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Galerie Heinemann Online : heinemann.gnm.de

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Bis zur Zwangsenteignung im Jahr 1939 war die Münchner Galerie Heinemann eine der wichtigsten des Landes. Das Deutsche Kunstarchiv hat jetzt sämtliche Dokumente der Kunsthandlung ins Netz gestellt: Eine Sensation für die Forschung.

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          Das Deutsche Kunstarchiv ist Teil des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg und umfasst knapp 1400 Bestände aus dem Bereich der bildenden Kunst vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Unter anderem verwaltet das Archiv - das größte seiner Art in Deutschland - die schriftlichen Nachlässe von Franz Marc, August Macke, Lovis Corinth, Karl Hofer, Otto Dix, Ernst Wilhelm Nay und Werner Tübke.

          Die historischen Schriftstücke erstrecken sich, optimal klimatisiert, über rund zweieinhalb Regalkilometer und haben damit einen ähnlichen Umfang wie das Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Allerdings ist die Erschließung der Schätze schwierig; denn das Deutsche Kunstarchiv muss mit einer einzigen Wissenschaftlerin, zwei halben Stellen und verschiedenen Hilfswissenschaftlern auskommen, während das Deutsche Literaturarchiv mit mehr als hundert festen Stellen operieren kann.

          In Nürnberg lagern neben den Dokumenten und Korrespondenzen zu einzelnen Künstlern auch Nach- und sogenannte Vorlässe von Kunstwissenschaftlern, etwa von Wilhelm Worringer, Tilman Buddensieg und Martin Warnke, ebenso wie Galerien- und Vereinsnachlässe, zum Beispiel die Bestände der Dresdner Galerie Arnold-Gutbier und die der Münchner Galerie Günther Franke. Eine systematische Digitalisierung der gesamten Bestände ist aufgrund der Personalknappheit utopisch.

          Umso erfreulicher, ja geradezu sensationell ist dafür das einzigartige Unterfangen, das der Öffentlichkeit jetzt vorgestellt wurde. Es handelt sich um das unter der Leitung von Birgit Jooss, der Direktorin des Deutschen Kunstarchivs, entstandene Projekt „Galerie Heinemann online“: In Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, unter konzeptioneller Mitarbeit des Berliner HIstorischen Forschungsinstituts Facts & Files und gefördert durch die Berliner Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung wurde seit Juni 2009 der Nachlass der Münchner Galerie Heinemann digitalisiert - und wird nun im Internet präsentiert.

          Bereits seit 1972 im Germanischen Nationalmuseum

          Jetzt sind die Daten aus Lager-, Einkaufs- und Kassenbüchern und dem weitläufigen Karteikartensystem freigeschaltet: ein wahrer Schatz an Informationen, der nun frei verfügbar Provenienz- und anderen Forschungen dienen soll. Die Galerie Heinemann, im Jahr 1872 von David Heinemann am Promenadeplatz gegründet und später am Lenbachplatz ansässig, war bis zu ihrer Zwangsenteignung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1939 eine der bedeutendsten deutschen Kunsthandlungen mit Dependancen in Frankfurt, Nizza und New York.

          Die Familie Heinemann übergab die erhaltenen Geschäftsbücher und Karteien schon 1972 dem Germanischen Nationalmuseum, während die annotierten Kataloge dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte überlassen wurden. Nach dem mühevollen Scannen und Transkribieren der Dokumente - darunter allein 35.000 Karteikarten - ist es nun möglich, unter http://heinemann.gnm.de Informationen zu 42.000 Kunstwerken und 13.000 Personen, die mit der Galerie in Zusammenhang standen, online zu recherchieren. Es sind die gehandelten Kunstwerke enthalten, aber auch unverkaufte Kommissionsware und Werke, die der Galerie zum Kauf oder in Kommission angeboten, aber nicht angenommen wurden. Das Bildmaterial entstammt einerseits den Katalogen der Galerie Heinemann, andererseits den wenigen erhaltenen Fotografien.

          Hauptumsatz mit Werken der sogenannten Münchner Schule

          Besonders die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts stand im Interesse der Galerie, aber auch Boucher, Corot, Courbet, Monet, Goya, Velázquez, Constable, Romney und Turner. Zwischen 1880 und 1935 wurden rund 300 verschiedene Ausstellungen präsentiert.

          Den Hauptumsatz machte die Galerie mit der sogenannten Münchner Schule, mit Künstlern wie Franz von Defregger, Franz von Lenbach, Hermann und Friedrich August von Kaulbach, Carl Spitzweg und Heinrich von Zügel. Am häufigsten taucht der heute wenig bekannte Philipp Röth in den Unterlagen auf, der in Darmstadt und Karlsruhe studierte, bevor er nach München kam und hier mit seinen bayrischen Landschaften zum Publikumsliebling wurde. Aber auch die Düsseldorfer Malerschule, Berliner Künstler wie Max Liebermann, Lesser Ury und Walter Leistikow und die Österreicher Jakob und Rudolf Alt fanden in der Galerie Heinemann neue Besitzer.

          Für Provenienzforscher besonders interessant

          Im Jahr 1938 übernahm ein leitender Mitarbeiter der Galerie, Friedrich Heinrich Zinckgraf, den Anteil von Fritz Heinemann, dem Enkel des Firmengründers. Zunächst wurde ihm wegen der engen Kontakte zur Familie Heinemann „Scheinarisierung“ vorgeworfen, doch schließlich wurde er zum alleinigen Inhaber der Galerie. 1941 nannte er sie in „Galerie Zinckgraf“ um und führte sie nach dem Krieg weiter. Fritz Heinemann kehrte im Juni 1946 aus dem amerikanischen Exil zurück. Die Unterlagen der Galerie erhielt er wohl erst nach Zinckgrafs Tod 1954 zurück.

          Bei diskreten Verkäufen durch Kunsthändler sind die entsprechenden Dokumente häufiger als bei öffentlichen Auktionen untergegangen. Deshalb wird es für Provenienzforscher besonders interessant sein, nun Schriftstücke zuhanden zu haben, die dokumentieren, wie seit 1933 viele verfolgte jüdische Kunden an die Galerie Heinemann herantraten, um ihre Bilder zu verkaufen, sei es, um den Lebensunterhalt oder die Ausreise davon zu finanzieren.

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