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Ausstellung von Khaled Hafez : Er zeigt beide Seiten der ägyptischen Medaille

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Die ästhetische Falle der Revolution: Arbeiten des Kairoer Künstlers Khaled Hafez sind in Berlin bei Naimah Schütter zu sehen. Sie entwerfen ein differenziertes Bild der ägyptischen Gesellschaft.

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          In den Gemälden, Videos und Zeichnungen des ägyptischen Künstlers Khaled Hafez, Jahrgang 1963, tummeln sich Supermänner (und Superfrauen). Derzeit sind Arbeiten von ihm in der Berliner Galerie Naimah Schütter zu sehen. Hafez entwirft Hybridwesen, die es mit allen Machthabern dieser Welt aufnehmen könnten: Der breitbeinige Macho-Gott auf „Dakar Running“ (2013) ist neben Muskelpaketen und Proteinpillen auch mit einer Batman-Maske ausgerüstet. Neben ihm marschiert eine Armee geklonter Aerobic-Models in der Pose altägyptischer Profilzeichnungen. Auch sie tragen schwarze Kopfbedeckungen, die zwischen Burka, Batman und Hundekopf wechseln; Letzterer verweist auf die langgezogene Schakalschnauze des altägyptischen Gottes Anubis. Wie ein hartnäckiger Quälgeist zieht sich der Gott der Totenriten durch die Kunst von Hafez und erfährt seine Wiedergeburt in Körpern von Bodybuildern und halbnackten Hochglanzgrazien.

          Wer heute noch als Held gefeiert wird, bestattet morgen schon die Toten - oder fälscht Wahlen. Mit seinem Video „The A77A Project“ gab Hafez bereits 2009, zwei Jahre vor dem Ausbruch der Revolution auf dem Tahrir-Platz, einen kritischen Kommentar über präsidiale Superhelden ab: Zu peitschender Popmusik marschiert ein selbstgefälliger Android mit Schakalkopf durch fotografische Settings: vorbei an einer flehenden Frau, die einsam vor einer Militärfront steht, und vorbei an einer Gruppe verhüllter Frauen, die als gesichtslose Schleierberge fürs Souvenirfoto festgehalten werden. Am Ende dieses computerspielähnlichen Marschs durch die Brutalitäten und Absurditäten Ägyptens verdreht der Anubis-Held mit einer beiläufigen Handbewegung die Ankündigung zu den „Presidential Elections“ in „Presidential Erections“ - eine Anspielung auf Mubarak und seine Pseudo-Demokratie.

          Mit seinen systemkritischen Videos und Gemälden war Khaled Hafez einer der ersten, der sich mit seiner Kunst offen gegen das Mubarak-Regime wandte. Seit der Revolution vor zwei Jahren hat sich die explodierende ägyptische Kunstszene zu einem wichtigen Werkzeug der Dissidenten herausgebildet. Vieles davon ist symbolbefrachtete Revolutionskunst. Auch Hafez räumt ein, in der Anfangseuphorie der Aufstände selbst in diese ästhetische Falle getappt zu sein. Doch ist er schnell zu seiner früheren Bildsprache zurückgekehrt. In den Gemälden bei Naimah Schütter entwirft er ein viel differenzierteres Bild der ägyptischen Gesellschaft, eines, das vor allem durch Brüche und Zweideutigkeiten geprägt ist.

          In den Kommentaren zu Hafez’ Werk liest man vom „clash of cultures“: Wenn Batman neben Anubis und Kalaschnikows neben Hieroglyphen stehen oder Julia Roberts mit einer Burka erscheint. In den platten Gegensätzen zwischen Ost und West erschöpft sich seine Kunst jedoch nicht, und es wird auch nicht einer nostalgischen Vergangenheit eine böse, von Massenmedien verdorbene Gegenwart entgegengesetzt. Eher sind Hafez’ Bilder Palimpsest der vielschichtigen ägyptischen Identität: Die altägyptische Götterwelt, die jüdisch-christliche, die arabisch-islamische Tradition und die Bilder der globalisierten Medien gehören sämtlich ins heutige Ägypten.

          Zwar lesen sich die Bilder wie ein optimistisches Plädoyer für Ägyptens hybride Identität. Doch die Szenarien, in denen dieses kulturelle Amalgam wabert, sind gefangen zwischen Paradies und Vorhölle. Gerade Hafez’ kleinformatige Zeichnungen sind bevölkert von kitschig-grausigen Gestalten, die orientierungslos auf den weißen Blättern hängen. Es gibt expressionistisch anmutende Frauen mit spitzen Brüsten, sehnsüchtig blickenden Dinos hinter Fensterläden, durchleuchtete Hühnern auf elektrischen Schemeln - und immer wieder Heroen und Polizisten. Hat das noch etwas mit Revolutionskunst zu tun? Gerade das Gefangensein zwischen utopischer Hoffnung - auf einen Helden? - und Endzeitvorstellung spiegelt die Situation der Ägypter so ehrlich wider.

          In Kairo kursiere das Sprichwort, so erzählt Khaled Hafez, die Muslimbrüder seien wie mit Fallschirmen aus dem Nichts gekommen, eine „Invasion“, die auch in seinen Bildern präsent ist: Die Heißluftballons, die seine Zeichnungen bevölkern und die auf den ersten Blick so unschuldig wirken, sind als Anspielung auf die Muslimbrüder zu lesen, die die Revolution der Menschen gekidnappt haben. Aber warum Ballons und keine Fallschirme? Sind sie Zeichen der Invasion oder vielleicht Vision eines Rückzugs, einer friedlichen Lösung des Konflikts? Darauf gibt Hafez keine Antwort. Sie bleibt in der Schwebe wie die ungewisse Zukunft des Landes

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