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Galerienrundgang : Erbsenzähler und Häuschenzeichner

  • -Aktualisiert am

In Wien treten die Galeristen zum Saisonauftakt mit Documenta- und Biennale-Künstlern an: Jirí Kovanda bei Krobath Wimmer und Herbert Brandl bei nächst St. Stephan - und viele mehr.

          Ein beliebtes Thema der Kunst ist die Eroberung des Raums. Dass dafür nicht immer großartige Gesten vonnöten sind, zeigen die subtilen Performances des Tschechen Jirí Kovanda. Bei der Eröffnung seiner zweiten Einzelausstellung in der Wiener Galerie Krobath Wimmer legte er eine Grenzlinie mit getrockneten Erbsen auf dem Trottoir, die unter den achtlosen Passantenfüßen jedes Mal aufs Neue ihre Form verlor.

          Auf der diesjährigen Documenta war Kovanda mit Fotos von seinen Aktionen aus den siebziger Jahren vertreten. In Absetzung vom ideologischen Kunstbegriff in der damaligen Tschechoslowakei setzte der 1953 geborene Künstler gezielt schwache Gesten: Das zeigt die Beiläufigkeit, mit der sich Kovanda im Rahmen einer Performance auf einer Rolltreppe umdrehte, um „in die Augen einer Person hinter mir“ zu blicken. Eine poetische Strategie, die auch seine plastischen Arbeiten in der Wiener Ausstellung charakterisiert: Für seine Wandarbeiten eignet er sich Fundstücke aus dem Alltag wie bunte Plastikbänder oder Karton an und verwandelt sie mit leichter Hand in Objektbilder im Geiste von Dada. So zieht Kovanda einen weißen Faden durch die Löcher einer dünnen Holzplatte, so dass eine abstrakte Zeichnung darauf entsteht (6000 Euro).

          Kunststoffseil in Gefangenschaft

          Auf die textilverliebte Documenta hätte auch der kleine Glaskasten gut gepasst, den der Künstler 1992 mit den dezent farbigen Kunststoffseilen gefüllt hat. Kovandas „arme“ Kunst erfreut sich an Zufällen, so den Tropfen weißer Farbe, die über ein quadratisches Bilderduo aus verschiedenfarbig unterlegten Lochplatten von 1991 laufen (7000 Euro). Seine reduzierte Ästhetik zeigt sich auch bei seinen Kartoncollagen, die modernistisches Vokabular im Bastelmodus wiederholen.

          Auch bei der benachbarten Galerie Meyer Kainer werden kleine Dinge ganz groß - oder umgekehrt, je nach Perspektive. Die Zeichnungen des aus Südtirol stammenden Siggi Hofer lassen Architektur und Landschaften im Modellformat auf großen Papieren erstehen. Märklinhafte Niedlichkeit fehlt dabei jedoch; zu steif und abstrahiert kommen diese Miniaturen daher. In „Land I“ stehen auf einem großen Felsblock Hochhäuser, Fabriken und Wohnblocks, verbunden durch Brücken und Straßen, während Flugzeuge über die liebevoll aquarellierte Stadt ohne Landeplatz kreisen. Hofer spielt sämtliche Gebäudetypen auf einem utopischen Stück Land durch. Daneben zeigen „Monument I & II“ (je 14.000 Euro) eine Art Grabanlage wie eine umgedrehte Pyramide und einen Turm ohne Fenster. Das Wort „Mensch“ erscheint auf einer Zeichnung als Denkmal aus Ziegeln (19.000 Euro), das nach dem unsichtbaren Schöpfer dieser Miniaturlandschaften ruft.

          Siggi Hofers Zeichenwelten

          Überhaupt treibt der Künstler sein Spiel mit dem monumentalen Charakter von Schrift. „Prawda“ verkünden die schwarzen Lettern über einer dicht bebauten Siedlung, deren Häuschen bezeichnenderweise auf dem Kopf stehen. Typografie wird bei Hofers neuen Arbeiten gern zu Topografie. Die charmant verrätselte Ausstellung heißt „I forgot 1988“, und am Ende der Schau begegnen wir dem Künstler als schüchtern blickenden Jüngling auf einem Foto aus dem im Titel genannten Jahr.

          Welche Umsetzung und Formen Schrift in der Malerei finden kann, beschäftigt den Wiener Künstler Stefan Sandner in der Galerie von Grita Insam. Nach seiner erfolgreichen Secessionsausstellung im vergangenen Jahr setzt der 1968 geborene Künstler seine reizvollen Aneignungen von vorgefundenem Schriftmaterial fort. Postkarten, Notizen, To-do-Listen, Botschaften auf Visitenkarten: Sandner greift auf die Ausdrucksstärke von Handschriften zurück, die so auf konzeptuelle Weise expressiv wird. Der Reiz liegt hier oft in der Vergrößerung: Den weißen Schriftzug „Eigentum Stefan Sandner“ malt der Künstler auf eine schwarz grundierte Leinwand von 280 mal 200 Zentimetern (15.000 Euro). So wirkt hier der Kontext einer Nachricht stärker als ihr Inhalt. Für den Betrachter wirken die Werke wie Rätsel, auf denen die krakelige Schrift entziffert werden muss, aber auch wie Darstellungen reiner Form aus gestischen Pinselstrichen.

          Abstraktes von Herbert Brandl

          Zu mächtig breiten Pinseln greift Herbert Brandl in der Galerie nächst St. Stephan. Der Auftakt für die Ausstellung des Malers, der Österreich dieses Jahr auf der Biennale in Venedig vertritt, beginnt mit einem ursprünglich für Italien vorgesehenen Gemälde. In diesem abstrakten Weiß-Grau-Blau versteckt sich eine verschneite Gebirgskette. Dieser Eindruck wird durch das zentrale gelbe Spotlight verstärkt, das von der Mitte des sechs Meter hohen Gemäldes kulissenhaft ausstrahlt. Stattliche 102.000 Euro für das Bild zeigen den Preissprung an, den der 1959 geborene Professor für Malerei an der Düsseldorfer Kunstakademie durch Venedig getan hat. „Wasserfall“ nennt die Galerie ein titelloses abstraktes Großformat, das eine hell beleuchtete Schlucht virtuos in Szene setzt.

          Was mit einem Überschwang an Pathos daherkommt, besticht durch Brandls Technik: Die zahllosen Schlieren, die den Wassercharakter dieses Gemäldes (89.000 Euro) erzeugen, bringt der Künstler durch ein spezielles Verdünnungsmittel zustande. Wer Österreichs Pavillon auf der Biennale gesehen hat, weiß, dass Brandl nicht nur ein Mann der Kälte ist: Die gelben, waagrecht aufgesetzten Verwischeffekte eröffnen im letzten Bild der Schau einen warmen Zufluchtsort.

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