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Galerierundgang : Spinnerei sieht anders aus

Aus dem Miteinander wird Konkurrenz: In Leipzig etabliert sich in Abgrenzung zu Berlin ein neues Konzept von Kunsthandel.

          Als die in der Leipziger Baumwollspinnerei angesiedelten Galerien kürzlich zum Frühlingsrundgang einluden, übertraf der Besuch alle Erwartungen: 15.000 Menschen in zwei Tagen. Die Galeristen verspürten neuen Aufwind, obwohl so manches heute gegen Leipzig zu sprechen scheint, was früher als Stärke dieses Standorts gegolten hat. In Berlin fand zur gleichen Zeit das Gallery Weekend statt. Leipzig hatte sich vor zwei Jahren bewusst an diesen Termin gehängt, um der internationalen Kundschaft zwei nahe beieinander liegende Reiseziele zu bieten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Da die Berliner Veranstaltung seitdem immer größer und erfolgreicher wurde, finden mittlerweile aber nur noch wenige Besucher den Weg aus der Hauptstadt nach Sachsen. Zudem ist in der deutschen Künstlerszene ein deutlicher Soupçon gegenüber der Neuen Leipziger Schule zu spüren. Der immense Erfolg der aktuellen Neo-Rauch-Ausstellungen und der Trubel zum fünfzigsten Geburtstag des Malers haben zahlreiche Neider auf den Plan gerufen. Dass die mexikanische Galerie Hidalgo Galguera sich in der Spinnerei angesiedelt und dort schon mehrfach neue Werke von Damien Hirst, dem Darling des internationalen Kunstmarkts, präsentiert hat, machte Leipzig bei der Konkurrenz auch nicht beliebter.

          Diesmal sind nur noch Reste des Hirst-Auftritts vom Winterrundgang zu besichtigen, und auch Neo Rauch ist bei seiner Galerie Eigen + Art lediglich mit einem Bild vertreten. Der große Schauraum gehört dort der Werkgruppe „In Monte Carlo“ von Matthias Weischer, einem jüngeren, aber längst etablierten Vertreter der Neuen Leipziger Schule. Er hat seine Liebe zu still-metaphysischen Motiven à la de Chirico entdeckt. Und Dubuffet steht bisweilen Pate für eine Al-fresco-Malerei, die sich in rohen Pinselschwüngen über den Rand hinaus fortsetzt - ein überraschender Auftritt des bislang eher feinmalerisch tätigen Künstlers (Preise von 12.000 bis 125.000 Euro).

          Weischer hat auch das Titelbild für das erstmals erschienene Magazin „SpinArt“ gestaltet, einer Begleitpublikation zum Rundgang, in dem jede der beteiligten Galerien auf vier Seiten ihre aktuellen Künstler vorstellt. Für zehn Euro ist „SpinArt“ das Billigste, was auf dem Gelände zu haben ist, und man darf gespannt sein, wie schnell andere Galeriestandorte die gute Idee dieser aufwendig gestalteten Publikation nachahmen.

          Abfotografiert vom Fernsehschirm

          Besonders überzeugende Arbeiten haben die Galerien b2 mit Katharina Immekus' Zeichnungszyklus „Täglich“ (366 Blätter, die vom 17. Februar 2009 bis zum 17. Februar 2010 angefertigt wurden; nur zusammen für 40.000 Euro) und Kleindienst mit „forum profanum“ zu bieten. Hinter diesem Kalauer verbergen sich Installationen und Bilder von Henriette Grahnert (von 5000 bis 28.000 Euro).

          Christiane Baumgartner komplettiert mit ihrer Präsentation „Out of the Blue“ im Ausstellungsraum „Spinnerei archiv massiv“ den bemerkenswerten Auftritt der Künstlerinnen in diesem Leipziger Frühjahr. Ihre meist auf japanisches Kozo-Papier gedruckten Holzschnitte entstehen nach Fotos, die Baumgartner vom Fernsehbildschirm abfotografiert, um sie dann im Computer zusätzlich zu vergröbern - je nach Format und Auflage kosten sie zwischen 600 und 36.000 Euro.

          Hier werden Qualitäten diskutiert

          Dass der gebürtigen Leipzigerin unlängst an der dortigen Hochschule für Grafik und Buchkunst die Professur für Druckgrafik verweigert wurde, weil sie angeblich zu wenig abwechslungsreich arbeite, zeigt ein eklatantes Wahrnehmungsdefizit der zuständigen Gremien.

          Ergänzt werden die insgesamt zehn Galerien durch ein immer weiter wachsendes Spektrum an nicht-kommerziellen Ausstellungen in den zahllosen Hallen des alten Werksgeländes. Man merkt schnell: Nicht Preise, sondern Qualitäten werden hier diskutiert. Das ist Leipzigs Chance - nicht im Wettbewerb mit Berlin, sondern als Veranstaltung ganz eigenen Charakters, wie es dem einmaligen Ambiente der Spinnerei gebührt.

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