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Aktuelle Kunst : Spekuliere mit Gefühl!

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Urbaner Spaziergang: Auf den Norden, Süden und natürlich das Zentrum verteilen sich die Galerien in Köln - ein Blick auf die Kunst zur Sommerzeit.

          Traditionell bietet der Sommer den Galerien Gelegenheit, ihr Programm in Accrochagen im Querschnitt zu präsentieren. Eine Auswahl von Kölner Galerien bietet darüber hinaus eine respektable Anzahl an Einzelpräsentationen, die teils bis zum konzertierten Start der Herbstsaison am 30. August andauern. Dass selbst Accrochagen ihren Reiz besitzen, beweisen Kudlek Van der Grinten: Unter dem Titel „Walking the Line“, der sich weniger auf das Risiko des Grenzgängertums als auf das ausgewählte Motiv der Linie in Zeichnung, Aquarell und Tusche bezieht, vereint die Galerie ein Spektrum aus etablierten und jungen Positionen.

          Bei einer Preisspanne zwischen 600 und 39.000 Euro wendet sich die Zusammenstellung von Louise Bourgeois, Antony Gormley, Alexander Gorlizki und anderen an den Profi- so gut wie an den Nachwuchssammler: Spielerisch und mit einem guten Sinn für Humor kombiniert, zielen abstrakte und figurative Sujets letztlich ins Spirituelle - eindeutig im Fall anonymer indischer Zeichnungen wie der des Ram-Mantra.

          Sichtbare Gelassenheit

          Fünfzehn gemächliche Gehminuten weiter zeigt Gisela Capitain neue Gemälde von Günter Förg aus den Jahren 2007 und 2008. Auf annähernd quadratische Leinwandformate mit Seitenlängen zwischen 150 und 240 Zentimetern in Öl und Acryl gemalt, kündigen die unbetitelten Arbeiten in ihrer Gelassenheit fast so etwas wie ein Spätwerk an: Über die Leinwand verteilte Gruppen vertikal gesetzter Pinselstriche, auf jedem Bild in anderer Zusammenstellung der Palette, versetzen die Fläche in eine Art dynamische Vibration, die entfernt an den späten Nay der sechziger Jahre erinnert. (Preise zwischen 62.000 und 83.000 Euro.)

          Drei Straßen weiter besinnt sich die Galerie Daniel Buchholz mit zwei Positionen - verteilt auf ihre beiden Standorte - auf die Herkunft des Galeristen aus der Welt der Bücher und Graphiken. In den alten Räumen sind Werke des jungen Amerikaners Sam Lewitt ausgebreitet wie in einer Studiensammlung: In kalligraphischen Tuschen, Fotogrammen und Originaldokumenten bezieht sich Lewitt auf die Geschichte der Typographie und des Drucks (für 7500 und 10000 Dollar). Im zweiten Raum von Buchholz auf der Elisenstraße verbindet Cheyney Thompson, Sam Lewitts Partner beim gemeinsamen Magazin „Scorched Earth“, Druckgraphik und Malerei.

          Ausschnitte, keine Abstraktionen

          Auf der Grundlage der vier Druckfarben Cyan, Magenta, Yellow und Key, die auf jedem der sechs Bilder anders kombiniert wurden, verarbeitet Thompson ältere Bildmotive, die in der dunklen Pigmentmischung nahezu unsichtbar bleiben. Begleitet werden diese Arbeiten von zwölf Graphiken, die - scheinbar abstrakt - Fragmente aus den Ursprungsbildern zeigen. (Set von zwölf Duoton-Offsetdrucken, Auflage 3, 10.000 Dollar; Gemälde 35.000 Dollar, zuzüglich Steuern.)

          Graphische Arbeiten in unkonventioneller Technik lassen sich gleich um die Ecke in der Galerie Kewenig in Augenschein nehmen: Für seine zwölfteilige Edition „Das Evangelium nach Thomas“ verwendete Jannis Kounellis 2000 ein Verfahren, bei dem ein grober rötlicher Sand aus Israel auf robustem Papier aufgetragen wurde. Diese „Terragraphie“ diente Kounellis zur Verknüpfung der Illustration des apokryphen religiösen Texts mit dem Topos des in der Wüste von Jesus geoffenbarten Glaubens. Die Blätter im Format von achtzig mal 120 Zentimetern sind in der Mitte geknickt und passen, so gefaltet, in die ursprüngliche Graphik-Schachtel. (Die bei Har-El Printers & Publishers in Jaffa verlegte Edition, Auflage 38, kostet gerahmt 50.000 Euro, ungerahmt 42.000 Euro.)

          Gieraths bei der Baukunst Galerie

          Vom Appellhofplatz aus lohnt die Fahrt an den nördlichen Rand der Innenstadt zur Baukunst Galerie und in die Südstadt zu Johnen + Schöttle. Die Einzelausstellung bei Baukunst widmet sich erstmals dem Fotografen Christian Gieraths. Gieraths war Schüler des Malers Ulrich Erben einerseits, andererseits der höchst gegensätzlichen Fotokünstler Thomas Ruff und Daniele Buetti. Seine „Urban Stills“ erfassen ausschnitthaft städtische Außenräume und öffentlich zugängliche Interieurs. Bestimmend ist der atmosphärische und beiläufige Charakter, der selbst bei menschenleeren Motiven eher Ruhe als Einsamkeit aufkommen lässt.

          Gieraths entdeckt seine Sujets, die ohne digitale Veränderung bleiben, auf ausgedehnten Reisen zwischen Tokio, Los Angeles und Sotschi am Schwarzen Meer. Kunsthistorische Anspielungen fließen en passant ein - wie in „The Original“ von 2006, bei dem sich die Erinnerung an Edward Hopper einstellt. (Die Pigmentdrucke und C-Prints, Auflage 4 bis 8, kosten 3900 und 7800 Euro.)

          In der Südstadt mahnen Johnen + Schöttle mit den „11 Moralities“ des Tschechen Jan Merta - Gemälden, die trotz ihrer Konzeptualität über ein hohes Maß an Sinnlichkeit verfügen. Im Zentrum stehen elf Gemäldepaare, die je aus einem gemalten Sinnspruch unter einem Bild bestehen. Leicht könnte man dem Irrtum verfallen, der Spruch wäre lediglich ein vergrößerter Titel; doch Merta versteht ihn als gleichwertige Malerei. Und auch die Motive der oberen Bildreihe, meist in gedeckten Farben, besitzen mehr als nur illustrativen Charakter, wie das Ziegelbauwerk über dem Spruch „Spekuliere mit Gefühl!“ - vielleicht ein Hinweis für den Käufer, der den Zyklus komplett für 100.000 Euro erwerben kann.

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