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Eine Kölner Nachtaktion : Ich stehe hier und warte

  • -Aktualisiert am
          2 Min.

          Vierundzwanzig Stunden lang Kunst ohne Pause: Für die junge Kölner Galerie Teapot ist dies nichts Außergewöhnliches. Wenn die Räume der ehemaligen Metzgerei an der Bonner Straße in Köln Tag und Nacht hell erleuchtet sind, kann dies nur eins bedeuten: Rolf A. Kluenter ist wieder zu Gast. Der deutsche Installationskünstler mit Wohnsitz in Schanghai zeigt seine dreikanalige Videoinstallation „Anima Flux“ (Auflage 3, 9000 Euro). Die Präsentation wird begleitet von einem Environment, für das die sechs Frauen aus dem Film auf überlebensgroße, durchleuchtete Folien kopiert wurden - und wiederholt wie kleine Votivbilder in einer Fotoserie versammelt sind (Preise von 500 bis 1200 Euro).

          Kluenter benutzt die vom Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung beschriebene „Anima“ - das Weibliche im Männlichen - als Kern einer suggestiven, visuellen Erkundung der eigenen Biographie: Im Jahr 1956 geboren, ausgebildet an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Erich Reusch, erhielt Kluenter 1980 ein Stipendium für die Vereinigten Staaten. Doch statt New York wählte der an östlicher Religion interessierte ehemalige Messdiener Nepal als Aufenthaltsort.

          In der Hauptstadt Katmandu lebte er für knapp zwanzig Jahre, trat zum Buddhismus über und arbeitete sich ein in die Herstellung der traditionellen Manuskripte aus schwarzem Papier, auf das seit Jahrhunderten die Sutren geschrieben wurden. Längst hat Kluenter, der seit 1999 in Schanghai lebt, sein Werk um Malerei, Fotografie und Film erweitert. Das Papier aber ist ein Motiv auch seiner raumgreifenden Installationen geblieben - zu sehen etwa auf der Shanghai-Biennale 2006. Auch in „Anima Flux“ tauchen diese käfigartigen Strukturen auf, in denen sich die Schauspielerinnen bewegen.

          Vierundzwanzig Stunden Präsenz zeigen: Warum mutet sich Kluenter diesen Kraftakt zu, der an die längst vergangene Zeit der Performancekunst erinnert? „In einer Stadt wie Schanghai kann man alles rund um die Uhr machen“, sagt Kluenter: „Warum nicht auch Kunst?“ Er ist in guter Gesellschaft. Der Wunsch nach unmittelbarer Erfahrung ist wieder Trend: Marina Abramovic verbrachte zehn Wochen im New Yorker MoMA und übte Augenkontakt mit den Besuchern. Carsten Höller lud Übernachtungsgäste ins Guggenheim ein.

          „Wir wollten lieber Galerie sein“

          Kluenters Ansatz passt zur Philosophie der Galerie Teapot, die Lutz Göbelsmann vor zwei Jahren in der Kölner Südstadt gegründet hat. Die Galerie als Produktionsort für Künstler, die sich nicht auf stringente akademische Karrieren und hohe Preise berufen, sondern eher auf einen Quereinstieg setzen. Vertreten werden etwa Thomas Palme mit seinen obsessiven Zeichenkonvoluten oder die Objekte der ehemaligen Lichtdesignerin Susanne Rottenbacher, die schon das Bundeskanzleramt effektvoll beleuchtete. Doch auch Tätowierungen und radikale Aktionskunst finden sich im Programm.

          Aus diesen Zutaten ergibt sich ein wenig vorhersehbares, aber eben auch wenig kommerzielles Programm: Drei Messen in diesem Jahr waren trotz lobender Erwähnungen nur bedingt von guten Umsätzen gekrönt. Doch Göbelsmann setzt auf langen Atem: „Wir hätten auch als städtisch geförderter Projektraum beginnen können, aber wir wollten lieber Galerie sein - mit allen Risiken.“

          Die Eröffnungen im Teapot jedenfalls sind voll und werden von einem Publikum besucht, das nicht unbedingt den typischen Galeriegängern entspricht. Auch Kluenters letzte 24-Stunden-Performances waren gut besucht: Am frühen Abend kamen Kunstinteressierte, später die Clubgänger unterwegs zum Rave und morgens Angestellte, die sich auf dem Weg zur Arbeit wunderten über die frühe Betriebsamkeit hinter dem großen Schaufenster.

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