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Galerierundgang Salzburg : Zeitlos, klassisch, gegenwärtig

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Kunstsommer: Ohne die Galerien sind die Musik- und Theaterfestspiele in Salzburg gar nicht mehr vorstellbar. Ein Rundgang zwischen Marmorgehirnen, geometrischen Formen und Bildern des Hofmalers von Österreich, Italien und Siam.

          Im Mittelpunkt des Salzburger Kunstsommers stehen die Veranstaltungen zur Feier des dreißigjährigen Galerie-Jubiläums von Thaddaeus Ropac. Mit Spannung wird schon jetzt die Ausstellung mit Fotografien Robert Mapplethorpes erwartet, die erst Ende August eröffnet; denn es kuratiert der brillante französische Schauspielstar Isabelle Huppert. Doch zunächst einmal gab es die Uraufführung von Bildhauer Erwin Wurms erster „Wortskulptur“: Der von Burg-Direktor Matthias Hartmann inszenierte Dreipersonenauftritt sticht voll derber Bos- aber auch mancher Wahrheit ins Betriebssystem Kunst mit seinen Produzenten, Experten, Händlern und Sammlern - ein Insiderstück also, passgerecht für den Anlass.

          Als Ropac vor dreißig Jahren kleine Räume in der Salzburger Altstadt eröffnete, sah das nicht unbedingt nach einem Erfolgsmodell aus. Man muss dem jungen, ortsfremden Mann im Nachhinein großen Mut für das Wagnis bescheinigen, in der konservativen und auf Musik ausgerichteten Stadt als Pionier internationaler zeitgenössischer Kunst anzutreten. Nach harten Anfangsjahren ging die Rechnung auf, Gästen der elitären Opernfestspiele Kunstwerke anzubieten, die sie hier nicht erwarteten.

          Eigentlich wollte Ropac Künstler werden

          Dass Ropac eigentlich Künstler werden wollte - Joseph Beuys war es, der ihn davon überzeugte, es lieber mit der Kunstvermittlung zu versuchen -, mag seine außerordentliche Passion für die Kunst begründen. Unvermindert strahlt er die auch heute aus, wo ihn als einen der Einflussreichsten der internationalen Szene ständig kalter Konkurrenzwind anweht. Fünfunddreißig Mitarbeiter halten vier Filialen in Salzburg und Paris am Laufen, wo er im Vorort Pantin 2012 Megahallen in einer alten Fabrik eröffnete.

          Die Jubiläums-Ausstellung in Salzburg führt beispielhaft zusammen, was die Galerie Ropac zu dem machte, was sie ist. Georg Baselitz, Anselm Kiefer, Alex Katz, Gilbert & George, Antony Gormley stehen auf der lange Exponatenliste, in der Daniel Richter, Andreas Slominski oder Marc Brandenburg den Ausblick nach vorn öffnen; vieles stammt aus der Sammlung des Galeristen. Großartig ist das diabolische Selbstporträt von Jean-Michel Basquiat; als 1986 niemand das Bild wollte, erwarb Ropac es selbst für ein paar tausend Dollar. Der Basquiat-Boom setzte erst nach dem frühen Tod des Künstlers ein. Doch das Bild bleibt ebenso in Ropacs Privatsammlung wie Warhols imposante „Statue of Liberty“ oder subtile Zeichnungen von Beuys, seinem Leitstern. (Bis 28. August.)

          Verkopftes bei Mario Mauroner

          Der wohl einzige Galerist, der sich schon vor Ropac in Salzburg auf Gegenwartskunst spezialisierte, ist Mario Mauroner. Seine uralten Gewölbe in den Eingeweiden der fürstbischöflichen Residenz bespielt er in diesem Sommer mit dem Thema des menschlichens Kopfs. Arbeiten von sechzehn Malern, Bildhauern und Collagisten befassen sich mit dem Schädel als Kasten des Hirns und Sitz des Denkens - ein Faszinosum seit je. Jan Fabres schneeweiße Marmorgehirne, aus denen Pflanzen und Tiere sprießen, setzen das Phantastische mit dem Kreatürlichen ineins (je 99.000 Euro).

          Jean Charles Blais hingegen kapitulierte vor dem Rätsel fremder Gedanken: Mit einer zwei Meter großen, tiefschwarz übermalten Kopfform schafft er das Bild einer undurchdringlichen Fassade (36.700 Euro). Von Antoni Tàpies stammt ein mächtiger Tonschädel, die Hülle eines großen Hirns vielleicht; doch umgedreht daliegend und des Unterkiefers beraubt wirkt er wie ein hilfloses archaisches Relikt (220.000 Euro). (Bis 10. September.)

          Minimalistisches bei Ruzicska

          Scharfkantig, geometrisch, klarfarbig, leuchtend - so empfangen die „Secondary Structures“ den Besucher bei Nikolaus Ruzicska. Den Titel schlug Liam Gillick in Anlehnung an „Primary Structures“ vor, die 1966 vom New Yorker Jewish Museum ausgerichtete Start-Schau des Minimalismus, dessen gegenwärtigen Stand bei Ruzicska vier Künstler aus drei Generationen vertreten. Der Senior, François Morellet, verstellt eine Raumecke mit deckenhohen X-en aus roten Leuchtstoffröhren; so verschränkt kreuzen sie einander, dass fast unmerklich das Raumgefühl des Betrachtenden ins Wanken gerät (Auflage 2/5; 175.000 Euro).

