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Galerienrundgang Berlin : Visuelle Wirbel

  • -Aktualisiert am

Mehr Raum für die Kunst: Ein Rundgang durch die Berliner Galerien zeigt, wohin das Streben geht. Museal wollen sie wirken und die internationalen Sammler anlocken.

          In Berlin findet die Kunst viele Formen für einen Unterschlupf auf Zeit: Museen, Produzentengalerien oder Off-Schauplätze. An den Galerien aber lässt sich ablesen, wohin das Streben geht: Museal wollen sie wirken und ausstellen, kommerziell erfolgreich denken und handeln, um die internationalen Sammler anzulocken. Als Hilfsmittel wurde das Kollektiv wiederentdeckt. In der Kochstraße direkt gegenüber von der „tageszeitung“ haben acht Galerien jüngst Quartier bezogen, darunter die Galerie Crone, Klara Wallner, Michael Janssen und Rafael Jablonka aus Köln. Mehr Raum heißt ihre Devise; das Haus in seiner Gesamtinszenierung gibt sich aber noch widerspenstig. Nur wenige hundert Meter weiter, in der Zimmerstraße, strahlen die Gemeinschaften mit Max Hetzler, Arndt & Partner und anderen seit Jahren lässige Selbstverständlichkeit aus, und unter den S-Bahn-Bögen an der Holzmarktstraße lassen sich die Galerien schon durch die Architektur gegenseitig Freiraum.

          Contemporary Fine Arts, bisher in der Sophienstraße, gehen noch einen großen Schritt weiter: Man hat auf zwei Etagen und 700 Quadratmetern Quartier in Heiner Bastians neuem Haus an der Museumsinsel bezogen. Wie ein steinernes Manifest zieht sich der Bau von David Chipperfield am Kupfergraben neben den Museumsbauten vergangener Zeiten in die Höhe. In den beiden Räumen im Erdgeschoss und in der ersten Etage stehen die Mitarbeiter der Galerie und passen auf die Kunst auf, geben Anleitung zum Sehen: Kunst von Weltrang kostenlos, das schätzt das Publikum in dieser Gegend sehr. Bruno Brunnet, Nicole Hackert und Philipp Haverkampf zeigen zum Auftakt eine Mammutschau, deren Format mit jedem Museum mithalten kann (und im nächsten Frühjahr geht die Ausstellung auch vollständig ins Museum in Innsbruck): „Es ist doch der Kopf“ ist eine Hommage von Walter Pichler an sich selbst.

          Räume mit Überzeugungskraft

          Lange mussten die Galeristen warten; jetzt überzeugten die neuen repräsentativen Räume den Scheuen. Die Weltflucht des einundsiebzig Jahre alten Künstlers begann 1972; seither lebt der Documenta-4-Teilnehmer zurückgezogen auf einem einsamen Hof in St. Martin im österreichischen Burgenland. Seine Skulpturen sind nicht ohne die sie umgebende Architektur zu denken. Die Wirkung der Werke aus den frühen sechziger Jahren, als Pichler noch mit Polyester, Plexiglas, PVC und Aluminium und zusammen mit Hans Hollein und Raimund Abraham arbeitete, lässt in seine anachronistischen Technik-Utopien eintauchen: Seine Prototypen, der „pneumatische Raum“, sein „TV-Helm“ von 1967 und der „Tonhelm“ von 1968 sind großartige Zeugnisse längst überschrittener Zukunftsvisionen. Seit seinem Rückzug verwendet Pichler natürliche Materialien, Äste, Steine, Sand, Holz, Metall; später auch blankpoliertes Metall, das die zentralen Arbeiten dieser Ausstellung ausmacht.

          So ist die Skulptur „Schädeldecke“ von 2004, was ihr Titel verspricht; doch an der Vorderseite ist - anstelle der Stirn - eine schräge Spiegelfläche angebracht, in der sich der Besucher sieht. Seine Skulpturen plant Pichler immer zugleich als Hausbau, „wie ein Gebäude, unterirdisch und oberirdisch“. Seine Zeichnungen von 1976 bis 2007 wiederholen den gestrengen Blick auf das, was seine Weltsicht ausmacht: der Mensch als Spielfigur zwischen Lebewesen und Maschine, konstituiert aus Farbe und Form. Mit den Jahren ist Pichler zunehmend zum Gefangenen seiner Präzision und Wiederholung geworden, die aufzubrechen er sich nur in wenigen freieren Entwurfszeichnungen und in den Gesichtern seiner Figuren erlaubt. (Preise von 4000 bis 35.000 Euro.)

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