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Gegenwartskunst : Ringen um jeden Strich

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Kunst aus einem Block: Mit Werken aus der Nachbarschaft bestückt die Whitechapel Gallery in London die Talentschau „East End Academy“.

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          „Was ist Malerei?“ - Die Londoner Whitechapel Gallery hat zu dieser Frage im vergangenen Herbst einen Wettbewerb für junge Talente, die „East End Academy“, ausgeschrieben. Alle Künstler, die östlich der Aldgate-Wasserpumpe, also im Umkreis der Galerie im Londoner East End, leben oder arbeiten, und noch nicht auf dem Kunstmarkt etabliert sind, durften Arbeiten einsenden. Das East End hat die höchste Künstlerdichte Europas. Da überrascht es kaum, dass nahezu 650 Einsendungen eingingen.

          Seit 1932 findet hier ungefähr alle drei Jahre der Wettbewerb statt. In diesem Jahr ist das Medium vorgeschrieben: Malerei. Die Sieger werden dann in einer Gruppenausstellung gezeigt. Die aktuelle Schau will demonstrieren, dass auch die jüngere Malerei in London „relevant und aussagekräftig“ ist, sagt Achim Borchardt-Hume, seit Februar 2009 der deutsche Chefkurator der Whitechapel und zuvor bei der Tate Modern.

          Bewusste Reduktion

          Die 1901 im damals verarmten East End zur „Vermittlung von Kunst zur Erbauung des Geistes“ - ähnlich einem deutschen Kunstverein - als Non-Profit-Organisation gegründete Galerie war bis zur Eröffnung der Tate Modern im Jahr 2000 und dem Boom in der Galerienszene der wichtigste Ort zur Vermittlung aktueller Kunst in London. Hier hatten Lucian Freud und Jeff Wall, Peter Doig und Thomas Schütte wegweisende Einzelausstellungen. Die „East End Academy“ ist die einzige Ausstellung der Galerie, die verkauft wird; den Erlös teilen sich Künstler und Galerie.

          Ursprünglich wurden alle eingereichten Werke auch ausgestellt. 1998 war die Szene mit den Young British Artists aber stark angewachsen, so dass sich 1900 Künstler bewarben. 150 wurden ausgestellt, 887 Künstler präsentierten sich in ihren Ateliers. Nach dieser Erfahrung entschied man sich für mehr Qualitätskontrolle und gegen eine Salon-Hängung wie bei der Sommerschau der Royal Academy.

          Mit Mut zur Hässlichkeit

          In diesem Jahr sind es nun nur zwölf Positionen, die ausgewählt wurden; fünf Frauen und sieben Männer. Engländer sind natürlich darunter, aber auch ein Litauer, Brasilianer, Portugiese, Neuseeländer, Argentinier und Amerikaner. Alle haben einen Abschluss an einer Londoner Kunsthochschule. Zur Jury gehörten Francis Outred, seit Januar 2009 Geschäftsführer für Gegenwartskunst in Europa bei Christie's, die Künstlerin Gillian Carnegie, der Schriftsteller und Kunstkritiker Barry Schwabsky, die Sammlerin Marion Naggar und der Kurator Anthony Spira.

          Die Argentinierin Varda Caivano, Jahrgang 1971, hat nach ihrem Bachelor in Buenos Aires in London am Goldsmiths College und am Royal College of Art studiert. „Was mich an ihrer Arbeit fasziniert, ist, dass sie sehr intensiv über Malerei nachdenkt und auch einen Mut zur Hässlichkeit hat“, sagt Achim Borchardt-Hume: „Jedes Mal, wenn sich für den Betrachter etwas zu formen beginnt, dann wird ein Akt dagegen unternommen.“ Caivano wird mit Victoria Miro bereits von einer großen Galerie vertreten. (Preise um 10.000 Pfund.)

          Fundstücke vom Flohmarkt

          Von Zara Matthews sind zehn Arbeiten zu sehen. Alle entstanden nach überbelichteten Polaroid-Aufnahmen mit einer defekten Kamera in einem italienischen Hotelzimmer; ein kreativer Unfall inspirierte ihre Bilder. Das Zimmer selbst funktioniert für Matthews wie eine Kamera, es fängt das Licht ein, die Außenwelt fließe in den Innenraum. (Preise von 1850 bis 19.850 Pfund.) Oberflächen und Muster interessieren Emily Wolfe auf ihren Raumansichten, die nostalgisch, vernachlässigt und verlassen wirken.

          Dabei hat die Künstlerin jedes Element, von der alten Blumentapete auf dem Gemälde „Tropic“ (verkauft) bis zu der verblassenden Girlande auf „Paper Chain“ (3200 Pfund), selbst auf Flohmärkten gekauft, inszeniert und dann detailgetreu abgemalt. Mit der Moderne, konstruktivistischen Ideen von Schwitters und Duchamp beschäftigt sich das weibliche Künstlerduo Cullinan Richards. Ihre Malerei auf Spanplattenkonstruktionen greift in den Raum hinein und wird mit hängenden Lampen aus Kabelrollen und Neonröhren erweitert. (Preise von 1600 bis 7500 Pfund.)

          Die Rückkehr der Luftballons

          Wer sich auf die Bilder einlässt, erkennt, wie sich einige Künstler jeden Pinselstrich abringen mussten, so befangen ist die Malerei: „Ironischerweise ist es ebendieser Diskurs um ihre angebliche Unzulänglichkeit, ihre Verfehlungen und Grenzen, der das Überleben der Malerei gesichert hat und neue Wege für Künstler eröffnet hat, ihre Geschichte zu erweitern und ihre Möglichkeiten auszuloten“, schreiben die Direktorin Iwona Blazwick und Borchardt-Hume im Katalog.

          Das vollendete Bild ist für Robert Holyhead das Ergebnis zahlloser Studien: „Ich betrachte das Malen und die Gemälde als eine beständige Befragung bestimmter Werte und Bestandteile.“ Für „Untitled (shaped)“ von 2006 (verkauft) hat er grüne Farbe aufgetragen und dann teilweise mit Weiß übermalt; sie scheint aber an den Rändern wieder auf. Bruno Pacheco und Lara Viana arbeiten mit gefundenen Bildern aus dem Internet oder Magazinen. Die gleichen Motive werden immer wieder verarbeitet, wie das Bündel Luftballons in Pachecos „Untitled (Balloon Man)“ von 2007 (3750 Euro).

          In den Gemälden wiederholen sich die fast schon alten Themen der Malerei: Fragen der Figuration und Abstraktion, die Beziehung des Mediums zur Fotografie, der Kunstgeschichte oder seine Ausweitung über die Begrenzungen der Leinwand hinaus. Vergeblich sucht man nach Bildern, die sich mit Gesellschaftspolitik oder dem sozialen Umfeld beschäftigen. Ein Kontrast zu den Porträts, die im ersten Stock gezeigt werden: Sie sind von Elizabeth Peyton, der Malerin des modernen Lebens.

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