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Galerierundgang Köln : Wer bei Händlern kauft, unterstützt die Verdummung

  • -Aktualisiert am

Die Galerien Buchholz, Capitain und Baukunst beweisen, dass eine Reise nach Köln auch ohne Art Cologne lohnt. Ein Schaufenster erzählt dort die Geschichte von „Wide White Space“.

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          Die Euphorie über die Erfolge der Art Cologne vor drei Wochen trägt in Köln zur guten Stimmung bei. Das Galerieprogramm in der Stadt kann sich auch durchaus sehen lassen. Gleich drei sehenswerten Präsentationen stellt Daniel Buchholz bereit. So hat der Turner-Preisträger Mark Leckey an der Neven-DuMont-Straße ein Kabinett voller „Ephemera“ aufgebaut: eine Schatzkammer, die sich als Blick in Gehirn und Werk des 1964 geborenen Briten, der auch Musiker und Filmemacher ist, offenbart. Die dicht an dicht stehenden Exponate stellen zahlreiche Bezüge zu vergangenen Ausstellungen her - ob im Frankfurter Portikus, dem Kölnischen Kunstverein, im Migros Museum oder der Serpentine Gallery. Plakate, Skulpturen, Filmrequisiten, Notizen - sogar die Original-Tür seines Apartments in der Londoner Windmill Street Nummersieben wird gezeigt (Preise auf Anfrage).

          Auch das Schaufenster des Galerienachbarn, ein Antiquariat, ist unbedingt einen Blick wert: Daniel Buchholz selbst hat es mit zahllosen Einladungskarten, Flyern und Plakaten vergangener Ausstellungen bestückt und so zum Gesamtkunstwerk gemacht, das noch einmal besondere Momente nicht nur rheinischer Kunstgeschichte zu einem historischen Panoptikum auffächert. Hier finden sich auch zahlreiche Einladungen der Antwerpener Galerie „Wide White Space“, 1966 gegründet von Anny De Decker und Bernd Lohaus, die mit dem Art Cologne-Preis 2012 ausgezeichnet wurde.

          Ein ganzer Kosmos von Positionen

          Mittendrin ruft es „Kauft beim Künstler, nicht beim Händler“ auf einem der zahllosen Plakate: Dieses Motto überschreibt ein Pamphlet von Eberhard Fiebig, verfasst in Frankfurt am 12.Oktober 1970. Der engagierte, 1930 geborene Künstler und Aktivist der Achtundsechziger-Bewegung wird noch deutlicher: „Wer bei Kunsthändlern kauft, unterstützt die Unterdrückung der Kunst und die durchs Monopol des Handels betriebene Verdummung!“, und wer schon mal dort ist, sollte auch den Weg in den größeren Buchholz-Raum an der Elisenstraße um die Ecke nehmen, wo, angeregt von einem Gespräch mit dem 1969 geborenen, in San Francisco lebenden Künstler Vincent Fecteau, die geschichtsträchtige Gruppenschau „Automaton“ entstanden ist.

          Die opulente Schau entfaltet einen ganzen Kosmos historischer und gegenwärtiger Künstler-Positionen, die zu einem dichten, assoziativen Ganzen verwoben werden. Hier entspinnen sich etwa die Bezüge zwischen den Künstlerkollegen Fecteau und Tomma Abts, die in Skulptur und Malerei in ähnlichen Prozessen arbeiten, ebenso wie überraschende Korrespondenzen zwischen historischen Zeichnungen von Elie Nadelman aus den zwanziger Jahren, die ein wenig an frühe Blätter von Warhol erinnern, den witzigen Darstellungen der Chicagoer Künstlerin Christina Ramberg vom Ende der Sechziger und den aktuellen „Path“-Fotos der 1977 geborenen New Yorker Künstlerin K8Hardy, deren Arbeiten jüngst dort auf der Whitney-Biennale zu sehen waren. Doch auch die überraschenden Parallelen zwischen den wunderbar surrealen Boxen von Joseph Cornell, den Aquariumähnlichen Acrylkästen von Ed Flood und den sehr zeitgenössischen ironischen Fernsehkisten von Simon Denny lohnen einen Besuch (Preise auf Anfrage).

          Neue Metallskulpturen der polnischen Künstlerin Monika Sosnowska gibt es gleich gegenüber bei Gisela Capitain zu sehen: Fragile, verbogene stählerne Gestelle, die eine mögliche ehemalige Funktionalität nur noch ahnen lassen, gleichzeitig aber sorgfältig grasgrün angestrichen sind. Wofür stehen diese Objekte: Minimal Art, Ready Mades oder höchstästhetischen Schrott? In ihrer Ambivalenz strahlen die Objekte der 1972 geborenen Künstlerin einen spröden Charme aus. Inspiriert wurden diese Skulpturen von den improvisierten Ständen auf dem „Jahrmarkt Europa“ in Warschau, der Heimatstadt Sosnowskas, auf dem nach der Öffnung des Ostblocks zehn Jahre lang Waren aller Art verkauft wurden (Preise 45.000 bis 75.000 Euro).

          Die Baukunst-Galerie zeigt die 1961 in Ulm geborene, in Berlin lebende Sabine Groß erstmals in einem umfassenden Überblick. Die locker bestückte Schau voller rätselhafter, scheinbar wuchtiger Objekte wirft die Frage auf, welches der mit viel Sorgfalt hergestellten Exponate wohl verwest ist und welches zerstört. Die Dinge hängen in Fetzen, doch die Attacke aufs eigene Werk hat Methode.

          Die Künstlerin schmilzt amorphe Körper an, übergießt Stapel von Leinwänden scheinbar achtlos mit Farbe und überzieht perfekte weiße Kuben mit einer taktilen Haut, die aus Beton zu bestehen scheint. Sie bricht glatte Oberflächen auf à la Fontana, bezieht sich mit ihren Säulen-Skulpturen auf Brancusi und fräst und brennt respektlos Löcher in wichtige Werke der Kunstgeschichte. Auch die Titel der Arbeiten suggerieren eine bewusste Nähe zu ausgesuchten Epochen. Dieser Parforceritt durch Historie, Genres und Werkbegriffe ist ein bildmächtiges, hintersinniges Vergnügen (Preise 5000 bis 28.000 Euro).

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