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Galerierundgang Frankfurt : Dunkle Schächte, changierende Farben

  • -Aktualisiert am

Auch die Galerien in Frankfurt haben einen attraktiven Saisonstart hingelegt. Die Künstler suchen nach dem Ursprung der Welt, malen mit Worten und steigen in die Tiefen des Bildgedächtnisses hinab.

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          Schnell bildete sich vor den frischeröffneten Galerieräumen der Galeristin Anita Beckers und des Kunst- und Designhändlers Frank Landau eine Menschentraube. Pünktlich zum diesjährigen Saisonstart in Frankfurt, an dem 32 Galerien teilnehmen, haben die beiden ihre neue gemeinsame Dependance bezogen, gleich gegenüber dem Museum für Moderne Kunst. In der Galerie zeigen die Partner, die weiterhin auch an ihren angestammten Standorten zu finden sind, die Lieblinge aus den eigenen Sammlungen, darunter Werke von Kippenberger sowie von Marina Abramović und Ulay, Designschätze von Antoine Philippon und Jacqueline Lecoq oder Jean Prouvé. (Bis zum 2. Oktober.)

          Eine neue Werkreihe des 1958 geborenen Konzeptkünstlers Heimo Zobernig schmückt die weißen Wände der architektonisch strengen Ausstellungsräume Bärbel Grässlins. Sieben schillernde Leinwände, je 200 mal 200 Zentimeter groß, hat Zobernig mit Interferenzlack bemalt, einer Substanz aus Effektpigmenten, die das Licht je nach Perspektive anders reflektiert. Der Farbauftrag in Schichten ermöglicht es dem österreichischen Künstler, einen Schriftzug in der schlichten Type „Helvetia“ einzuarbeiten. Mitten auf der Leinwand steht die jeweilige Bezeichnung des Farbtons, etwa: „Turquoise Tio2+SnO2 coated mica interference Acrylic Colour“ (Preis je 110.000 Euro). Nahtlos fügen sich die Arbeiten in Zobernigs Œuvre ein, spielt er doch auch hier ein Prinzip in Serie durch. Wie ein Schlussakkord geriert sich da eine kleinere, einen Quadratmeter messende Leinwand, im oberen Raum der Galerie. Sie vereint alle Farben in senkrechten Linien, ohne Schriftzug: Indigo, Türkis, Violett, Magenta, Rot, Gelb, Blau (60.000 Euro): ganz ähnlich den kleinen Streifenbildern Zobernigs, die er 1994 in Anlehnung an das Testbild des Fernsehens malte. (Bis 31. Oktober.)

          Aus den siebziger Jahren stammen die fünf Landschaftsgemälde der 1940 geborenen Malerin Bettina von Arnim bei der Galerie PPC von Philipp Pflug in der Berliner Straße. Beherrscht werden sie von gigantischen Mutanten, menschlichen Körpern mit technischer Ausrüstung (Gemälde von 13.800 Euro an; Mappe mit fünf Farbradierungen 4500 Euro). (Bis 31. Oktober.) In sich stimmig ist auch die Schau von Wilma Tolksdorf in ihrer Galerie auf der Hanauer Landstraße. Zu sehen sind vier Werkgruppen des Frankfurter Städelschülers Nasan Tur, die einerseits die westliche Protestkultur in den cleanen Ausstellungsraum überführen, andererseits die Vervielfältigungsmethoden der Kunst thematisieren. Allgemeingültige Phrasen prangen auf zwei großformatigen Holzschnitten, 160 mal 250 Zentimeter groß. Sie sind Druckstöcke, mit deren Erwerb der Käufer auch die Lizenz erhält, unendlich viele Abzüge zu produzieren. Dafür allerdings müsste er es wagen, die feine, mit schwarzer Farbe bemalte Holzfläche einzufärben. „Giving is Taking“, steht auf einem der Stöcke - eine wunderbare Anspielung auf den Prozess des Handelns wie auf den des Druckens (je 33.500 Euro). (Bis 31. Oktober.)

          Dank einer Arbeit des 1966 in Rockenhausen geborenen einstigen Städelschülers Peter Rösel ist nun bekannt, dass sich die Galerie Martina Detterers mit einer Geschwindigkeit von „297,87 m/sec“ auf der Weltkugel um die Erdachse dreht: Zehn kleine orangefarbene Tennisbälle bilden eine sechzehn Meter lange Diagonale, einmal quer durch den Ausstellungsraum. In ihnen befinden sich kleine Lämpchen, die ähnlich einer Start- oder Landebahn an Flughäfen zuckend blinken. Das Aufleuchten visualisiert das genaue Tempo der Rotation. An den Wänden rundrum hängen alpine Panoramen, realistisch gemalt - allerdings mit einem kühlen, rötlichen Farbstich. Auch sie potenzieren künstlerisch die militärisch exakte Weltvermessung: An den Rändern der mittelgroßen Leinwände sind die Koordinaten des Standpunkts notiert, von dem aus der Künstler die Landschaft sah: „46°58.51N 11° 06.51E 291°“ benennt einen Punkt im Skigebiet bei Innsbruck (Preise von 3600 Euro an; Installation für 30.000 Euro). (Bis 24. Oktober.)

          Wie schwarze Höhlen städtischer Landschaften wirken die jüngst von Oliver Boberg inszenierten und fotografierten Orte. Seit den neunziger Jahren schafft er stereotype Architekturen, die an das Bildgedächtnis des Betrachters appellieren. Ausgestellt in der L.A. Galerie von Lothar Albrecht ist nun die Serie „Schächte“. Ihre Vorbilder befinden sich in U-Bahntunneln, Fußgängerunterführungen oder Tiefgaragen. Kalt fällt das Tageslicht durch die Schlitze und erleuchtet den moosbewachsenen Gussbeton gleich einem Spot im Museum die Leinwand. Um den Effekt zu verstärken, werden die quadratischen Fotografien in dezenten Leuchtkästen präsentiert. (Im Format 100 mal 100 Zentimeter, von 6000 an, vierzig mal vierzig Zentimeter von 2500 Euro an). (Bis 14. November.)

          Pechschwarz sind die fünf Papierbögen, die die 1975 geborene Britin Charlotte McGowan-Griffin für ihre 2012 entstandene Papierarbeit „The Origin of the World“ in der Galerie Maurer benutzt. Sie sind 250 Zentimeter breit und hängen hintereinander von der Decke. In ihrer Mitte klafft ein Loch, aus dem sich einzelne Papierstränge nach außen wölben, dekorativ nach unten kringeln. Der Titel spielt auf Gustave Courbets berühmtes gleichnamiges Gemälde an, während die Gestaltung des Objekts dessen Größe um ein vielfaches steigert (17.000 Euro). (Bis 31. Oktober.)

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