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Galerien in Wien : Womöglich wird das Werk gar nicht mehr gebraucht

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Das Festival „Curated by Vienna“ spürt der Zukunft von Kunst und Ökonomie nach. Die Kuratoren der teilnehmenden Galerien bleiben nicht bei eindimensionaler Kapitalismuskritik, sondern suchen nach Alternativen.

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          Ein Mann steht mit erhobenen Händen in einer leeren Galerie. Der grauhaarige Bartträger wirkt in sich gekehrt - ein Künstler auf der Suche nach Inspiration? Keineswegs, denn das Leipziger Duo Famed hat einen professionellen Heiler engagiert, um die Gabriele Senn Galerie einer „energetischen Reinigung“ zu unterziehen. Das dabei entstandene Video und weitere Kunst ist nun in jener Ecke ausgestellt, in der der Heiler besonders viel Kraftströmung wahrnahm. Ob diese Energie wohl auch potentielle Käufer spüren?

          Die Schau „Famed - Privileg der Umstände“ antwortet ironisch auf den Trend zum Spirituellen und Schamanismus in der Gegenwartskunst. Das Streben nach Verinnerlichung könnte auch als Reaktion auf die Oberflächlichkeit des spekulativen Kunstmarkts interpretiert werden. Die Ausstellung bei Senn ist Teil der diesjährigen Ausgabe des Galerienfestivals „Curated by Vienna“, für das der Philosoph Armen Avanessian einen Leit-Essay zum Thema Kunst und Postkapitalismus beigesteuert hat. Curated by Vienna wurde 2009 als öffentlich gefördertes Projekt aus der Taufe gehoben, das der Wiener Galerienszene eine stärkere Wahrnehmung im Ausland verschaffen sollte. Das Prinzip ist so einfach wie singulär: Jede der zwanzig beteiligten Galerien kann einen Ausstellungsmacher ihrer Wahl einladen und erhält ein Budget von 6000 Euro (exklusive Kuratorenhonorar). Dafür sichert sie dem Kurator Carte Blanche zu, das heißt, er ist nicht an die jeweilige Künstlerliste gebunden.

          Sozial ist die Funktion der Galerie

          Nicht nur der frische Wind der Internationalität macht das Projekt speziell, sondern auch die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen. Die Kuratoren werden bereits vorher eingeflogen, um über Fragen der Biopolitik (2013) oder des Wandels der Arbeitswelt (2014) zu diskutieren. Der jetzige Fokus auf die Zukunft von Kunst und Ökonomie, zu dem auch ein Symposion stattfindet, birgt genug Stoff für Kontroversen. Für Avanessian, der als Proponent des sogenannten „Akzelerationismus“ bekannt wurde, ist Kapitalismuskritik in der Kunst passé, lieber möchte er nach „innovativen Geschäftsmodellen“ Ausschau halten. In der Galerie Christine König packen die Künstler Valentin Ruhry und Andy Boot den Stier bei den Hörnern, indem sie den Bedeutungsverlust der Galerien direkt ansprechen: Anstelle von Kunst wurde in der Schau „Relational Changes“ eine Bar mit Tischen installiert.

          An der Wand steht die Webadresse der Online-Plattform Cointemporary.com, wo Gemälde, Skulpturen und Videos nur gegen die digitale Geldeinheit Bitcoin erstanden werden können. Die soziale Funktion der Galerie könnte ihre Rolle als Verkaufsort bald ablösen, meinen die Kuratoren; sie veranstalten Diskussionsrunden mit Experten alternativer (Kunst-)Ökonomien.

          Die Schaufenster der Galerie Steinek haben sich in ein Werbedisplay für arabische Luxushotels und Shopping Malls verwandelt. Myriam Ben Salah vom Pariser Palais de Tokyo zeigt die junge Künstlergruppe GCC (Gulf Cooperation Council), deren Arbeiten den rapiden kulturellen Wandel in den Emiraten paraphrasieren. Die anderen Kunstwerke der Schau stellen Fragen zum Thema Zeitlichkeit, die vor dem Hintergrund des „Golf-Futurismus“ brisant werden.

          Was golden glänzt

          „Sex Sells“ heißt es auf einem trashigen Bild mit kopulierenden Paaren von Franz West, in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman. Für die Gruppenschau „Retro Store“ hat Kurator Veit Loers Arbeiten eigener Favoriten wie Neïl Beloufa oder Alexander Wolf mit Positionen der Galerie gemixt. Eine stimmige Schau, aber das Verhältnis von Kunst und Kapital juckt den Kurator offensichtlich wenig. Anders bei Georg Kargl, wo Barnabás Bencsik aus Budapest Arbeiten zusammengestellt hat, die über Wertschöpfung reflektieren: Unter einem Glassturz liegt dort etwa eine Weizenähre aus purem Gold.

          Das ungarische Kunstkollektiv Little Warsaw ließ die Skulptur mit dem Titel „Good Soil“ gießen und ruft damit freilich Assoziationen an den sozialistischen Realismus wach. Die Besonderheit: Ein Sammler stellte das Rohmaterial zur Verfügung, die Künstler legten dann einen höheren Preis fest und verkauften die Skulptur weiter, aber das Gold soll nach wie vor seinem Vorbesitzer gehören. Ähnliche Fragen wirft Ryan Gander auf, der eine seiner Arbeiten gegen eine rare Rolex tauschte und nun Abgüsse von der Uhr zeigt. Dann wieder bastelte er schräge Lampen für seine Frau, die nichtsdestotrotz als numerierte „Versuche“ käuflich zu erwerben sind.

          Verwandelt in poetische Gegenstände

          Eine radikale Geste setzt Harald Falckenberg als Kurator bei Krinzinger Projekte, indem er ausschließlich Labels von Arbeiten, aber keine Kunst ausstellt. Wer die Kunstwerke von Marina Abramović oder Erwin Wurm sehen möchte, muss den Galeriemitarbeitern ins Lager folgen. Unter dem Titel „Verkauf in den Nebenräumen“ möchte der Hamburger Sammler kritisieren, dass das Etikett für den Kunstbetrieb obsolet erscheint.

          In der nahe gelegenen Galerie Raum mit Licht zeigt Kuratorin Ruth Noack in ihrer Schau „Notes on Crisis, Currency and Consumption“ Werbefotos aus der chinesischen „Vogue“, die die junge Künstlerin Wu Dandan mit traditionellen Motiven bestickt hat. Der Transformation von Logos und der Verwandlung von alltäglichen in poetische Gegenstände hat sich Franz Erhard Walther schon früh gewidmet: Aus dem Jahr 1958 stammt sein Schriftzug „Rolls Royce“ auf Papier, den Kurator Kolja Reichert in seiner lohnenden Gruppenschau bei Rosemarie Schwarzwälder in der Galerie nächst St. Stephan zeigt. Seien es die Schokoladeskulpturen kongolesischer Plantagenarbeiter, die Renzo Martens in den Kunstmarkt einschleust, oder Heinrich Dunsts Buchstabenskulpturen aus Dämmplatten - die Fragen nach dem Wert und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Kunst werden dort auf den Punkt gebracht.

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