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Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen : Eine Stadt, wie ein Gesamtkunstwerk

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Zusammenhalt macht den Kunsthandel stark: Die Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen locken seit achtzehn Jahren längst nicht nur die Festspielbesucher aus Bayreuth an.

          Im mittelalterlichen Kellergewölbe liegt ein mächtiges zweischneidiges Schwert auf dem Tisch. Vor langer Zeit griffen starke Streiter es mit beiden Händen und schlugen regelrechte Gassen in die Front des angreifenden Gegners. Deshalb heißt die Waffe auch „Gassenhauer“. Ob ein Ohrwurmlied ebenso genannt wird, weil es herbe akustische Schneisen schlägt? Oder ob die Krieger beim Kampf sangen?

          Wenn Walter Senger jetzt anlässlich der Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen seine Kinderführungen veranstaltet, dürfen die jungen Gäste versuchen, den Gassenhauer zu stemmen, sie erfahren Spannendes über die alten Zeiten und sehen um sich herum die runden Wangen schöner Madonnen im Kerzenlicht schimmern und tiefe Furchen die Stirnen heiliger Männer verschatten. Vielleicht fällt ihnen auf, dass die hinreißende heilige Elisabeth, die ein unbekannter Nürnberger Meister um 1480 aus Lindenholz schnitzte, wie ein Mädchen von heute aussähe, wenn sie ihr fließendes Gewand gegen Jeans tauschte und den Turban absetzte, unter dem die lange Mähne hervorquillt (240.000 Euro).

          Kunst wird lebendig - für jeden, der durch Bamberg läuft. Die kaum kriegsversehrte Kaiser - und Domstadt an der Regnitz, Weltkulturerbe schon seit langem, glänzt als ohne museale Erstarrung davongekommenes Gesamtkunstwerk. Jeder Spaziergang durch die lebendige Altstadt gleicht einem Zug durch die Geschichte, gespickt mit der Entdeckung romantischer Winkel. Dieser Tage veranstalten die dort ansässigen Händler wieder ihre Kunst- und Antiquitätenwochen. In den jetzt täglich geöffneten Geschäften präsentieren sie ihre guten Stücke und können sicher sein, dass Sommergäste sowie entspannte Besucher der nahen Bayreuther Wagner-Festspiele vorbeischauen. Das kooperative Modell bewährt sich bereits zum achtzehnten Mal: „Wir halten zusammen“, sagt Walter Senger, „das macht unsere Stärke aus.“ Den Gassenhauer hat er sich bei Mühlberger Kunsthandel ausgeliehen: Der breitet weitere Hieb-, Stech- und Schusswaffen ein paar Häuser weiter aus, und er stellte auch einen pfeildurchbohrten heiligen Sebastian auf, eine süddeutsche Holzskulptur der Zeit um 1500 (9600 Euro).

          In den meisten Kunsthandlungen Bambergs, die ihr Sortiment an Mobiliar, Gemälden, Hochleistungen des Kunsthandwerks, Raritäten und auch Kuriositäten zu dichten Arrangements mischen, spielen Bildhauerwerke Star-Rollen. So zieht bei Wenzel im Schaufenster ein Sankt Michael aller Blicke auf sich: Nachts dramatisch beleuchtet, steht er lebensgroß auf dem niedergestreckten Teufel, bohrt ihm die Lanze in die Brust. Der um 1755 tätige Schnitzer dieses Sieges vom Guten über das Böse könnte der Bamberger Bonaventura Mutschele gewesen sein; angeboten wird die Skulptur für 39.000 Euro.

          Matthias Wenzels Vater kam vor rund sechzig Jahren aus Berlin in diese vielleicht schönste deutsche Stadt und gilt als Begründer des örtlichen Antiquitätenhandels, der aktuell ein gutes Dutzend Adressen umfasst, darunter ein Auktionshaus und, zur Freude der Kollegen, jungen Nachwuchs. Bereits im zweiten Jahr betreibt Schmitz-Avila junior die Bamberger Dependance des väterlichen Hauptsitzes in Bad Breisig. Unterstützt von Bruder Lennart, zeigt Julian Schmitz-Avila in seinen Räumen des imposanten Marschalk von Ostheim’schen Hauses erlesene deutsche Möbel von Barock bis Biedermeier, darunter eine Würzburger Vitrinenaufsatzkommode: Mitte des 18.Jahrhunderts gebaut und üppigst mit Würfelmarketerie, Rocaillenschnitzerei und vergoldeter Schnitzwerkbekrönung ausstaffiert, hat sie innen sogar ihre originale Lüsterfassung bewahrt, einen schimmernden Sternenhimmel. Früher, so berichten die jungen Herren, habe einmal Albrecht Neuhaus, der vor einigen Monaten gestorbene große Würzburger Kunsthändler, das Möbel besessen; es kostet 185.000 Euro.

          Unfassbar hoch scheint ein solcher Preis nur Leuten, die das Ikea-Sortiment für ausreichend stilsicheres und solides Mobiliar halten - oder jedem, dem entgeht, dass solche Antiquitäten Höchstleistungen an Möbelarchitektur, Kunstschreinerei, Intarsien-, Schnitz- und Metallgusskunst sowie Fassmalerei in einer Qualität auf sich vereinen, die mehr oder minder ausgestorben ist.

