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Gallery Weekend Berlin : Eigene Zeit, eigener Ort

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Das Berliner Gallery Weekend hat sich als internationales Sammlertreffen etabliert. Jetzt ist es wieder so weit: Die ganze Stadt steht im Zeichen der Kunst. Was lohnt sich dabei?

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          Wie erzählt man vom Gallery Weekend? Das ist ein Kunstmarathon, zu dem diese Bezeichnung wirklich passt: 51 Galerien, über die ganze Stadt Berlin verteilt, wurden von den Initiatoren ausgewählt und haben gestern Abend parallel ihre Ausstellungen eröffnet, ein Fest der Kunst als Fotografie, Installation, Malerei, Performance, Querbeet-Gewurstel. 51 Galerien, das sind weit weniger, als selbst die kleinste Messe zeigt. Die Wege zwischen den Standorten sind teilweise beträchtlich; die Sammler sieht man in schwarzen, schweren Autos durch die Straßen fahren, Sammlertaxis auf Zeit. Doch auch mit dem Fahrrad lässt sich die Kunst erkunden. Denn um sie zu verstehen, hilft auch der Blick auf die Stadt - und die Menschen, die Gentrifizierung und den Wandel.

          Capitain Petzel auf der Karl-Marx-Allee zeigen zehn großformatige Gemälde von Maria Lassnig. Endlich ist hier zu sehen, was sie in der Retrospektive in Graz noch verwehrte: „Vom Tode gezeichnet“ von 2011 heißt ein Linienkörper, der sein Innerstes außen trägt und die eigene, halb flüssige Totenmaske bearbeitet. Dieses angstfreie Bild hebt den Scheingegensatz von Leib und Seele als Ausrede der Sterblichkeit vor ihrem Ende ins Licht.

          Das Bild wirkt bei diesem Gallery Weekend wie ein Stichwortgeber für andere Künstlerinnen - die Tschechin Eva Kotátková etwa, Jahrgang 1982, die bei Meyer Riegger auf der Friedrichstraße mit ihren Performances, Fotos und Installationen ebenfalls nach Bewusstseins- und Körperzuständen sucht: In einem Film wundern sich ein Menschenkopf auf mit Kreide sehr gradlinig gezeichnetem Schneckenkörper oder einer mit Buchkopf über die Außenhaut der Innerlichkeit.

          Kotátkovás Fotografien zeigen einen Mann und eine Frau, die wie im Tanz Posen einnehmen. Ihre Haltungen zur Umgebung markiert die Künstlerin, indem sie Linien einritzt. Sie begrenzen den Raum, geben Richtungen oder trennen Menschen voneinander. Kotátková hat lange, wie auch Lassnig, mit der Beobachtung ihres eigenen Körpers gearbeitet. Jetzt arbeitet sie mit Laiendarstellern.

          Ihre Plastiken wirken wie Ausstülpungen der Menschen, die sich in ihnen bewegen - das, was Lassnig in sich spürt und auf der Leinwand umsetzt, lässt Eva Kotátková Räume erobern. Ihre Fotografien sind zwar nur Visualisierungshilfsmittel - wie auch die Zeichnungen bei Lassnig. Doch geht Kotátková weiter: Sie bleibt nicht bei sich, ist sich nicht nur selbst Therapeutin, sondern sucht intersubjektive Augenblicke. Es ist eine sehr tiefe, intime Kunst, fern aber von Gefühlsduselei oder Selbstmitleid (Preise 1000 bis 85.000 Euro).

          Das Stadtbild, die Jugendlichen, die wir jeden Tag in den Straßen sehen, hat die Künstlerin Nevin Aladag, Jahrgang 1972, festgehalten: Ihre „Best Friends“-Serie zeigt bei Wentrup gute Freunde, deren ähnlicher Kleidungsstil, Haltungen, Blicke die Verbindungen offenbaren, die zwischen ihnen bestehen. Alle diese Paare drücken etwas aus: Wir halten zusammen. Eine Intensität entsteht, die über die Coolness der Stoffbeutel-Mädchen mit aufgerissenen Jeans hinausgeht. Es wird hier angedeutet, wie weit Freundschaft reichen kann - wenn sich Individualität aufzulösen beginnt, Leute einander ähnlich werden in der Haltung, im Blick. Der Partnerlook konstituiert Identität (je 4200 Euro).

          Auch Özlem Altin, 1977 in Goch geboren, schaut dem zeitgenössischen Menschen direkt ins Gesicht. Ihr „Cathartic Ballet“ besteht aus drei Teilen, Schwarzweiß-fotografien, collagierten Gemälden und Skulpturen im Raum: Sie ergeben diesen Gefühlstanz. Auch hier stehen Geisteszustände, Selbsterfahrung, Biographien im Zusammenhang mit einem Außen. Skulpturen aus Pappe beugen sich, begrenzen den Raum, die Freiheit einer anderen Skulptur. Eigenorte: So könnte eine Überschrift lauten für die Perspektiv-Erzählungen dieser jungen Künstlerinnen, ihre Erkundungen von Gegenwart in wechselndem Umfeld.

          Bettina Pousttchi bei Buchmann hat sich zum Ziel gesetzt, in allen 24 globalen Zeitzonen eine öffentliche Uhr zu fotografieren: Grand Central Station in New York, Big Ben in London oder das Parlamentsgebäude in Doha und einige andere hat sie schon - alle Uhren stehen auf fünf vor zwei. Die Künstlerin zeigt sie in Schwarz-weiß und mit Flimmerstreifen durchsetzt, als hätte man einen alten Film-Still vor sich. Patina, Aura, Vergänglichkeit des Rückblicks: Diese Zeit geht vorbei.

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