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Ausstellung von Lawrence Carroll : Als Maler trägt er tausend Maler in sich

  • -Aktualisiert am

Melancholisch sind die Gemälde des amerikanischen Künstlers Lawrence Carroll, der derzeit auf der Biennale von Venedig vertreten ist. Bei Karsten Greve in Paris zeigt er seine Schau „Kein Gold kann bleiben“.

          Das Gedicht des amerikanischen Lyrikers Robert Frost fiel Lawrence Carroll in die Hände, als er sich schon mitten im Arbeitsprozess für seine aktuelle Ausstellung bei Karsten Greve in Paris befand. „Nothing gold can stay“ passt zu der Stimmung, die er mit seiner neuen Gemäldeserie ausdrücken will:

          Der Natur erstes Grün ist Gold.
          Ihr schwerstzuhaltender Ton.
          Ihre ersten Blätter: eine Blume.
          Aber nur für etwa eine Stunde.
          Dann wird Blatt zu Blatt.
          So versank Eden in Trauer.
          So vergeht Dämmerung im Tag.
          Kein Gold kann bleiben.






          Die Dinge des Lebens, und die schönsten zumal, sind vergänglich, sie hinterlassen allenfalls Spuren, wenn wir fähig sind, ihnen etwas Wesentliches zu entlocken, ein bleibendes Gefühl, eine Erinnerung, einen Ausdruck. Ein Gedicht oder eben ein Gemälde.

          Harald Szeemann entdeckte den Künstler

          Lawrence Carroll als amerikanischen Maler zu bezeichnen, macht jenseits einer nationalen Einordnung wenig Sinn. 1954 in Melbourne in einem australisch-irischen Elternhaus geboren, wuchs er in Kalifornien auf und lebte dann in Los Angeles und New York. Ende der achtziger Jahre wurde er in Deutschland bekannt, als ihn Harald Szeemann für die nachhaltig berühmte Schau „Einleuchten“ in die Hamburger Deichtorhallen holte, 1992 nahm er erstmals an der Kasseler Documenta teil.

          Seit vielen Jahren lebt und arbeitet er in Italien, derzeit in Bolsena, und den Vereinigten Staaten. Für die Kunstbiennale in Venedig wurde Carroll neben zwei weiteren Künstlern (dem tschechischen Fotografen Josef Koudelka und dem Mailänder Studio Azzurro) für die Gestaltung des Vatikan-Pavillons eingeladen. Der Auftrag lautete: Die Werke sollten drei fundamentale Themen aus der Genesis, nämlich Schöpfung, Zerstörung und Neuschöpfung, darstellen. Dass ausgerechnet das Thema „Ri-Creazione“ Lawrence Carroll zufiel, ist kaum verwunderlich. Er ist ein Neuschöpfer, der Altes wiederverwendet, und ein in der Malereitradition verankerter Fortschrittskünstler. Für den Vatikan-Pavillon entwickelte er ein tatsächlich eingefrorenes Gemälde, das in einem Gefrierkasten durch Temperaturschwankungen mal in Eiseskälte erstarrt, dann wieder taut, wodurch sich auf der Leinwand Strukturen von Eis und farblichen Verschmelzungen bilden. Das Werk unterliegt so einem ständigen, vom Künstler unabhängigen Prozess.

          Wiederholt hat Lawrence Carroll versucht, einen vor fünfzehn Jahren in Italien aufgestöberten Leinwandstoff in seine Werke zu integrieren, aber immer verwarf er seine Ideen. Eines Tages passte dann das allzu romantische, allzu feminine blaue oder rote Pflanzenmuster auf zartbeigem Hintergrund in einen neuen Arbeitsprozess. Nun findet sich der blumige Stoff aus Italien vernäht, verklammert, aufgezogen, mit Pastelltönen nur teilweise übermalt wie eine Geschichten erzählende Tapete im Haus der Erinnerung in fast allen Gemälden dieser Serie wieder.

          „Der Maler lässt etwas los, und das Gemälde hält es dann in sich“, sagt Lawrence Carroll, als ich ihn in der Pariser Galerie von Karsten Greve treffe. Es ist der Betrachter, der die Stimmungen des Malers empfängt. Immer wieder fällt das Wort „Trost“. Das Gedicht von Robert Frost habe er als „Trost“ empfunden, sagt Lawrence Carroll. Im besten Fall ist Kunst ja auch eine Form von Trost über Vergänglichkeit und den unaufhaltsamen Lauf der Zeit hinweg.

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