          Jüngster Neuzugang im Bamberger Verbund ist Gregor von Seckendorff, er nutzte die Chance eines freigewordenen Ladenlokals mitten auf der Antiquitätenmeile Karolinenstraße. Einen gewaltigen Hamburger Schapp (Schrank), den eine Reihe biblischer und allegorischer Figuren plastisch ausschmücken, setzt er in Kontrast zu einem zierlicheren Ansbacher Ensemble: Unter das reizende Bildnis einer braungelockten Freifrau von Poellnitz - Hofmaler Friedrich Gotthard Naumann porträtierte sie um 1785 (11.500 Euro) - stellte er eine wohlproportionierte klassizistische Kommode mit Mooreichen-, Kirsch- und Ahorneinlagen aus derselben Stadt und derselben Zeit (13.800 Euro).

          Seckendorff nahm aber auch funkelnagelneue Bilder und plastische Objekte von Stefan Eberstadt in sein stimmiges Ensemble auf. Der Münchner Künstler ist ehemaliger Stipendiat des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, dieser Barockperle am Regnitz-Ufer, die erneut mit den Kunst- und Antiquitätenwochen kooperiert, weshalb man an mehreren Adressen zwischen den alten Stücken zeitgenössischer Kunst begegnet und feststellen kann, dass das häufig gutgeht.

          Betritt man die Räume von Christian Eduard Franke, bestimmen prunkvolle Braunschweiger Barockmöbel mit den charakteristischen, fein gravierten Elfenbeineinlagen den ersten Eindruck, dazu über zwei Etagen französische Louis-XV-Arbeiten, ein Turiner Lackschrank, der um 1720 hochelegant der Chinamode frönt, außerdem böhmische Spiegel, Fayencen, Bronzen. Erst allmählich arbeitet sich der Blick zu den kleinen feinen Objekten in den Vitrinen vor. Der Geschäftsführer Christian von Seckendorff, Vater des eben erwähnten Newcomers, erklärt das Miniatursilber: Filigran durchbrochene Nürnberger Dukatendosen dienten als adäquate Verpackung von Münzgeschenken bei Hochzeiten und Taufen; kleine gedrechselte Duftstoffbehälter in Birnen-, Flaschen-, Fass- und Pokalform hängte sich die Dame im 18.Jahrhundert an den Gürtel, griffbereit, falls ihr, wegen zu eng geschnürtem Mieder, eine Ohnmacht drohte.

          Eines der mehrfach aufschraubbaren Fläschchen enthält sogar noch immer das Parfüm-Schwämmchen und, als „Notgroschen“, einen winzig kleinen Golddukaten. Aus Halberstadt stammt ein Miniaturhandleuchter, vermutlich gehörte er in eines der prachtvollen Puppenhäuser, mit denen höhere Töchter spielend die gehobene Haushaltsführung lernten. Die edlen Petitessen kosten zwischen 800 und 2000 Euro. Tiefer muss man für ein silbernes truhenförmiges Walburgiskästchen aus Eichstätt in die Tasche greifen. Es enthält vier Fläschchen zur Aufbewahrung des „Walburgisöls“ - einer Flüssigkeit, die aus dem Sarkophag der Heiligen austritt -, das man seit dem 9. Jahrhundert an ihrem Grab sammelt und an Pilger verkauft; als um 1750 entstandene Meisterarbeit erfordert es 12.800 Euro.

          Julia Weiss schätzt skandinavisches Tafelsilber. Mit den schnörkellosen Formen und klaren Oberflächen, die ihre Schaukästen füllen, fühlt sie sich wie eine „Exotin“ inmitten von Bambergs gotischen Spitzen, barocken Wirbeln und Rocaillen. Ein dreiteiliges Teeservice, von Harald Nielsen 1932 für die Silberschmiede Georg Jensen entworfen, bietet sie für 8500 Euro an. Die Prunkstücke vom Kopenhagener Silberkönig Jensen erfordern meist hohe Summen, seine Brosche in Traubenform aber gibt es im „Silber Kontor“ schon für 750 Euro.

          Mit reparaturbedürftigen Lüstern marschieren die Händler zum Katzenberg 6, wo die Glaserie Pusch in der eigenen Werkstatt Wunder vollbringt. Floral dekorierte Jugendstilstücke aus den französischen Manufakturen und in Böhmen geschliffene Trinkgläser aller Arten zeichnen ihr Angebot an historischen Gläsern aus. Die offene Restaurierwerkstatt, in die das Ehepaar Schmidt-Felderhoff Interessierte zum Zuschauen einlädt, steht, mitsamt dem angeschlossenen Geschäftsraum, eigentlich auf dem Sprung ins Haus zum Roten Hahn gleich um die Ecke. Doch was geschieht, wenn begeisterte Restauratoren entdecken, dass ihre neue Bleibe voller Spuren der seit 1340 erfolgten Um- und Einbauten stecken, kann man sich leicht vorstellen. Die Kunst- und Antiquitätenwochen im nächsten Jahr wollen sie aber ganz bestimmt im neuen Domizil begehen.

          Das teuerste Objekt dieses Bamberger Sommers steht bei Senger: Ein spätgotischer Altar mit gemalten Szenen aus dem Marienleben um eine bezaubernde Verkündigungsgruppe des Bildhauers Paul Ypser. Das Retabel befand sich zuletzt in der Kirche des ehemaligen Kartäuserklosters zu Christgarten im Landkreis Nördlingen und stammt aus dem Besitz der Fürsten zu Oettingen-Wallerstein. Wie schon so manch anderen Kunstschatz verkauften sie vor einiger Zeit auch diesen Marienaltar, der nun für 2,8Millionen Euro eine würdige Bleibe sucht. Für 800 Euro unvergleichlich günstiger gibt es bei Antiquitäten Ströhlein einen Rosenkranz mit einem kleinen Schädel und Credokreuz, alles aus Elfenbein. Nur zehn Kugeln hat der Kranz, weshalb er „Faulenzer“ heißt oder „Mannsbeten“ - Kunst spricht Bände.

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