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Galerierundgang Frankfurt : Asche auf das Kunstwerk

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Ekrem Yalcindag, Tobias Rehberger, Claus Richter und John Hilliard: Der Blick in Frankfurter Galerien offenbart rege Experimentierfreude.

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          Die Berührung von Architektur, Design und Bildender Kunst ist dem Werk dieser Künstler inhärent: Ekrem Yalcindag, Tobias Rehberger und Claus Richter. John Hilliard liegt Grenzüberschreitung fern. Die drei anderen aber scheuen sie nicht, provozieren sie geradezu. Das Werk des türkischen Künstlers Ekrem Yalcindag ist bei Kai Middendorff in der Schau „Red Kirmizi Rot“ zu sehen; der Galerist arbeitet seit fünf Jahren als Direktor bei Karl Pfefferle in München und hat seit Oktober 2008 seine eigene Galerie in Frankfurt.

          Sein Künstler Ekrem Yalcindag, geboren 1964, hat unter anderem in Frankfurt bei Thomas Bayrle studiert; außerdem ist er Meisterschüler von Hermann Nitsch. Heute lebt er in Istanbul. Diese außergewöhnliche Mischung der Kulturen und Ansätze hat eine eigene, konsequente Bildsprache hervorgebracht: Yalcindag überzieht seine Flächen - von einer kleinen, quadratischen Leinwand bis zu Fünfzig-Quadratmeter-Wandmalereien - mit ineinandergelegten, pastos aufgetragenen ornamentalen Formen, die an Blüten erinnern und von silberfarbenen Umrisslinien umfangen werden. Sie greifen ineinander, geben einander Raum und Richtung vor. Die manuelle Wiederholung erzeugt eine manifeste handwerkliche Gegenständlichkeit. Die Bilder kosten je nach Format zwischen 2500 und 9600 Euro.

          Das 19. Jahrhundert als Fundgrube

          Bei Eva Winkeler stellt ein Künstler aus, der von Kontinuität nichts wissen will: Claus Richter, Jahrgang 1971. Im Unterschied zu Ekrem Yalcindag findet er in der Welt der Übertreibungen und Verheißungen stets neue Bildsprachen. Quelle sind ihm visuelle Fundstücke aus der Geschichte der Unterhaltungsindustrie. In der aktuellen Ausstellung „Solid Golden Age“ präsentiert er sich jedoch erstaunlich reduziert und fordert die Imagination heraus: Keine nachgebaute bunt-grelle Zirkuswelt ist aufgebaut, sondern eine Auseinandersetzung mit der Werbung des 19. Jahrhunderts, die die Massen in die Zirkusarenen und Vergnügungsparks locken sollte.

          Die golden und silbern reflektierenden Poster sind Nachahmungen historischer Plakate (je 4300 Euro). Der Besucher muss durch einen Parcours schreiten, um die Nachricht zu erhalten: „Please wait here.“ Das kann lange dauern. Denn es passiert nichts. Doch die glänzenden Tafeln bieten Kurzweil genug: Dinge, die man nie zuvor gesehen hat, werden versprochen, alles soll wirklich anrührend werden. In den vergangenen Jahren hat Richter eine dreihundert Meter lange Achterbahn aus Schaumstoff und einen Themenpark in den Rängen der Messe Frankfurt geschaffen.

          Tobias Rehberger denkt ans Wohlgefühl

          Dieses Projekt realisierte er gemeinsam mit Tobias Rehberger, der gerade in der Galerie von Bärbel Grässlin ausgestellt ist. Es ist wieder Zeit für „Fragments of their pleasant spaces“. Rehberger hatte 1996 zum ersten Mal seine Freunde gefragt: „In welcher Umgebung fühlst du dich am wohlsten?“ Die Antworten setzte er in Raumskulpturen um. Drei Jahre später fragte er erneut nach.

          Nun sind wieder zehn Jahre verstrichen. Im Jahr 2009 ist der Bildschirm nicht mehr wegzudenken aus den Wohlfühlkonzepten: Ein Kanal überträgt politische Reden, dann sieht man als Reality-TV „Auf und davon - das Auslandstagebuch“, der Kinderkanal leistet ebenfalls einen Beitrag. Die Installation „No need to fight about the channel. Together. Lean back“ (110.000 Euro) zeugt von wirklich existentiellen Krisen an den realen Unwohl-Orten.

          Ein Freund von Rehberger träumte wohl davon, in eine von Damien Hirsts Tablettenvitrinen reinaschen zu dürfen und bekommt den Wunsch hier fast erfüllt: In eine Vitrine mit Sprechblasenlöchern darf der Besucher die Reste seiner Zigarette werfen. Inhaltlich weiter entfernt von diesem Designerhaus-Charme ist die Sitzecke „Reading.Me.“ (90.000 Euro): Eine dünne Neonröhre hängt starr von der Decke. An ihrem unteren Ende darf man auf lackiertem Schaumstoff liegen und in Antiquariatsfunden über die Ameise schmökern.

          Multiperspektivisches von John Hilliard

          Bei Lothar Albrecht treibt der Altmeister John Hilliard sein zauberhaftes Unwesen und will die Wahrnehmung mal wieder mit seinem Spiel durcheinanderbringen. Er verwendet das Filmmaterial gleich mehrmals, was zu einer Überlagerung der Motive führt und die Sinne wirr werden lässt. Auf „Division Of Labour“ aus dem Jahr 2004 sind es vier Perspektiven. Für die neuesten Fotos hat er sie auf zwei reduziert. Auf „Construction“ von 2008 sieht man gleichzeitig den Aufbau einer Kunstausstellung und bereits die staunenden Eröffnungsgäste mit Weinglas in der Hand.

          In den siebziger Jahren experimentierte Hilliard auf „Cause Of Death“ schon mit den Perspektiven, indem er einen mit einem Laken zugedeckten Mann vom gleichen Standpunkt aus fotografierte - je nach Ausschnitt war er von Geröll erschlagen worden, im Fluss ertrunken, verbrannt oder von einer Brücke gestürzt. Sein Misstrauen gegenüber der Fotografie ist heute der Freude an der Verwirrung gewichen. Die Fotoarbeiten kosten 12.350 Euro.

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