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Galerierundgang Wien : Wenn Hasen die Jäger fangen

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Sie alle suchen den schnellsten Weg aus der Realität: Per Dybvig mit surrealen Zeichnungen bei Christine König, Katrin Plavcak mit gemalten Phantasiewelten bei Mezzanin und Katrina Daschner mit ihrer Gender-Schau „Flamingo Massacre“ bei Krobath.

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          Als Symboltier hoppelt der Hase vielgestaltig durch die Kunstgeschichte. In einer misanthropischen Satire tritt Meister Lampe nun in der Ausstellung „Hunter Hare Dog“ auf, die der Künstler Per Dybvig bei Christine König in Wien zeigt. Der 1964 geborene Norweger beruft sich für seine neuen Papierarbeiten auf einen Stich des Dürer-Gesellen Georg Pencz.

          Der begabte Kupferstecher widmete sich nicht wie sein Meister Naturstudien, sondern setzte mit dem Flugblatt „Die Hasen fangen die Jäger“ schelmisch die Kämpfe der Reformationszeit ins Bild. Während die Unterschiede zwischen Mensch und Karnickel bei Pencz' Bild - zumindest äußerlich - noch eindeutig sind, verschwimmen sie in Dybvigs ungeheuer feinen Tuschzeichnungen zunehmend.

          In den 27 Blättern der Serie „Cloud“ (je 600 Euro) bringen nicht nur die integrierten Textlinien zum Schmunzeln. Dort marschieren Fellträger cowboyhaft auf zwei Beinen daher, im missmutigen Mundwinkel eine Kippe und in der Pfote ein Schießeisen. Auch Hyänen bevölkern diese Zeichnungen, die gerade durch das Fehlen eines Hintergrundes den virtuosen Umgang des Künstlers mit dem Bildraum beweisen. Bei Dybvigs „angry hares“ hat sich die von Pencz noch einfach dargestellte Umkehrung der Verhältnisse verkompliziert: Die Gejagten gehen aufeinander los und schließen Deals mit den Weidmännern.

          Wie bei so vielen Positionen des jüngsten Zeichnungsbooms ist Dybvigs Humor schwarz und tendiert zum Surrealen. Seine ausgesprochen männlichen Hasengeschichten hat der Künstler zuletzt auch in Stop-Motion-Technik animiert und mit gesprochenen Monologen unterlegt. In den Animationsfilmen setzt Dybvig den Bleistift fester und schneller ein.

          Bild und Text klaffen dabei ebenso auseinander wie in den beiden Farbstiftzeichnungen der Ausstellung, die mehr als zwei mal drei Meter groß sind. Einerseits klar umrissen, andererseits doch undurchschaubar, überlagern sich in der Zeichnung „Man with Fish“ comichafte Szenen, Versatzstücke von Landschaft und Technik, Porträts und geschriebene Phrasen, die allesamt fragmentarisch bleiben (10 000 Euro).

          Gruppenporträt der vier Elemente

          Auch die 1970 in Gütersloh geborene Malerin Katrin Plavcak scheut das Eintauchen in Phantasiewelten nicht. In der Wiener Secession führte sie 2009 bereits spielerisch in die kosmischen Weiten der Science-Fiction; ihre aktuelle Schau „Herz aus Jean“ in der Galerie Mezzanin verarbeitet hingegen surreal-metaphysische Motive. Wer mit Plavcaks figurativer Malerei nicht vertraut ist, dem können die perspektivischen Brüche und der häufig angewandte Schematismus leicht dilettantisch erscheinen. Diese Holprigkeiten und Vereinfachungen sind aber gewollt und verleihen ihren Bildern eine eigene Leichtigkeit.

          Das 180 mal 280 Zentimeter große Gemälde „Das Kleid, die Haut, der Blick hinaus“ fordert den Betrachter mit einem Bild im Bild heraus (17 700 Euro). In dem traumgleichen Szenario blicken vier sphärische Frauengestalten, die offensichtlich Elemente wie Wasser oder Wind verkörpern, mit dem Rücken zum Publikum auf ein ovales Landschaftsbild. Sonderbar verortet liegen in dieser Meeresgegend zwei heitere, altmodische Monsieurs auf den Dünen. In ihrer Verdopplung und Deplaziertheit lassen sie an Magrittes anonyme Männer mit Bowler denken.

          Ein Herz aus rauem Stoff

          Milchige Farbgebung nutzt Plavcak für den „Ant Man Bee“, eine umschwirrte Gestalt, die einen Bienenschwarm um Kopf und Körper wie eine Art Kostüm trägt (5400 Euro). Eigenwillige Uniformen tragen auch die Figuren des großen Gruppenbildes „Zweite Halbzeit“, das aber mehr einer Schlacht als einem Match gleicht (17 700 Euro). Footballspieler mit Polizeihelmen und Gestalten in antiquierten Taucheranzügen kämpfen dort um einen Kopf anstatt um einen Ball.

          Die schwarz-weißen Athleten scheinen in den Wolken zu kämpfen, wie weiße Watte wirkt ihr Umfeld. Der fragmentierte Mensch taucht immer wieder in ihrem Werk auf: Im Gemälde „Herz aus Jean“, das der Ausstellung den Titel gibt, ragen neben leeren Kleiderpuppen Beine in die Höhe, lachen Büsten aus Regalen und liegt besagtes blaues Herz gebettet, das - wie ein Symbol für Plavcaks Malerei - aus jugendlichem Jeansstoff und nicht aus rotem Samt geschnitten ist.

          Mit Wurfmessern in den Seitentaschen

          Gegenüber der Galerie Mezzanin liegt die Galerie Krobath, die die erste hiesige Galerieschau der ursprünglich aus Hamburg kommenden Katrina Daschner zeigt. Während die siebenunddreißigjährige Künstlerin früher in Performances und inszenierten Fotografien selbst auftrat, engagiert sie heute Darsteller für ihre Filme. Spätestens seit der Videoarbeit „Dolores“ 2005, für die sie Nabokovs „Lolita“ umgeschrieben hat, beschäftigt sich Daschner dezidiert mit queerer Selbstverwirklichung im Schatten patriarchaler Hierarchien.

          In das Zentrum der Schau „Flamingo Massacre“ stellt die Künstlerin eine schwarze Drehbühne, die bei genauerer Betrachtung gefährlich bestückt ist. In Seitentaschen stecken Messer, wie sie Akrobaten zum Werfen verwenden. Gegenüber dreht sich eine große, mit einer schwarz-weißen Spirale bemalte Zielscheibe, ganz so wie Duchamps hypnotische „Rotoreliefs“. Ein Lamettavorhang an der rückwärtigen Galeriewand verstärkt das Flair von Spektakel, Zirkus- oder Revuenummer. Das Setting versinnbildlicht aber auch ein radikales Verhältnis von Macht und Ausgeliefertsein, das als Show Nervenkitzel erzeugt.

          Das Kernstück der Ausstellung bildet eine Fotografie, die eine Gruppe von freizügig bekleideten und erotisch ineinander verschlungenen Frauenfiguren zeigt. In ihren knielangen Perücken glänzt das Lachsrosa des Flamingos, dieses Wasservogels, der im Dekor für Kitsch und Camp steht. Daschner inszeniert einen lesbischen Chor; ähnliche Kollektive ließ sie bereits in ihren Videoarbeiten „Hafenperlen“ und „Aria de Mustang“ auftreten. In der griechischen Tragödie hat der Chor bekanntlich immer das letzte Wort. Hier könnte die finale Botschaft lauten: Folgt euren Träumen, auch wenn euch schwindlig davon wird.

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