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Gegenwartskunst : Konkrete Blicke vom Feldherrenhügel

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Plattes Land, Meereswogen und die Bootsfahrt nicht vergessen: In Hamburgs Galerien wenden sich die Künstler hin zur Natur - doch die Idylle trügt.

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          Es ist Hochsommer, und der wird in Hamburg von den jüngeren Galeristen und Künstlern, verabredet oder nicht, mit unterschiedlichen Standpunkten zum Thema Landschaft belebt. Im Bahnhofsviertel St. Georg, das schon lange erfolgreich gegen sein Schmuddel-Image angeht, hat sich seit Mai die ursprünglich in St. Pauli beheimatete Galerie Hafenrand etabliert. Galerist Anton C. Kunze hat seine Künstler, Absolventen der Kunsthochschulen Leipzigs und Hamburgs, mitgebracht und präsentiert jetzt einige von ihnen unter dem Titel „ohne mich stehst du im nichts“. Das Berliner Künstlerduo Rindfleisch/Rapedius sorgt für den Mittelpunkt der Schau.

          Sie lassen sich von Landschaftsformen wie Berggruppen, Horizontlinien oder Taleinschnitten inspirieren, die mit preiswert verfügbaren Massenprodukten nachgestaltet und interpretiert werden: Ein Wald aus hohen Säulen erhebt sich, zusammengefügt aus Plastik-Kaffeebechern (Preise variieren je nach Größe).Um diese Installation gehängt sind zwei Großformate, Pastell und Lasur auf Papier, der Neo-Rauch-Schülerin Friederike Jokisch, Jahrgang 1981: konkrete Blicke vom Feldherrenhügel auf tiefer liegende Landschaften, die sich dann öffnen und Freiräume bieten, statt Baumreihen winzige figürliche Kompositionen (4000 Euro). Dazwischen hängen bunte Abstraktionen der 1976 in Warschau geborenen Magdalena Sadziak, die Assoziationen wecken mit Monets Seerosenteichen und barocken Deckengemälden (Preise von 3800 bis 7200 Euro).

          Natur geformt von Künstlerhand

          In den Foto- und Videoarbeiten des gebürtigen Isländers Sveinn Fannar Johannson, geboren 1977, dient die Landschaft als variable Kulisse und Gestaltungsraum: Durch gezielte Eingriffe in die norwegische Weite drapiert er die Natur wie ein Stillleben, fügt rätselhafte Holzlattenkonstruktionen hinzu, pflanzt hier etwas, sägt dort einen Baum um, akzentuiert und kommentiert. Yvette Kiessling, Jahrgang 1977 und Arno-Rink-Schülerin, schließlich bearbeitet kleine Hartfaserplatten in der Natur, wodurch abstrahierte Versatzstücke entstehen (Preise von 420 bis 1400 Euro).

          Der kleine „Kunstladen 101“ in Altona, gegründet von der Künstlerin Susann Stuckert im Sinne der Hamburger Kultursenatorin von Welck, die aufforderte, „die Kunst in die Straßen“ zu bringen, zeigt unter dem Motto „Schmeißt das Wort Kreativität über Bord und fischt im Reich des Eigensinns“ vier Künstler: Klaus Kröger, geboren 1920, ehemaliger Documenta-Teilnehmer und immer noch knurriger Feind des herrschenden Kunstbegriffs, hat heftig geteerte große Datumscollagen gehängt: „18.4.“ oder „7.12.“ steht dort. Was geschah an jenen Tagen? (Preise von 1900 bis 3200 Euro). Dazwischen hängen Susann Stuckerts kleine lebendig patinierte Sperrholzquadrate mit weißen menschlichen Profilen (250 Euro), darunter, als hyperrealistischer Kontrapunkt, Ralf Jurszos, Jahrgang 1947, hopperleere Stadtlandschaften, deren einstöckige weiße Zweckbauten ihren Zweck schon lange erfüllt haben. (Preise von 900 bis 1800 Euro.)

          Aus „wear“ wird „weird“

          Tünn Plett, geboren 1941, Fluxusmann und wortgewaltiger Bazon-Brock-Schüler, arbeitet in seinen Kohlezeichnungen mit Sprachen und Wortmorphen, verspielt das englische Wort „wear“ in einem langen reizvollen Figuren-im-Raum-Zyklus in „weird“. Auch ein „Paul Fair Lane“ geht da über eine lange Straße. Erstmals zeigt er in der Ausstellung zusätzlich „Nur-Zeichnungen“, die beweisen, dass er auch ohne Worte auskommt (je 400 Euro). Den Galerieboden belebt Knud Plambeck mit seinen aus altem Hafenmetall hergestellten Objekten: Schiffe, Bojen, die scheinbar halb aus dem Betonmeer ragen, und ein Fisch, der über allem schwebt, bilden hier ein Panoptikum (Preise von 900 bis 1400 Euro).

          Die Fotogalerie Aplanat zeigt Seestücke von Renate Aller: „Seascapes - one location“. Die deutsche Künstlerin, die in New York lebt und arbeitet und sich normalerweise vor allem mit multimedialen Installationen beschäftigt, zeigt hier großformatige Fotografien aus den Jahren 1999 bis 2008 (Preise von 2700 bis 8700 Euro.). Sie wurden stets vom selben Standpunkt ihres Hauses auf Long Island aufgenommen. Dem Meer bleibt zumeist nur ein schmaler unterer Randstreifen, der Rest ist dem Wetterspiel des Himmels gewidmet: klar und blau, gefährlich gewitternd, sanft im Sonnenuntergang. Was bleibt, ist die Veränderung.

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