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Aktuelle Kunst : Tief im Westen

  • -Aktualisiert am

Das Ruhrgebiet ist Kulturhauptstadt 2010. Dass das „Revier“ auch eine traditionsreiche und quicklebendige Galerienszene hat, beweist ein Rundgang.

          Dass das „Revier“, wie die Industrieregion Ruhrgebiet einst genannt wurde, im Kulturhauptstadtjahr viel mehr zum Entdecken bietet als Führungen durch Zechen und Schachtanlagen, hat spätestens die ausgedehnte Eröffnung von David Chipperfields gelungenem Erweiterungsbau des Museums Folkwang in Essen bewiesen. Daß es neben den Museen aber auch abseits von Köln und Düsseldorf eine vielfältige vitale Galerienlandschaft gibt, läßt sich besonders gut in diesem für die Region so wichtigen Jahr entdecken.

          Viele der Galerien im Gebiet zwischen Alpen und Unna haben besonders engagierte Programme auf die Beine gestellt; von ihnen seien hier einige aktuelle Highlights vorgestellt. Zu den profiliertesten Galerien im Ruhrgebiet zählt die „Galerie m“ in Bochum, die neben dem Werk Richard Serras auch das Oeuvre eines Künstlers wie Günter Fruhtrunk seit Jahrzehnten pflegt. Jetzt zeigt Susanne Breidenbach zum zweiten Mal abstrakte Malerei des 1971 in Leipzig geborenen Jan Wawrzyniak, der in radikaler Weise dem rechten Winkel huldigt. Die in Kohle ausgeführten geometrischen Strukturen verbinden sich durch die Galerieräume hin zu einem Ganzen: Damit der im Bild angelegte, rechte Winkel gewahrt bleibt, müssen die einzelnen Arbeiten dann eben auch mal schief hängen (Preise von 1400 bis 3800 Euro).

          Fotografien von Wiebke Elzel und Jana Müller

          Die Galerie Obrist Gingold in Essen feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Derzeit sind dort ebenfalls abstrakte, künstlerische Stellungnahmen zum Thema Buch und Schrift versammelt. Ausgehend vom Werk des 1936 in Budapest geborenen László Lakner, der bis zum Jahr 2000 an der Universität Essen unterrichtete, entwickeln drei seiner Studenten – Dirk Hupe, Jürgen Paas und Eberhard Ross – einen sehenswerten Werk-Dialog mit dem einflußreichen Lehrer, in dem Gemälde von Ross, „Sprachraum-Installationen“ von Hupe und Skizzenbücher von Paas zusammenfinden.

          Auch wem der Sinn nach ganz junger Kunst steht, wird in Essen fündig; denn die Galerie Schütte widmet sich der Fotografie von zwei ehemaligen Studentinnen Timm Rauterts in Leipzig: Wiebke Elzel und Jana Müller, beide 1977 geboren. Die Künstlerinnen entwickeln gemeinsam inszenierte, rätselhafte Fotografien wie „Akten“ (Auflage 5; je 5500 Euro), in denen mögliche Katastrophen angedeutet, aber nicht aufgelöst werden.

          Klassiker auf hohem Niveau

          Doch auch der Weg nach Castrop-Rauxel lohnt sich, nämlich zur Gruppenausstellung „Welten schaffen“ in der Galerie Schwenk. Hier fallen besonders die so filigranen wie phantastischen Welten der 1982 geborenen Barbara Schmidt auf, die in Düsseldorf bei Christopher Williams studiert (900 bis 1800 Euro): Aus in der Natur gefundenen Elementen setzt sie en miniature Landschaften und Märchenwälder zusammen und fotografiert diese dann. Und zum Schmunzeln regen die skurrilen Teddybären der 1966 geborenen Niederländerin Ilse Versluijs an (390 bis 2000 Euro).

          Doch auch Klassiker finden sich auf hohem Niveau im Revier, nämlich bei Neher in Essen und bei Utermann in Dortmund. Die bereits 1853 gegründete Galerie Utermann hat sich spezialisiert auf deutschen Expressionismus und Klassische Moderne. Man zeigt gegenwärtig mit „Kunst nach ’45“ Werke von drei prägenden Künstlern der westdeutschen Nachkriegs-Avantgarde – von Horst Antes, Emil Schumacher und Fritz Winter –, die wie ein Kaleidoskop die tiefgreifenden formalen und inhaltlichen Veränderungen in der deutschen Kunst dieser Jahre auffächern. Fritz Winter ist unter anderem vertreten mit einer lebendigen „Konstruktion“ aus rhythmisch gegeneinander verschobenen Elementen, die im Jahr 1956 entstand (60 000 Euro); von Emil Schumacher kommt eine dichte, archaisch anmutende Arbeit, „Bergun“ aus dem Jahr 1979 (210 000 Euro).

          Christa und Otmar Neher, die auch schon seit 1977 in Essen tätig sind, haben eine opulente Präsentation eingerichtet mit Werken von Otto Modersohn, darunter das fast tropisch anmutende, skizzenhaft und locker angelegte Gemälde „Sonniger Tag an der Wümme“ aus dem Jahr 1925 (62 000 Euro). Doch die Ausstellung gibt auch einen Überblick über die Arbeit seiner Zeitgenossen, darunter Hans am Ende, Fritz Mackensen und Carl Emil Uphoff. Und Paula Modersohn-Becker ist mit zwei Gemälden vertreten: dem rasch bereits verkauften „Bauernhof Rotes Haus“, entstanden um 1901, und einem „Liegenden Mädchen“ von 1904 (480 000 Euro). Ein Rundgang wie dieser macht jedenfalls eines deutlich: Es gibt noch viele Facetten der Kulturhauptstadt 2010 zu entdecken.

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