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Aus den Antiquariatskatalogen : Die Wunderkammer für jedes Alter

  • -Aktualisiert am

Als Winnie Pooh noch ein Braunbär war und Künstler bloß nicht als kommerziell gelten wollten: Stöbern im aktuellen Angebot der Antiquare ist ein wahres Abenteuer.

          Das Buch ist demokratisch. Es nimmt jeden mit auf die einzig mühelose Reise durch Welt und Zeit. Das Buch ist generös, es ermöglicht jederzeit die Rückkehr in Lieblingstexte und hält - unerschöpflich - neue bereit. Das Buch ist souverän. Es setzt sich über den Unterschied von real und irreal hinweg. Das Buch ist Kostbarkeit, Heiligtum, Revolutionär, Freund und Lehrer, freundlich oder unbequem. Die Antiquariate geben diesem Universum noch etwas hinzu: jedem Buch seine eigene Geschichte.

          Fast 300 Bilderbücher für Kinder vom Biedermeier bis zur Moderne aus der Sammlung Ulrich Beerenwinkel präsentiert Geisenheyner in Münster. Darunter eines der zehn handkolorierten Exemplare des ABC-Buches von Conrad Felixmüller. 1925 ließ sich der Expressionist zu diesem Projekt überreden und schuf fünfzehn Holzschnitte für eines der schönsten Künstler-Bilderbücher des 20. Jahrhunderts. Für 9800 Euro kehrt man beglückt in die Anfangsgründe des Lesens zurück.

          Um besseres Lernen durch schönere Bücher bemühte sich 1907 und 1910 auch der Worpsweder Künstlerkreis. Die Niederdeutsche Fibel schmücken Illustrationen von Heinrich Vogeler, Hans am Ende und Fritz Mackensen. Der erste Jahrgang wird für 75 Euro angeboten, der zweite für 200 Euro.

          Jenseits von ABC und ersten Wörtern warten die Geschichten, immer wieder begleitet von traumschönen Bildern, wie etwa in der 1909 erschienenen Erstausgabe von Fritz von Ostinis „Der kleine König“. Hanns Pellar schuf hierfür zwölf Farbtafeln, die in ihrer feinen, ornamentalen Ausführung, dem Golddruck und der märchenhaften Atmosphäre den Einfluss Stucks und Klimts sichtbar werden lassen: 400 Euro kostet die glänzend erhaltene Erstausgabe.

          Ein unpublizierter Text von Conrad Ferdinand Meyer

          „Fine“ und „Rare“ sind die Bücher im Katalog 599 von Hellmut Schumann in Zürich. Mit der Erstausgabe von Ricarda Huchs Roman „Vita Somnium Breve“ findet sich auch hier ein Kleinod der Jahrhundertwendenbuchkunst. Heinrich Vogeler schuf die hellroten Arabesken des Titels und die dekorativen Initialen, Insel druckte den Band 1903 in einer Auflage von 2000 Exemplaren (950 Euro). Gut 500 Jahre früher, 1510, erschien in Lyon eine Ausgabe der Schriften Ciceros, erweitert durch Kommentare aus dem Umfeld des italienischen Humanismus.

          Von dem mit Holzschnitten verzierten Band ist nur ein einziges weiteres Exemplar bekannt (4950 Euro). Seltener ist nur der Autograph, und auch den hält Schumann bereit: Für 3850 Euro wird ein unpublizierter Text Conrad Ferdinand Meyers angeboten. „Bittrer Trunk“ heißt das melancholische Gedicht über ein liebeskrankes Mädchen, das der Dichter im Winter 1890 für Fanny Moser-Sulzer schrieb.

          Vom königlichen Lustschloss zu Rheinsberg

          1803 übergab Joseph Bonavita Blank der Universität Würzburg einen Schatz von gut 50 000 Naturalien. Blank blieb Kustos der Sammlung von Mineralien, Conchylien, Hölzern und aus farbigen Steinen gefertigten Bildern und verfasste 1810 eine „Uebersicht des Blankischen“. Die Wunderkammer ist zerstört, geblieben ist der schmale, in rotes Lackpapier gebundene Band mit zierlichen Goldbordüren, den Müller & Draheim für 2400 Euro anbietet.

          Der Antiquariatskatalog hat selbst etwas von einer Wunderkammer. Vor dem Betrachter breitet er Carl Wilhelm Hennerts „Beschreibung des Lustschlosses und Gartens Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Heinrich zu Rheinsberg“ samt einem großen gefalteten Gartenplan aus, der 1778 die Neuanlage dokumentierte (1600 Euro), oder die 1812 bis 1813 erfolgte erste vollständige Übersetzung des Diwan von Hafiz in drei besonders schönen Halblederbänden für 2400 Euro.

          Schwitters warnt vor Anti-Dada

          Weniger elegisch geht es im Herbstkatalog des Roten Antiquariates, Berlin, zu. Dada und Expressionismus stehen im Fokus, und ungebremst weht einem die sperrige Vitalität einer Moderne entgegen, die sich in 274 Zeitschriften, Pamphleten, Graphiken, Romanen und Gedichten virtuos und kühn manifestiert. Kurt Schwitters ist mit der 1920 publizierten Mappe „Die Kathedrale“ vertreten. Sie enthält acht Lithographien, die zu den frühesten Merz-Arbeiten des Künstlers gehören. Der Band kommentiert den Streit zwischen Schwitters und dem Kreis der Berliner Dadaisten.

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