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Ausstellung in München : Porträt einer Kunsthändlerfamilie

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Eine Familie mit Unternehmer-Gen: Die Kunst- und Antiquitätenhändler Bernheimer trotzten mutig den Nationalsozialisten. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum in München zeichnet die wechselvolle Familiengeschichte nach.

          Die schwere Renaissance-Truhe erinnert an Zeiten, als die Münchner Antiquitäten- und Einrichtungshandlung Bernheimer keine Mühe hatte, in Verona hundert solcher „Cassoni“ an einem einzigen Nachmittag zu erwerben. Mit Wagenladungen voll historischer Architekturteile, alter Möbel und feiner Textilien gingen sie gen München, um Warenbestände aufzustocken, die bei einer internationalen Kundschaft legendären Ruf genossen. Glorreiche Jahre waren das damals um 1900, als der Königlich Bayerische Hoflieferant Lehmann Bernheimer seine Firma im riesigen Geschäftshaus am heutigen Lenbachplatz regierte und seine Söhne und Nachfolger Max, Ernst und Otto auf der Suche nach schönen Dingen für die gehobene Einrichtung halb Europa zwischen England und Konstantinopel bereisten.

          Bernheimers Konzept traf zielsicher eine Marktlücke; denn man bot nicht nur Einzelstücke an, sondern auch komplette Ausstattungen. Die hauseigenen Dekorateure lieferten auf Wunsch Entwürfe für das neue Ambiente, die sie von der Stuckdecke bis zur antiken chinesischen Vase auf dem Barockschrank anschaulich aquarellierten. Europäischer Hochadel und Finanzbarone füllten die Auftragsbücher mit ihren Bestellungen ebenso wie Diplomaten und Künstlerfürsten. Die Krupps ließen mehrere Interieurs für die Villa Hügel kommen, und der legendäre Zeitungszar William Randolph Hearst orderte kistenweise Kunst und Antikes für sein Landschloss im kalifornischen San Simeon.

          Lieferant stofflicher Exotik

          Die Renaissance-Truhe bestückt jetzt eine Ausstellung des neuen Jüdischen Museums in München, das in seiner Reihe „Sammelbilder“ die Bernheimers als Kunsthändler und -sammler vorstellt. Erzählt wird die Erfolgsstory einer jüdischen Münchner Familie, die, von den Nationalsozialisten unterbrochen, zu den raren Ausnahmen gehört, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine vergleichsweise glückliche Fortsetzung am alten Ort nahm. Schon als Kind war Lehmann (1841 bis 1918) mit seinem Vater Meier Bernheimer zweimal pro Jahr vom württembergischen Dorf Buttenhausen nach München gezogen, wo sie auf dem Jahrmarkt ihre Bude mit Stoffen und Modeartikeln aufschlugen. Im Jahr 1864 eröffnete Lehmann ein Textilgeschäft in der Stadt, das richtig zu brummen begann, als er Orientteppiche ins Sortiment nahm und Kunsthandwerk aus Fernost. Schnell folgten weitere Erfolgsschlager für einen Zeitgeschmack, der das traute oder repräsentative Heim gern opulent drapierte und mit einem Hauch Exotik staffierte.

          Zwei Jahrzehnte nach seiner Eröffnung durch Prinzregent Luitpold wurde der historistische Geschäftspalast - bis heute eine Landmark der Münchner City - nochmals prächtig erweitert. Da ist „der Bernheimer“ längst eine, von 115 Mitarbeitern am Laufen gehaltene, Institution. Von ihr profitierten viele Münchner Museen, die Ankäufe und Leihgaben von den Bernheimers bezogen, aber auch Objekte tauschten und manches gestiftet bekamen; ein Stück gotischen Chorgestühls etwa, das die Frauenkirche einst ausrangierte, übergab die Familie dem Stadtmuseum. Nach 1918 gingen die Geschäfte schleppender, doch erwies sich die Weltwirtschaftskrise bekanntlich als harmlos gegenüber dem, was folgte. „Wir waren immer Deutsche“, so wird Otto Bernheimer zitiert, „erst Hitler hat uns zu Juden gemacht.“ Paradoxerweise sorgten die prunksüchtigen Nazis zunächst aber für klingende Kasse: Über Mittelsmänner umgingen sie den Boykott jüdischer Geschäfte, um bei Bernheimer Requisiten für ihre Pompveranstaltungen zu besorgen.

          Rückkehrer mit Courage

          Hermann Göring kam sogar persönlich zum Teppichkauf. Das schützte die Bernheimers selbstverständlich weder vor eingeschlagenen Schaufenstern in der „Reichskristallnacht“ noch vor Beschlagnahme ihrer persönlichen Habe und „Arisierung“ der Firma. Dass sie alle nach kurzer Haft das Konzentrationslager Dachau verlassen und sich ins Exil retten konnten, verdankten sie ausschließlich der mexikanischen Regierung, die Druck machte, um ihren Konsul Otto Bernheimer frei zu bekommen. Die Familie emigrierte in die ganze Welt: Otto wurde genötigt, Verwandten Görings eine abgehalfterte Kaffeeplantage in Venezuela abzukaufen; ein Rätsel, woher er den Mut nahm, 1948 nach München zurückzukehren. Er baute das kriegsbeschädigte Geschäftshaus und die Firma wieder auf, holte Teppiche zurück, die er vorsichtshalber in bayerische Klöster ausgelagert hatte, und betrieb die Restitution des Familienbesitzes.

          Ein lindgrünes Rocaillenschild erinnert an die Bernheimer-Koje auf der „Deutschen Kunst- und Antiquitätenmesse“ in München, die Otto als Präsident des Deutschen Kunsthandelverbands 1956 mitgegründet hat und die im vergangenen Oktober ihre 51. Ausgabe erlebte. Gotische Bildteppichfragmente oder den japanischen Buddha, die früher Ottos Wohnung schmückten, bewahrt heute Enkel Konrad O. Bernheimer, der auch das Kunsthändler-Gen geerbt hat. Er modernisierte das Unternehmen, veräußerte das unzeitgemäß große Haus und ließ in den neunziger Jahren umfangreiche Restbestände an alten Teppichen und eine große Kollektion kirchlicher Gewänder versteigern. Den Kunsthandel konzentrierte er auf Gemälde Alter Meister. Doch obgleich „Bernheimer Fine Old Masters“ ganz oben im internationalen Kunsthandel mitspielt, operiert der Chef von München aus - wie schon sein Urgroßvater Lehmann Bernheimer.

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