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Autograph von Heines Frau : Nach seinem Tod griff sie zur Feder

Oh, Mathilde: Heinrich Heines Frau konnte doch schreiben! Den Beweis legt der Katalog des Düsseldorfer Antiquariats Lustenberger & Schäfer vor. Und einige Erkenntnisse mehr über den Dichter.

          3 Min.

          Und sie hat doch etwas geschrieben. Ohne Datum und Anrede sind es nur fünf Zeilen, ein Wort ist nachträglich eingefügt, ein Artikel hat das falsche Genus, und doch reicht es aus, um zu widerlegen, dass von ihr, die „nahezu Analphabetin“ gewesen sein soll, „kein einziges eigenes Wort erhalten“ sei. So steht es in Edda Zieglers Studie „Heinrich Heine - Der Dichter und die Frauen“ aus dem Jahr 2005 über die ehemalige Schuhverkäuferin und Grisette, die eigentlich Augustine Crescence Mirat hieß und von Heinrich Heine, der sie 1841 nach siebenjährigem Zusammenleben heiratete, Mathilde genannt wurde.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Das Briefchen, dass sie am 8. März 1856, knapp drei Wochen nach dem Tod des Dichters, zu Papier brachte, ist an den Chefredakteur der Pariser Zeitung „Le Siècle“ gerichtet und einer Annonce beigefügt. In dieser gibt Mathilde bekannt, dass „ein Grabmal nicht auf dem Grab Henri Heines ohne meine Erlaubnis errichtet werden kann“, und wehrt sich gegen den Plan ihres Schwagers Gustav Heine, einen Gedenkstein auf dem Friedhof Montmartre aufzustellen. Unterzeichnet hat sie das Begleitschreiben nicht mit ihrem Namen, sondern als Witwe: „V(eu)ve Henri Heine.“

          Der bisher unbekannte Autograph ist, ausgezeichnet für 3800 Euro, Aufmacher und Spitzenstück im Katalog des Düsseldorfer Heinrich-Heine-Antiquariats Lustenberger & Schäfer, der achtzig Positionen auflistet. Die Annonce, zu der er gehört, lenkt den Blick einmal mehr auf die Geschichte um die verhinderten, zerstörten und (nicht) errichteten Denkmäler Heines, die - gerade für seine Geburtsstadt - alles andere als rühmlich verlaufen ist. Nicht nur an seiner letzten Ruhestätte hat sie sich langwierig gestaltet: Erst 1901, achtzehn Jahre nach dem Tod Mathildes, die daneben beerdigt liegt, wurde das Grabmal mit der von Louis Hasselriis geschaffenen Marmorbüste erstellt.

          Der „Denkmalstreit“ hat mithin schon unmittelbar nach Heines Tod und nicht erst 1887 begonnen. Damals, im Vorfeld des hundertsten Geburtstags des Dichters, machte dessen prominenteste Verehrerin, Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, genannt Sisi, Düsseldorf das Angebot, einen Loreley-Brunnen des Bildhauers Ernst Herter als Heine-Denkmal zu stiften. Doch der Stadtrat zog, vor antisemitischen Anfeindungen einknickend, die Zustimmung 1893 zurück, woraufhin die germania-artige Darstellung der Nixe von Deutsch-Amerikanern für New York erworben und 1899 auf einem Platz in der Bronx aufgestellt wurde.

          1981 steht das erste Denkmal für Heine in seiner Heimatstadt

          So wurde Frankfurt 1913 die erste deutsche Stadt, die Heine mit einem Denkmal ehrte, für das Georg Kolbe den Auftrag erhalten hatte. In Hamburg dauerte es sehr viel länger, obwohl hier bereits 1906, zum fünfzigsten Todestag, eine Gruppe um Alfred Kerr dafür geworben hatte: Wieder gab es Streit, nicht der Symbolist Max Klinger, sondern der mit einem monumentalen Bismarck-Denkmal hervorgetretene Hugo Lederer schuf die Bronzestatue, die - denn auch der Standort war umstritten - erst 1926 im Winterhuder Stadtpark aufgestellt, 1933 von den Nationalsozialisten entfernt und zehn Jahre später eingeschmolzen wurde.

          Dagegen schaffte es Düsseldorf erst 1981, seinem bedeutendsten Sohn ein Denkmal zu setzen. Fast hundert Jahre nach dem ausgeschlagenen Geschenk von Kaiserin Sisi wurde am Schwanenmarkt eine disparate, an die Totenmaske angelehnte Skulptur enthüllt, die der Bildhauer Bert Gerresheim als „Vexierlandschaft“ charakterisiert. Noch einmal sieben Jahre und heftige Auseinandersetzungen brauchte es, ehe Ende 1988 die Universität den Namen annahm.

          „Ausgewählte Lieder“ vom Feuer dezimiert

          Fast genauso lange besteht das Düsseldorfer Heinrich-Heine-Antiquariat, dessen Katalog mehrere Erstausgaben, darunter eine spanische aus dem Jahr 1889 (250 Euro) und der Raubdruck der „Philadelphia-Ausgabe“ von 1859/61 (680 Euro), Primär- und Sekundärliteratur, Varia sowie ein illustriertes Werk enthält: die aus acht Radierungen (Kaltnadel auf Kupfer) bestehende Graphikedition zu Heinrich Heine (1500 Euro), die der österreichische Aktionskünstler Günter Brus 1992 in einer Auflage von dreißig Exemplaren vorgelegt hat.

          Seltenheitswert besitzt auch der dritte Band, zweiter Teil, von Heines „Vermischten Schriften“, dem der Verlag Hoffmann und Campe 1854 einen neuen Schutzumschlag mit der von Heine geprägten Formulierung „Die soziale Weltrevolution“ verpasst hat (220 Euro). Nur 262 Exemplare, von denen 110 in einem Feuer verbrannten, wurden von den „Ausgewählten Liedern“ gedruckt, die, herausgegeben von Edmond Holmes, die Essex House Press, Campden, 1903 mit Titelkupfer von Reginald Savage veröffentlichte. Hier wird sie gleich zweimal angeboten: im Original-Maroquinband für 1200 Euro und im Original-Interims-Pappband für 680 Euro.

          Im Selbstverlag hat das Antiquariat eine reichillustrierte Dokumentation der Heine-Sammlung des Düsseldorfer Kunsthändlers Gerhart Söhn erstellt, die es komplett an einen deutschen Sammler verkaufen konnte. Mit 483 Positionen umfasst sie - so ist dem Nachwort von Sikander Singh zu entnehmen - fast doppelt so viele Titel, wie Heine in seiner Wohnung in der Avenue Matignon hinterließ: Aus gerade mal 251 Büchern, von denen die meisten nicht oder nur auf den ersten Seiten aufgeschnitten waren, bestand seine Bibliothek. - Der Katalog kostet in der Subskription bis zum 30. Juni dreißig, später dann 45 Euro.

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