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Der Vater des Happenings : Säge und Leim, Kälte und Hitze

  • -Aktualisiert am

Allan Kaprow zeigte den Deutschen, wie man einen Balken immer wieder zersägt und wie das traute Heim zur Klimakammer wird. Eine Sonderausstellung in Köln folgt Kaprows Spuren in der Bundesrepublik.

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          Aktionistische Kunst besitzt nur wenig Bedeutung für den Kunstmarkt. Ihre Momenthaftigkeit widerspricht dem Verkauf von dauerhaften, im Wert steigenden Objekten. Dennoch setzten sich gerade ihre Vertreter - mehr als die jeder anderen Kunstrichtung - mit den Bedingungen des Markts auseinander und erforschten seine Strategien der Förderung und Etablierung von Kunst. Ihre Stellung außerhalb der ökonomischen Strukturen ermöglichte den Aktionisten einen kritischen Blick auf das gefestigte System, machte aber auch die Schwierigkeiten einer Künstlerkarriere ohne dessen Zuspruch deutlich.

          Das Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels zeigt in seiner diesjährigen Sonderschau auf der Art Cologne das Wirken des amerikanischen Happening-Künstlers Allan Kaprow (1927 bis 2006) in Deutschland, das hin und her gerissen war zwischen der Eingliederung in ein institutionelles und marktorientiertes System und der Verwirklichung einer Kunst, die im alltäglichen Leben aufgeht: Die zahlreichen Dokumente und Fotografien im Archiv vermitteln das beispielhaft.

          Kaprows erste Aktion in Deutschland - „Sawdust“ - fand 1970 in den Räumen einer Kölner Schreinerei statt. Umgeben von Maschinen, sägte Kaprow an Kanthölzern, während der Staub sich in der Luft verteilte. Unablässig arbeiteten er und die anderen Teilnehmer der Aktion, unter ihnen die Fluxus-Künstlerin Charlotte Moormann, an den Balken; doch das Ergebnis war keine hölzerne Skulptur oder Installation, sondern das Sägemehl selbst. Es wurde mit Leim vermischt zu neuen Balken gegossen, die wiederum unter die Säge geschoben werden sollten.

          Mit dieser Idee eines fortlaufenden Prozesses spielte Kaprow auf industrielle Recycling-Prozesse an und auf die Sage von Phönix, dem mythischen Vogel, der verbrennt und aus seiner Asche neu ersteht. Entgegen der künstlerischen Intention forderte aber das Ausstellungskonzept der „happening & fluxus“-Retrospektive des Kölnischen Kunstvereins im selben Jahr, in dessen Rahmen die Aktion stattfand, ein Objekt zur Präsentation: Kaprow überführte also die gegossenen Balken in den Ausstellungsraum, wo sie ohne seine Dokumentation wie gewohnte Kunstwerke wirkten.

          Radikale Temperaturwechsel

          Die Bekanntschaft mit engagierten Galeristen, wie dem Berliner René Block und vor allem Inge Baecker aus Bochum, ermöglichte es Kaprow, Anschluss an das deutsche Kunstsystem zu finden. Sie förderten seine Aktionen und verkauften die Relikte, Booklets, Fotografien, Filme und Editionen. Besonders Inge Baecker verstand sich darauf, die Bestrebungen des Künstlers mit den Regeln des Kunstsystems in Deutschland zu verbinden: „Warum - außerdem - sollten wir eine hoffnungsvolle junge Pflanze durch beschränkende Maßnahmen von unserer Seite ersticken?“, fragt sie Kaprow in einem Brief von 1973, anlässlich des Vier-Städte-Happenings in Zusammenarbeit mit den Museen in Bochum, Duisburg, Essen und Remscheid.

          Die Aktion „Basic Thermal Units“ vereinte die Teilnehmer in den Städten in der Erfahrung von Wärme- und Kälteeinwirkungen auf den Körper. In ihren Wohnungen hüllten sie sich in mehrere Lagen aus Kleidungsstücken, stellten die Heizung auf ihr Maximum ein oder entledigten sich ihrer Kleider, stiegen - wie auch Kaprow selbst - in eine Badewanne voller Eiswasser: Den Grenzbereichen des Temperaturempfindens wurde im heimischen Schutzraum ungewohnte Aufmerksamkeit geschenkt, und die Assoziationen und Erfahrungen wurden in abschließenden Diskussionsrunden in den Museen zusammengetragen. Die Institutionen fungierten als Sponsoren, doch ihre finanzielle Unterstützung wollten sie auch durch ein Objekt in ihren Sammlungen sichtbar machen. Sie förderten die „aufkeimende Pflanze“ der Aktionskunst, erwarteten dafür aber ein Entgegenkommen der Kunstschaffenden.

          Verbildlichung einer deutschen Redewendung

          So galt denn auch Inge Baeckers Anliegen in vielen ihrer Briefe an Kaprow der Lockerung seines restriktiven Kunstbegriffs zugunsten einer Verbreitung und Finanzierung durch die Institutionen. Dazu gehörte der Verkauf von Aktionsrelikten und Collagen, deren Erlös weitere Aktionen ermöglichte. Anhand dieser Objekte in privaten und öffentlichen Häusern sind Allan Kaprows Aktionen bis heute lebendig geblieben und vermitteln, wie Kataloge und Filme, Eindrücke der Ereignisse von damals. Die andauernde Wahrnehmung und Bekanntheit seiner Kunst ist zu großen Teilen gerade diesen Stücken geschuldet.

          Möglicherweise ahnte Kaprow bereits bei der ersten Präsentation in Deutschland, dass sein Kunstverständnis nicht ohne Abweichungen von seiner geradlinigen Kunsttheorie umzusetzen sein würde. Der Titel „Sawdust“ enthält ein für ihn typisches Wortspiel, das in der deutschen Übersetzung „ein Sprichwort entstauben oder streuen“ bedeuten kann. Die Aktion mit den zu zersägenden Balken und ihre konventionelle Form der Ausstellung verbildlichen im wörtlichen wie metaphorischen Sinn geradezu die deutsche Redewendung „Wo gehobelt wird, fallen Späne“. Für Allan Kaprow hat die Anbindung an den Kunstmarkt Kompromisse bedeutet, die letztendlich doch seiner Kunst zugute kamen.

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