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Eine Innenansicht des Kunstmarkts : Was von der Kunst durchs Raster fällt

  • -Aktualisiert am

Galerien für zeitgenössische Kunst sind besonders anfällig für Wirtschaftskrisen. Wie gehen die Betreiber, Mitarbeiter, Künstler und Kunden derzeit mit den neuen Marktbedingungen um?

          12 Min.

          Auf hohen Absätzen und in feinen Kleidern bewegen sie sich auf Kunstmessen von Stand zu Stand und umschwärmen die Sammler. Es fehlen nur die spitzen Ohren zur Elfe. Kein Wunder, dass diese Wesen „Gallerinas“ heißen; ihr Tanz erinnert an Zauber und Grazie des Balletts. Besonders in den Vereinigten Staaten sind sie Markenzeichen jeder größeren Galerie. Auch in Deutschland gibt es sie. Allerdings sieht man sie hier zuweilen in Hosen, mit Kurzhaarschnitt und Designerbrille - je nach Status des Arbeitgebers.

          Es mache keinen Unterschied, ob sie ein 100.000-Euro-Gemälde an einen HedgeFonds-Manager verkauften oder an einen ernsthaften Sammler, sagen sie. Das gehöre zum Geschäft. Sie sind meist um die dreißig und Kunsthistorikerinnen. Auf den Poolpartys der Art Basel Miami Beach sieht man sie strahlend stehen, mit wachen Augen: Wer kommt, wer geht? Wer lohnt ein Gespräch, wer nicht? Sie wissen, wie ein Auftritt gelingt. In der zeitgenössischen Kunst kennen sie sich aus. Doch jetzt in der Krise sind ihre bevorzugten Kunden, die amerikanischen Sammler, verschwunden.

          Verschwiegenheit gehört zum Beruf

          Seit einigen Monaten müssen viele von ihnen Kurzarbeit leisten, für weniger Geld. Diese Maßnahme ist mittlerweile auch bei Galerien in Mode gekommen. Ungern reden die „Gallerinas“ und ihre männlichen Kollegen über ihre Arbeit. An langen Tresen sitzen sie nach wie vor hinter ihren Laptops, als blühe das Geschäft. Ihre Vielzahl steht für die Hochkonjunktur auf dem Kunstmarkt, für die Bedienung der Massen, die schon seit einigen Jahren die früher so elitäre Kunstgemeinschaft für sich entdeckt haben. Unter den „Gallerinas“ herrscht Konkurrenz. Die Boomjahre haben sie von den Universitäten in die Verkaufswelt gelockt; meist liegt eine Dissertation brach. Die Krise wird diesen Arbeitsmarkt zusammenstauchen wie wenige andere.

          Vor dem Schwarzen Montag, dem Lehman-Brothers-Crash im September, schien die Nachfrage in manchen Galerien nicht zu bremsen zu sein: „Die Interessenten meldeten sich nicht nur aus den Vereinigten Staaten, sondern auch aus Spanien, Italien, England. Sie riefen an, mailten und baten um Abbildungen von Kunstwerken, von Jonathan Meese beispielsweise, zwei, drei, vier, fünf, und kauften dann, ohne das Werk jemals live gesehen zu haben“, sagt Anne Schwarz, die bei Max Hetzler in Berlin als „Gallerina“ angefangen hat.

          Räume wie ein Museum

          Sie nutzte die guten Jahre, um sich bei Contemporary Fine Arts zur Galeriedirektorin im direkten Dienst der Teilhaber Nicole Hackert, Bruno Brunnet und Philipp Haverkampf emporzuarbeiten. CFA gibt es seit 1992, die Galerie gehört zu den größten in Deutschland. Sie beschäftigt siebzehn Mitarbeiter und residiert in einem musealen Bau, den der Architekt David Chipperfield entworfen hat, am Kupfergraben gegenüber der Berliner Museumsinsel.

          Anne Schwarz ist für die Künstler Daniel Richter, Katja Strunz und Norbert Schwontkowski zuständig. „Ich finde die neue Ruhe angenehm, endlich habe ich mal wieder Sammler in aller Ausführlichkeit angeschrieben.“ Die Stimmung der jüngsten Zeit glich einer Art Lähmung, die nicht zwingend aus den Veränderungen auf dem Kunstmarkt resultierte, sondern auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen war. Vorläufig bleiben Kraft, Energie und Geld, die in eine umfangreiche Einzelausstellung investiert werden müssen, weniger belohnt. Erst langsam lockert sich alles wieder.

          Unsicherheit ist der Preis

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