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Franz Dahlem zum Siebzigsten : Der Mann, der Twombly nach München holte

  • -Aktualisiert am

Er ist zweifellos eine Legende, als Galerist und erster Punk. Ihn zeichnet ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein aus und der Glaube an die Künstler: Eine Hommage zum siebzigsten Geburtstag von Franz Dahlem.

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          Als ein mittelloser Bierbrauer mit ungewöhnlich lautem Auftreten und ein blonder junger Mann mit Sportwagen, beide Mitte zwanzig, am 23. Juli 1963 in München eine Galerie eröffneten, dachte wirklich niemand daran, dass hier demnächst Kunstgeschichte geschrieben werden würde. Franz Dahlem und Heiner Friedrich wurden beide auf ihre Weise zu Legenden; bis heute sind sie eng befreundet. Während Friedrich sich später mit dem Dia Center for the Arts in Richtung Vereinigte Staaten orientierte, steht der umtriebige Dahlem hinter entscheidenden Ausstellungen und Katalogen, und er hat zu vielen wichtigen deutschen Sammlungen beigetragen.

          Als Erste zeigten Dahlem und Friedrich in ihrer Münchner Galerie Walter de Maria mit seinem Erdraum; der damals noch unbekannte Dan Flavin kam und installierte seine "Primary Structures". Schon 1965 stellten sie Zeichnungen von Joseph Beuys, Sigmar Polke und Cy Twombly aus. An Twombly hatten sie schon vor der Galerieeröffnung nach Rom geschrieben: Er möge kommen und ausstellen. Zwei Jahre später kam er, blieb drei Wochen, malte drei Bilder. An den Sammler Udo Brandhorst verkaufte Franz Dahlem damals dessen erste Twombly-Zeichnung. Noch in diesem Jahr wird die Sammlung Brandhorst in München mit einem Twombly-Schwerpunkt eröffnen.

          Weder Mentor noch Händler

          "Ich bin kein Kunsthändler", das betont Dahlem mit der ihm eigenen Bestimmtheit, die Widerspruch gar nicht erst aufkommen lässt. Wer etwa davon spricht, Friedrich und Dahlem hätten Künstler "unterstützt", der wird harsch zurechtgewiesen: Unterstützung, das brauchten alte, arme Menschen, aber kein Künstler. Man habe investiert. Und unbeirrbar an sie geglaubt, als das noch kein anderer tat - an Georg Baselitz, an Sigmar Polke, an Blinky Palermo. Zum Teil mit extrem langem Atem. Von Baselitz verkauften sie acht Jahre lang kaum ein Bild, von Palermo sieben Jahre lang überhaupt nichts. Trotzdem bekamen beide Künstler regelmäßig einen festen Betrag überwiesen. Ermöglicht durch, nun ja, Kunsthandel - als Mittel zum Zweck. Das konnte auch heißen: mit Max Ernst handeln, und dafür Baselitz' inzwischen berühmte "Große Nacht im Eimer" selbst kaufen. Das lange Zeit so gut wie unverkäufliche, frühe Skandalbild, das in der Berliner Galerie von Michael Werner 1963 für Polizeiaufmarsch und für Vernichtungsprosa bei der "Bild"-Zeitung gesorgt hatte, hing für einige Jahre in Franz Dahlems Wohnung in Darmstadt, wo er von 1966 an den "Wella"-Gründer und passionierten Kunstsammler Karl Ströher beriet.

          So geht nicht nur die Sammlung Ströher, die mit einem bemerkenswerten Bestand amerikanischer Pop-Art später den Grundstock für die Sammlung des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt bildete, auf Dahlems Initiative zurück, sondern auch die mutige Entscheidung des damals schon betagten Haarpflege-Unternehmers Ströher, den kompletten Beuys-Block für Darmstadt zu erwerben. Und wenn er mit Beuys unterwegs war und man den Künstler fragte, wer denn sein sonderbarer Begleiter sei, pflegte Dahlem unschlagbar vorlaut selbst zu antworten: "Ich bin der Lehrer vom Beuys." Man könnte sagen, dass er bereits in den sechziger Jahren eine Art erster Punk war - und dass er es bis heute ist. Wer ihn auf den Partys der Kunstwelt vermutet, irrt sich. Auf den Gästelisten der großen Ehrungen und Selbstbeweihräucherungen der Szene steht er nie.

          Denn es hat stets jede Menge Ärger gegeben im Leben des Franz Dahlem, der heute mit der Malerin Maria Zerres und ihren drei gemeinsamen Kindern in Oberbayern und Manhattan lebt, hellwach und bestens über alle Vorgänge der Kunstwelt informiert. Seine Respektlosigkeit polarisiert, aber er pflegt sie bis heute. Und lacht über alle vergangenen Zerwürfnissse und Rausschmisse, die heute noch zwischen vielen Kunstmarkt- und Museumsgrößen und ihm stehen. "Heimlich mögen sie mich alle", vermutet er, "aber die Geschäfte laufen besser, wenn sie mich verschweigen." Dahlem ist nicht bescheiden; das muss man nicht sein als unvergleichliche, auch hochverdiente Figur. Er braucht keine Gratulanten. "Der Erfolg hat viele Väter", sagt er vielsagend, "aber nur eine Mutter." Am 13. März, ist die Mutter des Erfolgs siebzig Jahre alt geworden.

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