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Alte Kunst : Es muss nicht immer der Meister sein

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In Hamburg haben derzeit Rembrandt & Co ihren großen Auftritt. Auch die Galerie Hans präsentiert den Meister im Kreis seiner Zeitgenossen. Besonders strahlt dort das Porträt eines Knaben von Jan Lievens.

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          Während die Hamburger Kunsthalle in diesem Sommer Zeichnungen von „Brueghel, Rembrandt & Co“ zeigt, ergänzt am anderen Ende der Sichtachse quer über die Binnenalster am Jungfernstieg die Galerie Hans das Thema mit „Meistern um Rembrandt“ als „Vorläufer, Schüler, Zeitgenossen“. Anders als in der Kunsthalle umgeben den Betrachter dort zumeist Gemälde - fast sämtlich aus dem über Jahrzehnte hin gesammelten Bestand der Galerie und daher seit langer Zeit der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

          Allerdings gibt es kein Ölbild von Rembrandts eigener Hand: Dessen malerisches OEuvre, oder das, was man lange dafür hielt, ist durch die Forschungen der vergangenen Jahrzehnte empfindlich geschrumpft. Was Rembrandt auszeichnet - und was bereits auf seine Zeitgenossen eine magnetische und jedenfalls evolutionäre Wirkung ausübte -, leuchtet aber trotzdem von den Wänden. Wie Rembrandt auf seine Schüler und Zeitgenossen wirkte, so ließ er selbst sich von den großen Meistern vor ihm inspirieren, zum Beispiel von Pieter Lastman und seinem Kreis niederländischer Historienmaler, die sich auf die Wiedergabe von alttestamentarischen Themen konzentrierten.

          Die Ausstellung zeigt Gemälde der ebenfalls in dieses Umfeld zählenden Nicolaes Moyaert und Moyses van Wtenbrouck, bei denen deutlich die Landschaftsauffassung des Deutschen Adam Elsheimer durchschmeckt. Auch bei Rembrandt hat Elsheimers Hell-Dunkel-Malerei Spuren hinterlassen: Die Ausstellung findet ihren glanzvollen Auftakt denn auch mit Elsheimers 23 mal 28,4 Zentimeter messender, auf Kupfer gemalter nächtlicher Szene der „Flucht des Aeneas aus Troja“ (Preis auf Anfrage). Werner Surmowski, der profunde Kenner der Niederländer um Rembrandt, hat in einem Gutachten das Bild dem Spätwerk Elsheimers zugeordnet, als thematische und formale Zuspitzung des früheren und größeren Gemäldes desselben Themas in München.

          Dem engeren römischen Umkreis Elsheimers ist eine ebenso farbig aus dunklem Grund leuchtende „Verspottung der Ceres“ - nach einer Szene aus Ovids Metamorphosen - zugeschrieben, die mit 450.000 Euro beziffert wird. Von Rembrandts eigener Hand stammt die Federzeichnung eines Landhauses mit Park und Mauer (240.000 Euro), in dem man in der fast impressionistischen Freiheit des Federstrichs das Wehen des Winds in den Laubbäumen zu spüren meint; das Blatt wurde von fremder Hand später aquarelliert.

          Ein graukühler Knabe

          Von bildhafter Intensität und Qualität sind auch seine Radierungen, darunter das kleine „Selbstbildnis mit offenem Mund“ in einem feinen Frühdruck und das legendäre „Hundertguldenblatt“ (400.000 Euro), das den heilenden Christus zwischen den Kranken zeigt, hell vor dem dunklen Grund leuchtend: Schon gleich nach seiner Entstehung erregte dieses Blatt - das bei Hans in einem ausgezeichneten Druck mit starker samtiger Gratwirkung vorliegt - Bewunderung; denn trotz aller Vielfigurigkeit konzentriert sich die Szene auf den segnenden Heiland.

          Ein gutes Beispiel für gegenseitige Wirkung ist Rembrandts Verhältnis zu Jan Lievens, der schon vor ihm bei Pieter Lastman lernte. Als Lievens jedoch um 1630 den „Knaben mit entblößter Schulter“ (920.000 Euro) malte, setzt die subtile Hell-Dunkel-Komposition bereits die Kenntnis von Rembrandts reifem Stil voraus; die graukühle Autarkie des Kindes, das dem Betrachter die entblößte „kalte“ Schulter zuwendet, ist von größtem Reiz. Govert Flinck, der 1635 nach Amsterdam zu Rembrandt kam, absorbierte des Lehrers Meisterschaft so erfolgreich, dass sein „Brustbild eines älteren Mannes“ auf Eichenholz (Preis auf Anfrage) für lange Zeit als Werk Rembrandts selbst galt.

          Die Auseinandersetzung mit Rembrandt ist sichtbar

          Der hell von links beschienene Kopf des Weißhaarigen mit einer weißen Halskrause hebt sich prägnant vom dunklen Grund ab, ein Charakterkopf, dessen verschattetes Profil Gedankentiefe und Abgeklärtheit suggeriert. Aber nicht nur die „Tronien“ genannten Charakterporträts Rembrandts hinterließen ihre Wirkung in den Bildideen seiner Zeitgenossen, auch seine weiten realistischen Landschaften mit dem tiefen Horizont und den realistisch graubewölkten Himmeln fanden ihren Widerklang.

          Philips Koninck war mit Rembrandt bekannt; ob er auch sein Schüler war, ist nirgendwo belegt. Seine groß aufgefasste Panoramalandschaft mit Dorf im Vordergrund (1,1 Millionen Euro) ist dem Vorbild aber eng verpflichtet: Keine detailversessene Feinmalerei ist hier zu finden, sondern ein trocken-pastoser Auftrag, der die schwingenden Linien der sanften Höhenzüge hervorhebt und die Lichtreflexe auf Bäumen, Wasser und fernen Segeln.

          Die Quellenlage reicht nicht aus, um des Marinemalers Simon de Vliegers persönliches Verhältnis zu Rembrandt näher zu beleuchten. Sein Werk legt nahe, dass er sich in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts mit Rembrandts Kunst auseinandergesetzt hat. Sein Ölbild „Einmaster mit halb eingeholtem Sprietsegel“ (380.000 Euro) gleitet aber über einen fast rembrandtschen, tiefen Horizont, in stimmungsvoll pastos deckendem lockerem Pinselstrich. Das Helldunkel der lebhaften Wolkenreflexionen auf den Wellen weist auf die ganz und gar nüchtern realistische Anschaulichkeit und Diesseitigkeit Rembrandts hin.

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