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Aktuelle Kunst : Im Leipziger Winter wärmt die Kunst

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Ein Rundgang durch die Galerien in der ehemaligen Baumwollspinnerei beweist, dass dort keinesfalls Schreckstarre herrscht.

          Wer sich dieser Tage zum Winterrundgang durch die Baumwollspinnerei aufmacht, kann zwischen den Schornsteinen und Fabrikhallen Künstler aus Griechenland, Japan und Finnland und natürlich viele junge Talente aus Leipzig entdecken. In den Galerien gibt es diesmal besonders viel Fotografie zu sehen, aber auch - wie könnte es hier anders sein? - die Malerei weiß zu überzeugen. Konkreter Realismus und Konzentration aufs Wesentliche sind Merkmale, die viele der Werke gemein haben, dazu kommt ein gewisses Vergnügen am Morbiden.

          Hinter der Abkürzung LFN verbirgt sich der lakonische Galeriename Laden für Nichts. Hier findet unter dem Titel „Flinke Finken flüchten“ eine Ausstellung der Malerei von Kathrin Thiele statt, 1980 im sächsischen Wolfen geboren und Meisterschülerin bei Neo Rauch. Die meist kleinen Leinwände wirken in ihrem zurückhaltenden Kolorit rätselhaft und melancholisch.

          Zu Thieles Motiven zählen ein Schornsteinfeger und eine Berglandschaft ebenso wie der flugunfähige Helmkasuar vor einem achtstöckigen Neubau. Der meisterhaft gemalte „Sturm“ ist mit rund 131 mal 180 Zentimetern nicht nur das größte, sondern auch das eindrucksvollste Bild. Der dramatisch bewegte Wolkenhimmel, durch den ein zerfetzter Vogelschwarm wirbelt, entwickelt eine fast sogartige Anziehungskraft. (Preise von 1000 bis 5900 Euro. Bis 7. März.)

          Eine verfallende Welt

          Ein paar Schritte weiter, in der Galerie Dogenhaus, sind große Farbfotografien des finnischen Künstlers Esko Männikkö, Jahrgang 1959, in alten, abblätternden oder teilweise selbstgezimmerten Rahmen aus rauhem Tannenholz aufgehängt. So greift die Atmosphäre der Verwahrlosung, die er in seinen Bildern dokumentiert, auch auf den Galerieraum über. Männikkö dokumentiert in seiner Serie „Organized Freedom“ seit einigen Jahren die Folgen der Landflucht für Finnlands einsamen Norden.

          Oft lassen die Menschen, die fortziehen, ihre noch voll eingerichteten Häuser zurück und schließen nicht einmal die Türen ab. Langsam bemächtigt sich die Natur der ehemaligen Zivilisation. In diesem Prozess ergeben sich seltsame Stillleben. Mit Planen abgedeckte Autos werden von Moos überwachsen oder verschwinden unter Laub und Zweigen, Skier verrosten, Dächer stürzen ein, Kleider vermodern. Männikkö findet die Schönheit im Verfall. (Auflage 20, Preise von 3200 bis 15.000 Euro. Bis 4. April.)

          Lichte Holzschnitte

          Nebenan in der Galerie ASPN zeigt Katsutoshi Yuasa, 1978 in Tokio geboren, lichtdurchflutete Holzschnitte und Holzblöcke unter dem Titel „Shots of Immanence“. Die schwarzweißen Detailansichten von Gebäuden in dschungelartiger Umgebung wirken von weitem wie überbelichtete Fotografien. Aus der Nähe betrachtet, lösen sie sich durch die starke diagonale Riffelung, die den Effekt einer Holzmaserung oder fadenförmiger Regenschauer hervorruft, fast bis zur Abstraktion auf. (Die Holzschnitte, Auflage 5, kosten von 1500 bis 2700 Euro, die monochromen Druckstöcke 3200 und 3600 Euro. Bis 28. Februar.)

          Die Galería Hilario Galguera aus Mexico City hat sich erst einmal versuchsweise für ein Jahr in der Baumwollspinnerei eingemietet, plant aber schon jetzt, ihr Engagement in Leipzig darüber hinaus zu verlängern. Derzeit präsentiert sie die griechische Künstlerin Athina Ioannou, Jahrgang 1968, die in Rom und Düsseldorf studiert hat. Sie tränkt rote und gelbe, jeweils 215 mal 155 Zentimeter messende Stoffbahnen satt mit Leinöl und durchzieht sie mit vertikalen Graphitlinien. Sie sind nicht auf Keilrahmen aufgespannt, sondern am oberen Rand direkt mit Nägeln in die Wand geschlagen. Wie ein Gebet sieht Ioannou ihre Kunst, wie ein Mantra, ohne Anfang und Ende. Die Namen der Baumwollstoffe wie „Capucine“ oder „Corail“ geben den Arbeiten ihre Namen. Das rote Diptychon „Dragée“ von 2008 kostet 30.000 Euro, „Poussin“ von 2007 kostet 22.000 Euro.

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