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Gallery Weekend : Das Wochenende von Berlin

Artschwager beherrscht den Raum

Der amerikanische Künstler Richard Artschwager, gerade ein Jahr jünger als Pfahler, ist noch im Vollbesitz seiner Schaffenskraft. Er ist einer der ganz Großen des Objekts und des Konzepts, der mit dem Etikett der Minimal Art nur unzureichend bedient ist. Durch und durch Beherrscher seiner Materie, Liebhaber der Form im Raum und der Formung des Raums durch ein Objekt - der Mann weiß, ganz wörtlich, wie Möbel zu bauen sind - hat er zum Gallery Weekend seinen Auftritt bei Sprüth Magers.

Da stehen sie also, diese Fremdlinge in Formica und Resopal, die doch so vertraut und selbstverständlich tun und nichts von sich hermachen wollen - scheinbar. Oder sie hängen als corner pieces oben an der Wand und heißen etwa „Splatter Chair B“, bockige Gebilde, sehr spezielle Varianten des Herrgottswinkels. Mit Robert Therrien und Robert Elfgen gesellt die Galerie Artschwager zwei gewissermaßen Brüder im Geiste. (Preise für Artschwager-Werke von 125.000 bis 325.000 Dollar.)

Duchamps Schokoladenreibe als Schlagzeug

Die Herren Schwontkowski und Herold geben sich bei Contemporary Fine Arts die Ehre, fulminanter Auftritt fürwahr: Norbert Schwontkowskis Bilder spielen virtuos auf der Klaviatur des Malerischen und sind zudem mit subtilem Witz ausgestattet, der gelegentlich mehr als nur den Doppelsinn aufruft: Oder hat man schon einmal einen Drummer hinter Marcel Duchamps Schokoladenreibe sitzen sehen?

Georg Herold ist da die beste Gesellschaft: Seine zusammengeschraubten hölzernen Androiden amüsieren sich über Attitüden und Gehabe, durchaus an der Grenze zum Sarkasmus. Ihre Materialität - Latten, Schrauben, Schaumgummi, Unterhosen - macht das Spannungsfeld auf mit der verblüffenden Perfektion, in der sie Herold quasi erschaffen hat. (Schwontkowskis Gemälde von 7500 bis 33.000, Herolds Skulpturen von 55.000 bis 120.000 Euro.)

„Fat Man“ mit Dreckspritzern

Geht es womöglich um Schönheit? Die ambivalente Attraktivität des, auch im moralischen Sinne, Hässlichen zelebriert Iñigo Manglano-Ovalle in der Galerie Thomas Schulte. Seine Installation „Dirty Bomb“ - die maßstabsgetreue Nachbildung der äußeren Form von „Fat Man“, jener Atombombe, die von den Amerikanern 1945 über Nagasaki abgeworfen wurde - füllt den Raum prall mit perlweißem Schimmer, beworfen mit Schlamm wie ein böser Spielverderber.

Das Video „Juggernaut“ - der Titel, einer der Namen des indischen Gottes Krishna, spielt auf eine unaufhaltsame Kraft an - zeigt in phantastischer Weise die weiße Weite des riesigen mexikanischen Salzsees, über den dann ein gigantischer schwarzer Truck fährt: Er gehört, wie auch der unermessliche Salzvorrat selbst, dem Mitsubishi-Konzern. (“Dirty Bomb“ kostet 185.000 Dollar,

„Juggernaut“, Auflage 5, 60.000 Dollar.)

Ein Mondrian zwitschert

Schon vor der Vernissage schaukelten die Kanarienvögelchen in ihren Käfigen, die ein, in den Dimensionen seiner Querträger genau nach den Teilungsprinzipien des Quadrats geschaffenes „Gesangskanarienmobile“ von Carsten Höller einander begegnen lässt: Ein Mondrian zwitschert, so ließe sich sagen, in der Galerie Esther Schipper. (Preis für die gesamte Arbeit 120.000 Euro.)

Es ist durchaus von Nutzen, für die hohe Dosis Kunst, die nun für einige Wochen Berlins Galerien besetzt, ein paar Kenntnisse zu aktivieren, die über die Tagesrationen gelungener Unterhaltung hinausgeht. Vielleicht ist damit ein neues Spielfeld eröffnet, nach all dem Hören-Sagen und Haben-Müssen und Schau-Kaufen? Eine einigermaßen erfreuliche Vorstellung jedenfalls. (Wir berichten weiter.)

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