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Gegenwartskunst in München : In der Tasche entsteht ein Raum

  • -Aktualisiert am
          1 Min.

          Es ist immer spannend, wenn zwei Künstlerinnen erstmals gemeinsam einen Ausstellungsraum bespielen sollen - insbesondere, wenn sie im gleichen Medium arbeiten. Hella Gerlach und Kalin Lindena glückt das Experiment in der Münchner Galerie Tanja Pol harmonisch und konstruktiv. Beide arbeiten mit plastischen Elementen, die das Situative betonen und dynamische Leichtigkeit ausstrahlen.

          Hella Gerlach installierte „Räume im Raum“ mit an dünnen Fäden fast schwebenden, minimalistischen Kammern, die sie aus farbigem, semitransparentem Nessel und Viskose näht. Zwischen doppelten Wänden und in applizierten Taschen dieser „Räume“ stecken Ton- und Porzellanobjekte zum Herausnehmen. Manche schmiegen sich Körperteilen an, lassen sich über das Handgelenk stülpen oder die Schulterkugel legen. Andere sind wurst- oder stabartig geformt und dafür bestimmt, in der Hand herumgetragen oder sogar von zwei Personen gehalten zu werden.

          Respektvolles Berühren ist also ausdrücklich erwünscht und aufgrund glatter, weicher Glasierungen und Autolacküberzüge auch äußerst angenehm. Kunst als reines Anschauungsobjekt scheint Hella Gerlach nicht zu interessieren. So wie ihre Raumelemente dazu herausfordern, sich selbst zu bewegen, um sie herum und in sie hineinzugehen und dabei den großen, sie umgebenden Raum immer wieder anders zu erleben, so fordern die Formteile auch das „behandelt werden“ ein. Denn ohne den Tastsinn lassen sie sich nur mangelhaft erfahren, schon gar nicht, wenn sie in ihren Taschen und Verstecken ruhen. (Die „Räume im Raum“ kosten 2800 bis 3800 Euro, die Objekte ab 350 Euro.)

          Zwischen Gerlachs Stoffräumen stehen Kalin Lindenas lebensgroße Figurinen und besetzen den Raum ähnlich wie der Ausstellungsbesucher auch. „Statisten“ nennt die Künstlerin die flachen Gestalten, die Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“ entsprungen sein könnten und auch in Lindenas Filmen „Gehtanz I - III“ agieren. Der Kopf eine gläserne Lampenkugel, die Arme ein Fahrradreifen - so steht „Statist: Mein“ auf seinem Schraubzwingen-Fuß, umschwungen von einer Hula-Hoop-Reifen-Aura (8000 Euro). Ähnlich silhouettenhafte Gestalten bevölkern Lindenas großformatige, mit Lacken, Beize oder Aquarell überarbeitete Fotogramme (3000 Euro). Während der Ausstellungsvorbereitung stellten die in Berlin lebenden Künstlerinnen fest, dass sie am selben Tag des Jahres 1977 geboren wurden; sie haben das offenbar als bestes Omen für harmonisches Kooperieren genommen.

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