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Galerierundgang : Sehnsuchtsbilder, Wahnsinnsbilder

  • -Aktualisiert am

Zur Festspielzeit in Salzburg hoffen auch die Galerien der Stadt auf viele Besucher. Kein Entkommen gibt es in diesem Jahr vor dem Maler Daniel Richter. Er stattet Alban Bergs „Lulu“ aus, und ist zugleich mit einer Einzelausstellung präsent.

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          Zu all der musikalischen Prominenz, die Salzburg jedes Jahr für die Sommerfestspiele aufbietet, holt man gern noch bildende Künstler, von denen alle Welt spricht. Das Modell, hohe Ton- und Bildkunst zu Gesamtkunstwerken auf der Bühne zu vereinen, bewährt sich bestens - jedenfalls sorgt es für Aufsehen. In dieser Saison streicht Jonathan Meese viel Lob für sein Bühnenbild-Debüt zu Wolfgang Rihms „Dionysos“ ein, und Daniel Richter übernahm die Ausstattung der Felsenreitschule, wo Alban Bergs „Lulu“ verführt und stirbt.

          Es ist eine treffliche Koinzidenz, dass Frank Wedekind, dessen literarisches Geschöpf ja die Lulu ist, in derselben Zeit, dem Fin de Siècle, Geschlechterkampf und Doppelmoral beschäftigen wie den abgründigen Schweizer Maler Félix Vallotton, den Richter mal das „Idol meiner schlaflosen Nächte“ genannt hat. Lulus Bühne ist bereits seine zweite Opernarbeit in Salzburg: Diesmal bekam er dort nicht nur im Museum Rupertinum gleichzeitig eine Ausstellung, sondern klopfte auch erfolgreich bei der Galerie Thaddaeus Ropac an, die am Mirabellplatz atelierfrische Bilder von ihm in ihrer Sommerausstellungen zeigt.

          Zeichnungen von Andy Warhol

          Es scheint, als habe die Beschäftigung mit „Lulu“ Daniel Richter dazu veranlasst, seine Erkundungsgänge im Symbolismus noch weiter auszudehnen. Aus seinen Vielfiguren-Szenen wehen einen Munch-Geschrei und ensorhaftes Schädelstarren ja schon länger an; jetzt geistern neonlichte Gestalten von glibberiger Unschärfe verloren durch einsame Gebirge, deren mystisch-fiebrige Farbigkeit nicht von dieser Welt ist. Neben Odilon Redon und immer wieder Ensor steht, in einer Bildgruppe wächserner Figuren und verschneiter Wälder, Vallotton Pate mit seinem flächenhaften Bildbau scharf begrenzter Farbzonen und mit grellen Ausreißern ins Karikaturhafte und Anstößige. (Die Ölbilder kosten von 55.000 bis 220.000 Euro.)

          Unbedingt ansehen sollte man bei Ropac auch Andy Warhols Zeichnungen zum Thema Tanz, die aus der Warhol Foundation kommen und erstmals gezeigt werden. Bald nach seiner Ankunft in New York 1949 tat sich der junge Graphiker in der dortigen Tanzszene um. Noch in Pittsburgh hatte er selbst Stunden in Modern Dance genommen, jetzt lebte er zeitweilig in Tänzer-Wohngemeinschaften. Dass ihn, wie die linearen Tuscheporträts von Tänzern, Choreographen und Kritikern nahelegen, wirklich sämtliche Genres vom klassischen Ballett bis zu kambodschanischen Tempeltänzen interessierten, bezweifelt Anna Kisselgoff.

          Farbbahnen die Tempofahrten suggerieren

          Vielmehr vermutet die ehemalige Tanzkritikerin der „New York Times“, die in der Begleitpublikation über die damalige Tanzwelt und die porträtierten Personen berichtet, dass viele der Skizzen nach Fotos in Fachmagazinen entstanden. Und natürlich ging es Warhol nicht nur um Tanz: Vor allem John Butler, so Kisselgoff, stand bei Warhol ganz hoch im Kurs - wegen seiner Schönheit, weniger für seine innovativen Choreographien. (Die Blätter kosten von 25.000 bis 35.000 Dollar.)

          Die Runde durch Salzburgs Galerien könnte jetzt weiterführen in Ropacs neue Dependance, die große Halle im Stadtteil Schallmoos, die dem britischen Bildhauer Richard Deacon Raum für eine vier Meter hohe, dabei luftig und leicht wirkende Skulptur aus wellig gebogenen Eschenholz-Modulen bietet. Unterwegs lädt Ulrike Reinerts UBR Galerie zu einem Zwischenstopp; sie zeigt Malerei von Wolfgang Kessler, die den verschwommenen Schlieren lang belichteter Kamerabilder ähnelt. Streifige Farbbahnen suggerieren Tempofahrten vorbei an gerade noch zu ahnenden Container-Architekturen im Übergang von Stadt und Grün, und sie schieben sich als Motiv zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion (von 1300 Euro an).

          Fotografien mit surrealem Charakter

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