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Galerierundgang : Pulsschlag in New York

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Von den Galerien in Chelsea erwartet man nur das Beste. Zum Saisonbeginn haben sie sich selbst übertroffen. Richard Serra schickt die Besucher in Stahlkorridore, und Matthew Barney zeigt sich von seiner pathetischen Seite.

          Selbst in dieser Stadt gibt es selten so viele Schwergewichte der Kunstszene auf einmal zu sehen wie zum Auftakt der diesjährigen Herbstsaison. Uptown flankiert von einer konservativen Jenny Saville bei Gagosian und einem erfindungslustigen Alex Katz bei Gavin Brown in Tribeca, beherrschen in Chelsea zwei internationale Großkünstler das Feld.

          Richard Serra erweitert in der dortigen Dependance von Gagosian mit zwei monumentalen neuen Arbeiten „Junction“ und „Cycle“ einmal mehr das formale Vokabular, welches er bereits vor vier Jahren in seiner großartigen Schau „Forty Years“ im MoMa gezeigt hat: scheinbar federleicht schwebender, kunstvoll mit goldgelbem Rost patinierter Stahl, den er wie ein Geschenkband in die Galerie gewickelt hat. Die Besucher tasten sich darin vorsichtig entlang als gingen sie durch ein Labyrinth. Die fünfzehn und siebzehn Meter langen Bänder aus fünfzehn Zentimeter dickem Stahl, der weich wie Samt wirkt, schaffen Korridore und Räume von eigentümlich berührender Intimität. (Preise auf Anfrage).

          Mythologie, Automobilkult und Erdenschwere

          Wie ein andersweitig beschäftigter Superstar glänzte Matthew Barney am Eröffnungsabend bei Gladstone durch Abwesenheit. Er hat seine narrativen Skulpturen dort erstmals nicht in seinen bevorzugten Materialien wie Vaseline und Prothesenplastik ausgeführt, sondern in Eisen, Bronze, Blei und Kupfer. Das Ergebnis dieser geradewegs klassischen skulpturalen Bemühungen: 25 Tonnen geschmolzenes Eisen liegen einigermaßen unförmig am Boden. Eben noch zu erkennen ist das Gestell eines „Chrysler Imperial“, das bereits in Barneys Film „Cremaster 3“ 2002 eine zentrale Rolle spielte. Die hier versammelten Arbeiten entstanden während der Inszenierung der neunstündigen Performance-Oper „Ancient Evenings“, die, angelehnt an Norman Mailers gleichnamigen Roman über ägyptische Mythologie, Automobilkult und mit einer ordentliche Portion Erdenschwere verband. Matthew Barney geriert sich als Richard Wagner der Neuzeit und konstatiert: Die Autos werden die Menschheit überleben und am Ende aller Tage aus der Erde kriechen. (Preise auf Anfrage)

          Einen wohltuenden Kontrast zu so viel Pathos bietet die dritte Einzelschau der in Brooklyn lebenden Künstlerin Meredyth Sparks bei Elizabeth Dee. Was man von außen im Vorbeigehen rasch als fotorealistische Malerei abzutun geneigt ist, erweist sich bei näherer Betrachtung als komplexes Trompe-l’œil. Sparks vernäht Stoffteile zu plastischen Bildern, die Sigmar Polke gewiss gefallen hätten: Ornamentale Muster und Fotodruck verbinden sich zu schlicht verblüffenden Interieurs. (8000 bis 30.000 Dollar)

          Vom nervösen Tic zur Kunst

          Ebenfalls überraschend ist das Zusammentreffen des 1933 geborenen New Yorker Konzeptkünstlers und Zeichners William Anastasi mit der 1980 geborenen Künstlerin N. Dash, das Nicole Klagsbrun ebenso sparsam wie effektvoll arrangiert hat. Anastasi zeichnet seit Jahrzehnten in der New Yorker U-Bahn, wobei die eigenen Bewegungen, die Stöße und das Abbremsen der Wagen sich als unmittelbare Spuren auf das Papier übertragen: eine Peinture Automatique mit den Mitteln des New Yorker Nahverkehrs.

          Bei N. Dash wurde aus einem nervösen Tic irgendwann Kunst: Als Mädchen trug Dash stets Stofflappen mit sich herum, die sie wieder und wieder in den Händen rieb, bis von ihnen kaum mehr etwas übrig war. Mittlerweile faltet die Künstlerin Papierstücke in einer festgelegten Reihenfolge auf ihren Wegen in der U-Bahn durch die Stadt. Im Atelier versiegelt sie die Papiere mit Indigo oder Graphit. Beide Künstler schöpfen ihre von erstaunlichen Parallelen geprägte Arbeit aus einem alltäglichen Prozess. Beide Künstler nutzen das Papier als Seismographen, der eine unmittelbare körperliche Erfahrung sichtbar macht. (Arbeiten von N. Dash von 3800 bis 4600 Dollar, Anastasis ab 20.000 Dollar)

          Ein Muster aus Dübeln

          Eher analytisch gibt sich hingegen die Soloschau von Jennifer Dalton bei Ed Winkleman am Ende der 27. Straße, fast am Hudson River. Eine kluge, bösartige, aber auch verspielte Ausstellung ist der in Brooklyn lebenden Künstlerin gelungen. Dalton zeigt für „Cool Guys Like You“ Zeichnungen, Skulpturen, Ready mades und Installationen, in denen sie humorvolle Idiosynkrasien mit präzisen Beobachtungen der amerikanischen Medienöffentlichkeit mischt. Typisch für Daltons Ansatz ist die naiv anmutende Bleistiftzeichnung „Libido-based Idiocy and Assholery in Modern Political Scandals“, in der sie in einem Diagramm das Verhältnis von Libido, politischer Gesinnung und Talent zum politischen Skandal untersucht – von Bill Clinton über Anthony Wiener bis hin zu Dominique Strauss-Kahn. (Preise auf Anfrage)

          Bei 303 zeigt Ceal Floyer neue Arbeiten: Sie webt ein kaum sichtbares Muster aus Dübeln, die in gleichmäßigen Abständen in die Wand gebohrt sind. Ein Schild warnt: „Do not remove“. Diese Arbeit spielt mit dem Reiz des Alltäglichen im künstlerischen Kontext, der den Betrachter innehalten lässt: Ist das schon Kunst oder noch Alltag? Wird hier eine Ausstellung präsentiert oder ist der Raum einfach nur leer?Zugleich ist Floyers jüngste Galerieausstellung, – wie stets –, eine Meditation über Zeit. Etwas scheint sich hier anzukündigen, nämlich die eigentliche Kunst, das eigentliche Ereignis. Ein Papierstapel aus 8680 weißen Blättern agiert als leerer Sockel, der auf klassische Präsentationsformen der Kunst verweist, und doch schon selbst Kunst ist. Floyer gelingt eine stille, philosophische Meditation über die Spannung zwischen künstlerischer Intention und scheinbar ungesteuertem Zufall (18.000 bis 35.000 Dollar)

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