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Fotografie : Verloren in Vollkommenheit

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Potemkin auf Italienisch: Die Bauarbeiten zu Mussolinis idealer Stadt haben nie begonnen, man täuschte den Diktator mit falschen Fotos. Die Künstlerin Johanna Diehl folgt den Spuren.

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          Johanna Diehls fotografischer Blick ist konzeptuell. Erst formt sie eine Idee, ein Thema. Dann geht sie auf die Suche nach ihren Motiven und auf Reisen entstehen dann ihre konzentrierten Werke. 2008 war sie auf Zypern. Seit mehr als 38 Jahren ist das Land geteilt. Der Süden ist christlich-orthodox, der Norden muslimisch. Von dort brachte sie uns erstaunlich berührend sachliche Bilder von Innenräumen ehemaliger Kirchen und Moscheen mit, die heute als Gotteshäuser der jeweils anderen Religion genutzt werden. Die Attribute des Christentums zum Beispiel mischen sich auf den streng analogen Fotos mit Gegenständen und Formalien des Islams: die verlassene Kanzel neben dem Betteppich, Klebestreifen auf dem Boden einer langsam zerbröselnden christlichen Architektur, die die Sitzreihen der Muslime wohlorganisieren.

          Der Kirchturm hat Nachrang

          Jetzt hat sich die Künstlerin einem anderen architektonischen Thema gewidmet: „Borgo“ nennt sie ihre Serie, die jetzt in der Frankfurter Galerie Wilma Tolksdorf zu sehen ist. Die Idee dazu entdeckte Johanna Diehl in der Legende von der Gründung des Ortes Mussolina auf Sizilien. Es ist die Geschichte einer Idealstadt, die sich Mussolini wünschte. Doch als der Diktator nach dem Fortschritt fragte, wollten die Verantwortlichen nicht zugeben, dass sie nie mit der Umsetzung begonnen hatten - aus Angst schufen sie aufwendige Zeichnungen und fotografierten sie ab. Die Künstlerin aber hat sich ein reales Motiv gesucht, nämlich die mehr als zwanzig Idealsiedlungen, die tatsächlich zwischen 1926 und 1943 im Hinterland von Sizilien errichtet wurden. Sie alle erhielten eine Piazza, eine Kirche, eine Post, eine Schule und ein Parteigebäude. Der Turm der Kirche durfte den Sitz der Partei niemals überragen. Heute sind viele „Borghi“ verlassen. Schon zu Mussolinis Zeiten waren sie eher unbeliebt; zu einsam inmitten der Felder.

          Schaut man nun auf die Fotografien von Johanna Diehl, so wird das Scheitern, aber auch die Schönheit dieser Utopie manifest. Die kulissenhaften Gebäude künden vom Versagen der Regierung, die Bauern von ihren Plänen zu überzeugen. Heute sind vierzig Prozent der Städte vollständig verlassen. Wir sehen Plätze ohne Stadtleben, verloren in ihrer vollkommenen Ordnung, die ihnen eine geisterhafte Schönheit verleiht. Die Kunst der Fotografie, Schärfe, Licht und Perspektive präzise einzusetzen, erreicht bei Johanna Diehl den perfekten Grad. Sie ist eine Ausnahmefotografin.

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