt. In der Mitte seiner Werkstatt stehen zwei Handdruckmaschinen, links ein großes Regal mit Platten, die bereits ihren Dienst für die kleine Maximalauflage versehen haben.

          Vier Hände für einen Druck

          Stephan Klenner-Otto sucht den wunderlichen „Dr. Katzenberger“ heraus. Nicht den ausgestopften „achtbeinigen Doppel-Hasen“, den dieser besessene Teratologe unter atemberaubenden Umständen aus einer Stadtapotheke raubte, hat er dargestellt. Wohl aber den zersausten Kopf des Arztes, von dessen Nase sich eine Spinne abseilt; den Spezialisten für Fehlbildungen umschweben allerlei phantastische Missgeburten: So erkennt man ein embryonales Mittelding zwischen Kaulquappe und Mensch neben einem verkrüppelten Nager in einer Phiole, wie sie einem aus E. T. A. Hoffmanns „Der goldene Topf“ vertraut vorkommen mag.

          Für das Katzenberger-Bild sind zwei Druckplatten nötig. Klenner-Otto streift sich blaue Gummihandschuhe über und beginnt, mit einer speziellen Gaze drei Farben in verschiedene Regionen von Vertiefungen einzumassieren. Inzwischen hat seine Frau das starke Papier eingeweicht und damit aufnahmefähig gemacht. In der Presse bedeckt sie das Blatt mit dem Kupfer und erzielt so mittels der Walze den ersten Abdruck.

          In den entstandenen Prägerand legt sie dann die geschwärzte Strichplatte und wiederholt den Vorgang. Lachend erzählt dabei Klenner-Otto, wie bei dieser Radierung plötzlich ein Telefonanruf störte und er in der Unterschrift den letzten Buchstaben im Namen Katzenberger vergaß. Den fügte er dann auf der Farbplatte hinzu, ein grünes „R“. Wenn die Kupfer beim Druck sauber liegen, kommt diese besondere Note an der richtigen Stelle zum Ausdruck.

          Das „Märchen vom Schlaraffenland“ im Bleisatz

          Im Atelier zeigt Klenner-Otto noch ein paar Malerbücher. E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ (890 Euro) oder der „Rat Krespel“ (820 Euro) im Berliner Verlag Serapion vom See sind auf je sechzig und vierzig Stücke limitiert und gediegen ausgestattet: Bleisatz, geprägtes Leinen und Handbindung. Die in jedem Band enthaltenen sechs Originalradierungen sind nicht in jedem Exemplar die gleichen. Liebhaber können sich also eine individuelle Bilderfolge aus 28 verfügbaren Platten bestellen.

          Neben diesen Großformaten gibt es fadengeheftete Einblattdrucke - zum Beispiel links das knappe „Märchen vom Schlaraffenland“ der Brüder Grimm im Bleisatz, rechts daneben die zugehörige Bildphantasie von Stephan Klenner-Otto (110 Euro bei The Bear Press, Bayreuth). Und diese Phantasie steigt manchmal über den gegebenen Inhalt hoch hinauf: Denn dorthin, wo schon Jean Pauls Luftschiffer Gianozzo seine kühnen Flugkapriolen schlug, erheben sich auch seine Ideen am liebsten.

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