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Galerierundgang Frankfurt : Altarbilder unserer Zeit

  • -Aktualisiert am

Alles sehr malerisch: Lin May und Jens Ullrich bei Jacky Strenz, Michelle Jezierski bei Alexander Lorenz und Günther Förg bei Bärbel Grässlin.

          In diesen winterlichen Tagen bieten Frankfurts Galerien abwechslungsreiche Stationen zum Aufwärmen an. Schon aus der Ferne sieht man ein warmes Leuchten im weiten Schaufenster der Galerie von Jacky Strenz. Der kleine Raum ist mit einer schwarzen Estrichpappe ausgekleidet. Mit Scherenschnitt-Technik haben Lin May und Jens Ullrich in ihrer vierten Gemeinschaftsarbeit zwei Szenen geschaffen, die verweilen lassen. Durch das von hinten beleuchtete Transparentpapier fühlt sich der Besucher wie in einer überdimensionalen Martinslaterne. Doch die Motive auf vier mal elf Metern bieten kein erhofftes Kinderglück: Das Diptychon „Nelly Sachs Park“ - ein Park in Berlin! - von 2009 zeigt links friesartig aufgereihte, überlebensgroße nackte männliche und weibliche Figuren; sie stehen kurz vor der Vertreibung aus dem Paradies.

          Auf der rechten Seite ist deshalb alle Unschuld vergessen, ein selbstbewusst auftretendes Pärchen in westlicher Kleidung mit zwei bellenden, zerrenden Hunden an der Leine hält ein Plakat in die Höhe: „Envy“, also Neid, ist darauf in großen Lettern zu lesen. Frontal marschiert das Paar auf eine zweite Gruppe in traditionell orientalischen Umhängen zu; eine Frau trägt Kopftuch.

          Sie führt einen mit Sprengstoff beladenen Esel an der Leine und ein Schild mit der Aufschrift „Rache“. Dieses zeitgenössische Altarbild will wohl ein provokatives Abbild unserer aktuellen Religionskriege sein, mit ironischem Bezug auf Maria und Joseph und ihren Esel (30.000 Euro). Ein Blick ins Büro der Galerie lohnt sich außerdem, neben Papagei-Kollagen von Jens Ullrich (1500 Euro) wartet dort noch ein „Kleiner Elefant“ von Lin May aus Styropor auf Mutige und bessere Zeiten (3500 Euro).

          Die Galerie von Alexander Lorenz in der Windeckstraße ist jetzt schon seit mehr als zwei Jahren fester Bestandteil der Frankfurter Galerienszene. Die langgezogenen Räume, versteckt im Erdgeschoss eines Wohnhauses, bieten alle möglichen Perspektiven, aus Nähe und Ferne: Weit hinten am Ende des Gangs taucht Michelle Jezierskis Gemälde „For Sale“ (2890 Euro) aus dem Jahr 2009 auf, ein Geisterhaus aus dem Nebel und zwischen Bäumen; Peter Doig ist da nicht weit.

          Mystische Landschaften an surrealen Orten

          Es ist die erste Malerei-Ausstellung bei Alexander Lorenz, und er hat Auge bewiesen; denn Michelle Jezierski beherrscht Farbe und Form: Die Farbe wendet sie an wie andere das Aquarell, lässt sie laufen, sich verlaufen, hält sie fest, gibt ihr Kontur. Die Töne sind erdig, dann blau, grau, gehen ins Lila. Farbige Schatten zeigen sich an den Fachwerkhausfassaden, gekachelte Schwimmbecken tauchen wie U-Boote unter die Wasseroberfläche.

          Was bleibt, sind mystische Landschaften an surrealen Orten. Gerade ihr Gespür für Form manifestiert sich, je mehr Bilder man sieht: Kein Wunder, sie ist schließlich eine Meisterschülerin von Bildhauer Tony Cragg und fand wie ihr Galerist erst jetzt den Weg in die Malerei (Preise von 695 bis 4880 Euro).

          Mit der Möglichkeit zum Eskapismus

          Höhepunkt der aktuellen Ausstellungen in Frankfurt ist Günther Förg bei Bärbel Grässlin in der Schäfergasse. Eigentlich, so könnte man meinen, muss man zu diesem Alten Meister unter den Zeitgenossen nicht mehr viel schreiben: Sein Wandwerk begleitet zum Beispiel den Besucher des Frankfurter Museums für Moderne Kunst durch das schmale Treppenhaus und lässt einen in Farbe schwelgen. Förg gehört seit der Documenta 9 im Jahr 1992 zu den wichtigsten deutschen Künstlern. Trotzdem irrt derjenige, der davon ausgeht, Förgs Werk schon in Gänze zu kennen. Die aktuelle Installation ist in situ entstanden, für diesen Ort geschaffen worden: Zwölf Leinwände mit bunten Farbflecken in freien, oft sich überlagernden Mustern besetzen drei der vier Raumseiten als monumentales Triptychon. Die freie Wand im Rücken lässt dem Blick die Möglichkeit zum Eskapismus.

          Und auch auf der Leinwand bleibt zwischen den Flecken und Linien Bewegungsfreiraum für das Auge; Günther Förg gibt sich nicht als Herrscher über die Fläche. Links fügen sich drei Leinwände zu einem offensiven Ensemble aneinander: Die mutigen Farbtöne, das grelle Grün, das tief leuchtende Rot oder das samtige Lila strahlen hier mächtig. Die rechte Seite wirkt sperriger, öffnet sich dann aber durch die Entdeckung feinerer, weniger offensichtlicher Elemente - eine grobe Textur, eine Schraffur, die auf eine Fläche gesetzt ist. Bei all dem denkt man unweigerlich an den Cy-Twombly-Raum im Münchner Brandhorst-Museum, und doch steckt in Förgs großen Farbflecken-Gemälden nicht so viel dichterisches Pathos - kein Rosenduft, sondern hemmungslose Farbenlust, auch wenn Förg selbst sagt, dies seien seine Monet-Seerosen (Preise bis 160.000 Euro).

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