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Fotografie : Schmuck des Tischs

Vier Abzüge der „Gabel“ von André Kertész sind schon eine Geschichte. Das zeigt eine Ausstellung bei der Galerie Kicken in Berlin. Allein die Entwicklung der Preise für dieses Bild ist eine Erzählung wert.

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          In der Juniausgabe der Zeitschrift „Die Form“ war 1929 eine Fotografie von André Kertész zu sehen: eine Gabel, abgelegt auf einem Tellerrand, aufgenommen während eines Essens mit Künstlerfreunden im Atelier von Fernand Léger. Es war eine seltsam rätselhafte Aufnahme, die gleichsam als Vexierbild zwischen Neusachlichkeit und Surrealismus hin und her sprang und deren Charme man sich bis heute nicht entziehen kann.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Schon Peter Bruckmann erlag ihrem Reiz. Ihm als Vorsitzendem des Deutschen Werkbunds war die Aufnahme aus der Ausstellung „Film und Foto“, die er maßgeblich unterstützt hatte, aufgefallen. Als Unternehmer der Silberwarenfabrik Bruckmann-Bestecke kaufte er kurzerhand die Bildrechte für eine seiner Reklamen: „Gute Geldanlage, Schmuck des Tisches“ stand im November 1929 in einer Werbung für seine Bestecke in der Illustrierten „Die Dame“ über dem Stillleben mit Gabel.

          In der grandiosen Ausstellung „André Kertész“ im Berliner Martin-Gropius-Bau wird die Veröffentlichungsgeschichte dieses Bilds jetzt mit etlichen aufgeschlagenen Zeitschriften nacherzählt. Nur ein paar Kilometer weiter erzählt parallel dazu Rudolf Kicken in seiner Galerie die Geschichte, die das Gabel-Bild in verschiedenen Abzügen durchlebt hat. Gleich vier Blätter hat er für seine wunderbare Kertész-Ausstellung zusammentragen können: vom postkartengroßen Vintage bis zum frühen Archivbild einer Zeitungsredaktion. So viele verschiedene Kertész-Gabeln hat es vielleicht nie zuvor an einem Ort gegeben. Über jedem der Bilder könnte stehen: „Gute Geldanlage. Schmuck der Wand“.

          Die Preise folgen der Faustregel, dass ein Abzug umso teuerer ist, je näher er dem Original, dem Abzug der Entstehungszeit also, ist. Dabei unterscheiden sich die Aufnahmen nicht nur durch den Silbergehalt im Papier und damit die Brillanz der metallen schimmernden Gabel voneinander, sondern auch durch den Ausschnitt des Motivs. Bei dem Pressebild ist der schwarze Streifen, der die Tiefe des Raums andeutet, abgeschnitten. Der kubistische Ansatz der Komposition ist somit aufgehoben und die Bildwirkung erheblich verändert. Ob Kertész selbst zur Schere gegriffen hat, ist fraglich, auch wenn er dafür bekannt war, seine Bilder immer wieder zerlegt und durch Ausschnitte neu gestaltet zu haben.

          Suche nach Ikonen statt nach einer Bildsprache

          Die Abzüge aus den sechziger Jahren kosten 14.000 und 18.000 Euro, der Abzug aus den dreißiger Jahren 300.000 Euro. Das kleine Vintage ist unverkäuflich – die Postkarten „Chez Mondrian, Paris“ und „Satiric Dancer, Paris“ im gleichen Format und aus derselben Zeit geben mit 950.000 und zwei Millionen Dollar zumindest einen Anhaltspunkt, in welcher Kategorie das Gabel-Bild heute angesiedelt ist – im Jahr 1981 hatte es bei Kicken noch 22.000 Dollar gekostet. Glaubt man der Überlieferung eines Gesprächs mit Kertész, sei es ihm nie darum gegangen, eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Vielmehr orientierte er sich an den jeweils großartigen Fotos der Zeit und verbesserte sie noch einmal – mit diesem Ansatz schuf er am Ende vielleicht mehr Ikonen der Fotografiegeschichte als jeder andere Künstler.

          Selbst die kleine Bilderschau bei Kicken mit ihrem Material aus dem AndréKertész-Estate bezeugt die Vielfalt im Werk – von Stillleben, Porträts und Akten bis zu Straßenszenen und einem dörflichen Idyll seiner ungarischen Heimat. Gemeinsam aber ist all den Bildern eine gewisse Melancholie, die Kertész ebenso nach Paris wie nach New York begleitet hat. Vermutlich war es seine Art, sein Heimweh zu formulieren.

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