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Gegenwartskunst in Hamburg : Einrichtungssperre

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Von der Sicht der Künstler auf die Gegenwart: Jörg Rode entlarvt Täuschungsmanöver, Helmut Dorner widmet sich dem Fluss der Farbe, und Nir Alon konstruiert mit gewöhnlichem Mobiliar die unwahrscheinlichsten Gebilde.

          In die Ozeane der Welt werden neuerdings Schiffswracks versenkt, um orientierungslosen Fischen in der Unendlichkeit des Wasserraumes ein neues Riff vorzugaukeln und ihnen so einen Bezugspunkt und eine neue feste Bleibe zu geben. Ein ähnliches Täuschungsmanöver meint der Künstler Jörg Rode, Jahrgang 1957 und Schüler von F. E. Walther, in dem staatlichen Projekt „Kunst im öffentlichen Raum“ entlarven zu können. Ursprünglich war sie eine gutgemeinte Idee zur Erbauung der Besucher bundesdeutscher Innenstädte. Häufig aber wurde sie zum künstlichen Riff inmitten der Unwirtlichkeit der Städte. In seiner Ausstellung „Einer zuviel“ bei White Trash in der Hamburger Admiralitätsstraße baut er diese Versatzstücke postmoderner Stadtmöblierung nach - aus Holz, sorgsam angemalt in serra-rostigen Brauntönen, die er zuvor aus echtem Rost hergestellt hat.

          Seine Objekte tragen Titel wie „Konzeptuelle Fügung“, „Heilige Kühe“ oder „Öffentliche Kassen“ und sind Würfelformen mit gedankenvollen Künstler-inschriften, mannshohe leere Rahmen oder geometrische Skulpturen. Und er fügt das hinzu, was die Zivilisation in all ihrer Unzivilisiertheit für sie übrighat: weggeworfene Zigarettenschachteln, ausgedrückte Kippen, zerdrückte Cola-Dosen, Urinspuren, Kreidegraffiti. Eine sperrige Poesie spricht aus den Installationen, macht sie zu Denk-Modellen aktueller gesellschaftlicher Prozesse. (Die Preise liegen bei 3000 bis 7000 Euro, für Zeichnungen und Collagen bei 1200 oder 1500 Euro.)

          Möbel in Bewegung

          Nir Alon, im Jahr 1964 in Israel geboren und in Hamburg lebend, lässt mit zunehmendem internationalem Erfolg auch wieder hier seine Möbel schweben. Im grellweißen Galerieraum der vor einem Jahr in der ungemütlichen Industrielandschaft des Hamburger Rothenburgsort gegründeten Galerie Tinderbox klemmt Nir Alon auf rund sechs Meter zwischen Wand und Betonpfeiler spießiges Billigmobiliar der vergangenen Jahrzehnte. Das klassische Sperrmüllmaterial ist in fragilem Gleichgewicht aufeinandergestapelt, lehnt sich haltsuchend aneinander und scheint in seiner hinfälligen Anordnung einzig auf zwei leuchtenden Glühbirnen zu ruhen. Obwohl kompakter als in früheren Arbeiten ist Nir Alons Welt immer noch wie aus dem innerlichen Gleichgewicht geraten, schwebend absurd, auf rätselhafte Weise aber standhaft. Das vordergründige Spiel mit Balance, Gewicht, Schwerkraft rührt an durch die offen versteckte Assoziation mit menschlichen Zuständen wie Angst, emotionaler Instabilität und nervlicher Anspannung (Preis auf Anfrage).

          Fragil und schwebend sind auch die grafischen Darstellungen von Möbelstücken, die nicht auf die Wand gemalt, sondern mit farbigen Klebebändern geheftet sind. Sie sollen je 4000 Euro kosten. Die Frage kommt auf: Wie trage ich das Kunstwerk nach Hause, wie kommt es dort an meine Wand? Man erhält, so ist zu hören, eine Overhead-Folie, mit der das Bild an die Wand projiziert wird, und Klebeband zum nachkleben. Bei Bedarf kommt der Künstler selbst, das kostet dann aber mehr. Sind da nicht Raubkopien Tür und Tor geöffnet? Da muss man sich auf das Ehrenwort des Käufers verlassen, sagt Galeristin Diane Kruse. Seine Nichtverortbarkeit, seine Heimatlosigkeit im tieferen Sinne scheint denn auch einer der Auslöser und Antreiber von Nir Alons Kunst zu sein.

          Den Zufall im Griff?

          Für die Ausstellung bei Vera Munro hat auch Helmut Dorner, Jahrgang 1952 und Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, eigens Bilder geschaffen, und auch hier werden sie zu dreidimensionalen Objekten. Die bis zu 280 Zentimeter hohen Plexiglasträger mit geschütteten farbigen Ölstrukturen lassen die Wand der Galerie durchschimmern und erheben sich so zu sanften Hügeln. Erst seit den neunziger Jahren tritt Dorner ganz hinter die Zufälligkeit der fließenden, gegossenen Farben zurück, greift offenbar nur zurückhaltend in die entstehende Ordnung ein; seine Vorgabe ist lediglich seine charakteristische Palette aus Weiß, Rosa-, Rot- und Violett-Tönen, akzentuiert mit Schwarz, Grün und Blau. (Die Plexiglasobjekte kosten zwischen 22.000 und 34.000 Euro.)

          Ganz neu sind seine Kleinformate, mit fester, sich kaum vermischender Farbe auf sechs Zentimeter dickes Holz gestrichen: Sie sind nicht größer als fünfzig mal sechzig Zentimeter. Die Vermischung kommt durch ständige Übermalungen, durch die fühlbare grobe Oberfläche (Preise von 12.000 bis 14.000 Euro). Im Vergleich zu dieser Farbschwemme sind Dorners Zeichnungen von zerbrechlicher Twombly-Qualität, wirken neben den kleinen Gemälden wie ihr Kommentar: Es ist der Strich, das Graphische, was den Künstler eigentlich bewegt, gleichzeitig aber auch die Ambivalenz der Form, das Überlagernde, sich gegenseitig Durchdringende. (Die Zeichnungen, Gruppen von drei bis sechs Blättern, kosten 3000 bis 6000 Euro.)

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