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Berthe Weills Erinnerungen : Krise? Champagner!

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Mitten ins Auge: Die Memoiren der Galeristin Berthe Weill treffen ihr Ziel. Von Archipenko bis Zadkine reichte die Liste ihrer Künstler.

          Die „Souvenirs d'un marchand de tableaux“ von Ambroise Vollard erschienen 1937 und wurden seitdem häufig neu aufgelegt. Den Typus der launigen, anekdotenreichen Memoiren eines Pariser Galeristen der Moderne begründeten sie allerdings nicht. Schon 1933 hatte Esther Berthe Weill (1865 bis 1951) sich ihres Einsatzes für die zeitgenössische Kunst erinnert und ein Buch verfasst, das lange Zeit vergriffen war: „Pan! dans l'oeil! . . . ou trente ans dans les coulisses de la peinture contemporaine 1900 - 1930“.

          Jetzt sind diese Erinnerungen einer Kunsthändlerin in einer neuen Ausgabe, eingeleitet und mit einem Register versehen, wieder zugänglich. Besonders nützlich ist im Anhang ein Verzeichnis der beinah 140 Ausstellungen, die Berthe Weill zwischen 1901 und 1933 organisiert hat. Dass aber für die neue Ausgabe nicht ein bisschen mehr Biographie recherchiert und dass auf Abbildungen verzichtet wurde, ist bedauerlich, zumal sich Unterlagen erhalten haben, entsprechend publiziert wurden und die Urausgabe Illustrationen von Dufy, Pascin und Picasso enthielt.

          Ständig schreibt sie rote Zahlen

          Die Zeitgenossin von Vollard - aber auch von Eugène Druet, Josse und Gaston Bernheim-Jeune, Clovis Sagot oder Paul Guillaume - erzählt von ihrer Leidenschaft für Werke junger Künstler: Maillol, Picasso, Matisse oder Derain stellen bei ihr frühzeitig aus. Der Titel ihres Buchs - zu übersetzen mit „Peng, mitten ins Auge!“ - spielt auf die Irritationen der Sehgewohnheiten an, die diese Künstler hervorgerufen haben. Sie selbst agiert laut Untertitel zwar in den Kulissen: Die Rolle einer Strippenzieherin, die renommierte Autoren für ihre Katalogvorworte engagiert und später ein eigenes Bulletin herausgibt, ist aber keine geringe.

          Doch wie schwierig ist es, Werke zu verkaufen, ihre Urheber anständig zu bezahlen und Geld zu erwirtschaften! Bei aller Lust am Fabulieren und viel Galgenhumor: Den sprichwörtlichen Faden ihres Buchs stellen die ebenso chronisch roten Zahlen ihres Geschäfts dar. Die Weill hat eine Nase für Talente, die sie mit Herzblut verteidigt, doch stolz ist sie vor allem darauf, wie sie immer wieder zu Liquidität zurückfindet.

          Einmal verklagt sie eine Eisenbahngesellschaft nach einem Zugunglück und kassiert ein stattliches Schmerzensgeld; ein anderes Mal leiht sie sich den Schmuck einer Freundin, um bei ihrer Tante, von der sie sich Kredit erhofft, gute Figur zu machen. Viele Jahre lang muss sie durch den Handel mit gutgehenden Stichen Alter Meister und Büchern vorfinanzieren, was sie oft direkt in den Ateliers beschafft und mit recht kleiner Marge absetzt. Hellsichtige Künstler zieht es mit der Zeit zu potenteren Händlern, von denen sie sich lukrativere Geschäfte versprechen.

          Zeugnis von Stimmungen und Grundsätzlichem

          Berthe Weill erwähnt Absprachen, Fälschungen, Affären, Zwistigkeiten und Atelierfeste, die sie rechtzeitig vor Beginn der unvermeidlichen Orgie verlässt. Sie liebt klare, ja starke Worte. Doch manches von dem, was sie unverblümt und deftig ausdrückt, leidet mitunter an ihrem elliptischen Stil: So notiert sie unter 1904 Deutschstunden und unter 1907 eine Reise nach Frankfurt.

          Man kann sich aber nur zusammenreimen, dass dies in der Absicht geschieht, dort mit Kunden oder Kollegen besser Geschäfte tätigen zu können; denn an anderer Stelle vermerkt sie, eine Kiste Gemälde an den Main geschickt zu haben, hauptsächlich Picasso. Wiederum ein paar Seiten weiter erwähnt sie, Wilhelm Uhde sei häufig zu ihr gekommen. Entsprechend geht es ihr bei anderen Themen ebenso um Stimmungen und Grundsätzliches, nicht um zitierfähige Zahlen und Fakten.

          Als sie mit achtundsechzig Jahren Bilanz zieht und dabei von der „Weltausstellung 1900“ über ihre eigene hundertste Ausstellung 1921 bis hin zur Krise um 1930 Jahr für Jahr Revue passieren lässt, blickt sie sowohl auf Sternstunden als auch auf weniger Glorioses zurück. Sie hat demnach ein durch ihre Leidenschaft für Kunst und Bücher erfülltes, aber hartes Leben geführt.

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