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Galerienrundgang Frankfurt : Die Flucht in den Augenblick

  • -Aktualisiert am

Von wegen Sommerferien! Ein Rundgang durch die Frankfurter Galerien für Gegenwartskunst zeigt: Städelschüler bestehen neben einem Alten Meister wie Imi Knoebel, Animationsfilm neben Fotografie.

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          Wonach riecht der Sommer? In der Frankfurter Galerie hanfweihnacht ist es Zitrone. Es ist ein herber Duft, der von Heribert Friedls Wandobjekt ausgeht. Der weiße Ring, fünfzig Zentimeter misst er im Durchmesser, sieht unspektakulär aus. Seine Wirkung entfaltet er erst, wenn der Besucher an ihm reibt. Martin Hanf-Dressler und Felix Weihnacht haben ihre Frankfurter Galerie 2010 gegründet. Seit einem Jahr bespielt hanfweihnacht nun schon einen großen Raum in einem Hinterhof der Sachsenhausener Gartenstraße, unweit des Museumsufers. Zur Zeit ist dort die Gruppenausstellung „Chancen und Risiken“ zu sehen, ein Best-of der Künstler.

          Der Berliner Maler und DJ Dag Przybilla, alias DAG, hat die Schau zusammengestellt. Von DAG selbst stammt eine achtzig mal achtzig Zentimeter große Leinwand: „Pazifis“ besteht aus winzigen Dreiecken, gemalt in Acryl und mit Brushmarker, die sich zu Pyramiden und Rauten zusammenfügen. Nur auf den zweiten Blick erkennt man die Technik: Das Gemälde erscheint zunächst wie ein digitales Musterbild. An derselben Wand beeindrucken verwaschen wirkende Fotos, die leise die Flüchtigkeit des Moments einfangen. Timo Klos, Jahrgang 1983, hat dafür Alltagsszenen so lange belichtet, wie sie eben dauern: ein Abendessen sechzig Minuten lang, eine heiße Dusche zwölf Minuten. Eine ganz andere visuelle Temperatur hat Tina Gillens kräftig rotes Gemälde „Century Plant“, das einer explodierenden Ananas ähnelt. Mit Lack in Türkis und Orange hat Martin Brüger einer Joghurtmaschine zu neuem Glanz verholfen. (Bis zum 9. August. Preise zwischen 600 und 7200 Euro.)

          Klare Linien bei Olschewski & Behm

          Auf der nördlichen Seite des Mains warten Olschewski & Behm mit kühlem Stahl und leuchtenden Farben auf. In ihrer Sommerausstellung präsentiert die Galerie abstrakte Werke von acht Künstlern. Der kryptische Titel „Recent Numbers 26487971“ der Arbeit des Isländers Tumi Magnússon enthält den Schlüssel zum Verständnis des Bilds. Die gelben Linien auf braunem Grund visualisieren den Weg der Finger beim Wählen einer Nummer auf der Telefontastatur: In diesem Fall ist es die 26487971. „Recent“ ist diese Nummer, weil Magnússon sie kürzlich in sein Adressbuch aufgenommen hat. Durch diesen Hintergrund gewinnt das minimalistische Werk eine erzählerische Ebene.

          Klare Linien und rechte Winkel dominieren jedoch die gesamte Ausstellung bei Olschewski & Behm. Eine Geduldsübung ist die Arbeit von Ivar Valgardsson: Sein „rautt - gult, jafnt“, zu Deutsch „rot - gelb, glatt“, besteht aus Hunderten von Schichten Wandfarbe, die der Isländer auf eine quadratische MDF-Platte aufgetragen hat. (Bis zum 10.August. Preise zwischen 450 und 10.000 Euro.)

          Michael Lange in der L.A. Galerie

          Weiter den Main entlang, in der Innenstadt von Frankfurt, befindet sich in einem Obergeschoss die L.A. Galerie. Lothar Albrecht zeigt hier großformatige Fotografien von Michael Lange. Seine jüngste Serie „Wald. Landschaften der Erinnerung“ entstand von 2009 bis 2011 und umfasst etwa fünfzig Arbeiten. „Die meisten Fotos entstanden am frühen Morgen“, sagt Albrecht. Die Motive seien in ganz verschiedenen Gegenden entstanden, im Harz, in Norddeutschland oder auch im Odenwald. Wenn Lange einen Ort findet, der ihn inspiriert, markiert er ihn, um bei passendem Wetter zurückzukehren. Der Fotograf zeigt den Regen, der sich wie ein Schleier über alle Farben legt. (Bis 23. August. Preise zwischen 2700 und 10000 Euro.)

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