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Gallery Weekend : Das Wochenende von Berlin

Mit seinem Gallery Weekend spielt sich Berlin in der Liga der Kunst-Orte international ganz nach vorn.

          4 Min.

          Die Verhältnisse sind aus dem Ruder gelaufen, die Dinge sind aus dem Gleichgewicht geraten. Simon Starling hat bei neugerriemschneider seine Arbeit „The Long Ton“ unter der hohen Decke installiert. Ein roher Block aus chinesischem Marmor bildet an einem Flaschenzug quer durch den Raum das Gegengewicht zu einem wesentlich kleineren, aber identisch formatierten Stück aus schneeweißem Carrara-Marmor. Trotz ihres Größenunterschieds haben beide Blöcke einen ähnlichen Wert.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der britische Künstler fragt nach den Distanzen, die Raum und Zeit beherrschen, aber auch nach ökonomischen und historischen Wirkungszusammenhängen. In einer zweiten Arbeit scheint eine Feder in die Tiefe eines Lithosteins zu schweben, ein Nichts an Gewicht, jedoch selbst fossiler Fund vom Gefieder eines Urvogels. „Archaeopteryx Lithographica“ heißt die Skulptur aus einem Stein von den Solnhofener Brüchen. Sie spürt der Evolution nach. Nahezu Schwerelosigkeit und harter Grund gehen eine Verbindung ein, die hochästhetisch auf all die Relationen verweist, die unsere Wahrnehmung bestimmen. (Preise auf Anfrage.)

          Zbigniew Rogalski bei Zak/Branicka

          Anders werden die unvermeidlichen Täuschungen, zu denen das Sehen uns zugleich verpflichtet und doch auch befreit, von den neuen Gemälden Zbigniew Rogalskis eingefangen. Der polnische Künstler setzt bei der jungen Galerie Zak/Branicka, die zum ersten Mal am Gallery Weekend teilnimmt, seine Überprüfung des Standorts vom Bild, seinem Schöpfer und dem Betrachter fort.

          Er exerziert die Optionen des Betrachtens unter dem sinnigen Titel „Stories“ an einem Glasgefäß durch, das sich auf der Leinwand spreizt im Spiel mit den Möglichkeiten von Malerei überhaupt: Rogalski schickt das Auge in den Abgrund, wo Abstraktion, Geometrisierung, Spiegelung und gestischer Duktus sich verwirrend mischen. (Die Gemälde kosten je 22.000 Euro.)

          Hanne Darboven bei Klosterfelde

          Eine phänomenale Reflexion auf die Zeit und die Frage ihrer Darstellbarkeit bietet Klosterfelde. Zwei eminente Arbeiten der am 9. März dieses Jahres gestorbenen Hanne Darboven sind dort gehängt. Eine davon entstand 1984 - auf 1008 Blättern und einem Index sind Notate rhythmisch auf- und absteigender Zahlenreihen festgehalten, die sich optisch der Notenschrift einer Partitur annähern - und hat ihren gedanklichen Ursprung in sonntäglichen Radio-Wunschkonzerten des Norddeutschen Rundfunks: „Wunschkonzert“, so auch der Titel, wurde 2002 auf der Documenta, in Aktenordnern als Loseblattsammlung, gezeigt und ist jetzt erstmals vollständig gerahmt präsentiert.

          Zu Ehren eines Juristen

          Ein hoher Zauber geht von diesen Reihen aus, deren jede von zierlichen altmodischen Konfirmations-Glückwunschkarten angeführt wird, eine Schönheit ist behauptet, die sich der Ratio verschließt. Die zweite Arbeit mit dem Titel „Card Index, Filing Cabinet, Part I“ wurde 1976 bei Leo Castelli in New York gezeigt und ist nun zum ersten Mal seither in Europa zu sehen. Sie ist auf 600 Blättern und dreizehn Indices dem Tübinger Juristen Johann-Jakob Moser gewidmet, der das deutsche Staatsrecht über ein Karteikarten-System erschloss. Unbedingt sehenswert ist dies. (Die Preise für die zwei großen Arbeiten auf Anfrage; Auflagen-Arbeiten für 4500 und 6000 Euro.)

          Einen anderen Weg zu den Wurzeln geht die Galerie Crone; Andreas Osarek widmet sich dem Werk Georg Karl Pfahlers. Unbeirrt ist der deutsche Künstler, der 2002 im Alter von fünfundsiebzig Jahren verstarb, seinen Weg gegangen. Der Farbe, der Form und dem Raum gilt sein Credo, das er auf starken großformatigen Flächen seit den sechziger Jahren variierte. Hohe Zeit, diese Kraftfelder einmal wieder ans Licht zu bringen (und übrigens einer Gegenwartskunst vorzustellen, die ihre Väter oft kaum zu kennen scheint). Die Galerie leuchtet in Pfahlers Klarheit. (Preise von 36.000 bis 83.000 Euro.)

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