          Roter Kreis, blaues Quadrat, grünes Dreieck - große Formen auf der Wand: Olivier Mosset, Jahrgang 1942, betitelt sie „I“, „O“ und „U“. Nicht nur, weil sich das auch „I owe you“ lesen lässt, ist es schade, dass das bereits verkaufte „U“ die Kameraden verlässt (je 75.000 Euro). Für die jüngere Generation stehen Liam Gillick mit einer übermannshohen violetten Plexiglaskiste, pseudofunktional die Schnittpunkte von Kunst und Design abtastend (Unikat; 120.000 Euro), und Katja Strunz, die ihre Faltungen aus Stahlblech in polygonalen Flachreliefs fortsetzt (von 12.500 Euro an). (Bis 31. August.)

          Museumsreifes bei Salis & Vertes

          Wie ein Vorläufer des Minimalismus erscheint eine Hommage ans Quadrat, die Josef Albers 1953 in Blau und Grau auf grünem Grund malte (350.000 Euro). Es ist das strengste Werk bei Salis & Vertes, wo die Klassische Moderne malerisch und plastisch in Museumsqualität Hof hält. Berührend schön in seiner intimen Dichte, die Köpfe von Mann und Locken umkränzter Frau wie Schattenrisse erfassend, wird Pierre Bonnards „Petit dejeuner, homme et femme“ sich kaum über mangelnden Zuspruch beklagen müssen; das großartige Kleinformat von 1894 erfordert 450.000 Euro. Die Galerie liebt die Franzosen, unternimmt aber jede Menge Abstecher. So ergeht sich ihr Angebot an Landschaftskunst in attraktiven Stilfacetten zwischen Albert Marquets am verträumten Seineufer schaukelnden Frachtkähnen über Kandinskys Frühwerk „Kallmünz-Vilsgasse I (Rosa Landschaft)“ von 1903 bis zu Jawlenskys auf frischfarbene Tupfer reduzierter „Variation. Vorfrühling in Ascona“. (Bis 31. August.)

          Die klassische Komponente verstärkt die Galerie Welz mit Keramiken und Graphiken von Picasso, in denen sich das Feuerwerk der Kreativität dieses genialischen Tausendsassas entzündet. Im genüsslichen Auskosten drucktechnischer Finessen und im Prozess der Stilwechsel durch viele Jahrzehnte bleibt er seinen Themen treu, den schönen jungen Frauen, den bockigen Faunen und dem Künstler, der das Welttreiben fixiert. Ein seltenes Blatt wie die nur dreimal existierende Radierung „Le repos du sculpteur devant le jeune cavalier“ von 1933 kostet 83.000 Euro; Exemplare aus hohen Auflagen wie „Paloma et Claude“ gibt es schon für 3200 Euro. Seit Picasso im Töpferdorf Valauris mit Keramik zu experimentieren begann, entstanden Teller, Schalen, Krüge, auch in Auflagen bis zu 500 Stück wie ein Schälchen mit zustechendem Picador ( 5700 Euro). (Bis 1. September.)

          Aus dem Renovierungsmüll einer psychiatrischen Anstalt gerettete Werke des „Hofmalers von Österreich, Italien und Siam“ zeigt die Galerie Altnöder: Josef Karl Rädler (1844 bis 1917), erst Porzellanmaler und erfolgreicher Unternehmer in Wien, dann ins „Irrenhaus“ verbannt von seiner Familie, malte, was ihn dort umgab - Szenen aus dem Anstaltsleben, friedlich und vergnügt zum Glück, und Porträts der Mitpatienten. Räder rahmte seine Darstellungen mit weltanschaulichen Texten, die wenig verrückt, eine gesunde Lebensweise, „gleiches Recht für Frauen“ und Friede auf Erden fordern (5500 bis 12.500 Euro). (Bis 14. September.)

          Im Nonntal, einem der ältesten Viertel der Stadt, beginnt sich soeben eine in Erweiterung begriffene Galerienszene zu etablieren. Die Galerie Fray ist schon dort, sie zeigt den unbeschwerten Kosmos des Wiener Malers und Autors Anton Glück. Und „Madero Collectors Room“ mischt Originale von ausgesuchten Design-Klassikern der zwanziger bis siebziger Jahre mit zeitgenössischer Kunst. Kürzlich entdeckte Alejandro Madero gegenüber in der Nachbarschaft eine verlassene Werkstatt aus den Dreißigern und installierte darin zwischen Werkbänken, Stahlträgern und dunklem Holz effektvoll die vielgestaltigen, an Lebewesen der Tiefsee erinnernden Lichtobjekte von Jürgen Reichert (290 bis 12.000 Euro). (Bis 30. August.)

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