https://www.faz.net/-gyz-16rng

Aktuelle Kunst : Es werde Glück

  • -Aktualisiert am

Der Fotokünstler Thomas Struth sucht in seinen neuen Werken nach segensreicher Ordnung in der Technik. Jetzt sind sie bei Marian Goodman in New York zu sehen.

          2 Min.

          Die neuen, monumentalen Werke von Thomas Struth, die derzeit bei Marian Goodman in New York zu sehen sind, beschäftigen sich mit äußerst komplizierten futuristischen Technologien. Doch das erste Bild, mit dem der Betrachter konfrontiert wird, ist keine Maschine, sondern ein Seestück. Der Himmel ist wolkenverhangen und grau, der Schaum der Brandung umspült weiß ein paar dunkle Felsbrocken, und es gibt hier am Meer, diesem Laboratorium des Lebens, keinen Hinweis auf menschliche Zivilisation. Es ist ein universelles Bild: So wie an der südkoreanischen Küste kann es auf der Erde schon vor Millionen Jahren ausgesehen haben.

          Um die Suche nach Glück durch die Naturwissenschaften geht es Thomas Struth, der weltweit pharmazeutische Unternehmen, Raumfahrtbehörden und Atomkraftwerke zu poetischen, manchmal fast abstrakten Bildern verarbeitet hat. „Grazing Incidence Spectrometer, Max Planck IPP, Garching“ aus dem Jahr 2010 ist ein sorgfältig komponiertes, detailscharfes Bild einer Gerätschaft voller Rohre, Schrauben, Kabelstränge und Schläuche, die in scheinbarem Chaos Verwicklungen, Schlaufen und Kurven umschreiben. Dabei geht es aber um eine Erfindung, die das Energieproblem der Menschheit lösen soll. Alles hat seinen Platz, und auch wenn die Experten nicht mit im Bild sind, so vertraut man doch darauf, dass jeder Knopf an der richtigen Stelle sitzt.

          Das Bild der Verstrickung ist für Struth auch ein Gleichnis sozialer Energien, und schlaffe Schläuche dürfen auch als Embleme der Erschöpfung gelesen werden. Gleichzeitig von berauschendem Chaos und doch großer Ordnung ist das Bild „Stellarator Wendelstein 7-x“ aus dem Max Planck IPP in Greifswald. Es dauert ein paar Sekunden, bis der Betrachter sich zwischen den mysteriösen Kupferplatten, den Aluminiumgittern, den Holzplanken und den mit Luftpolsterfolie verhüllten Rohren orientiert hat.

          Die Anlage - ihr Ziel ist die Energiegewinnung durch Kernfusion - ist aus der Draufsicht aufgenommen und scheint schwerelos zu schweben wie ein Raumschiff.Um das Streben nach Glück geht es im Grunde auch bei dem Bild „Pharmaceutical Packaging Laboratories Phoenix“, aufgenommen in Buenos Aires 2009.

          Es ist ein knapp drei Meter breites Panorama aus einer fast menschenleeren Pillenverpackungsanlage, deren spiegelblanke Oberflächen, Neonröhren und grau-grün-weißes Farbspektrum den Eindruck antiseptischer Gefühlskälte vermitteln. Das irritierende Spannungsfeld dieser Arbeit liegt in der Kluft zwischen den kühlen computergesteuerten Produktionsabläufen und dem Ziel, das Leiden der Menschheit durch Medikamente zu lindern.

          Ein wuchtiger „Halbtaucher“

          Am monumentalsten ist „Semi Submersible Rig“ aus dem Hafen in Geoje Island: Mit den Maßen von rund 2,8 mal 3,5 Metern beherrscht das Bild einen Raum ganz allein. Vor der zarten Silhouette einer koreanischen Bergkette türmen sich vier bombastische rote Pfeiler über schwimmenden Oberflächen, die von einer wuchtigen Plattform gekrönt werden wie ein übergroßer buddhistischer Tempel.

          Es ist ein „Halbtaucher“, eine Konstruktion, die auf hoher See zur Erdölförderung eingesetzt werden kann. Im Licht der aktuellen Ereignisse im Golf von Mexiko rückt die tragische Komponente dieses grandiosen Werks in den Vordergrund - hat doch das Streben des Menschen, sich die Erde untertan zu machen, immer wieder katastrophale Auswirkungen.

          Weitere Themen

          Toxisches Klima für Frauen

          Klage gegen Videospielkonzern : Toxisches Klima für Frauen

          Die kalifornische Arbeitsschutzbehörde attestiert Activision Blizzard ein toxisches Arbeitsklima. Mitarbeiterinnen berichten von sexuellen Übergriffen. Die Videospielfirma weist die Vorwürfe zurück.

          Ich will nie wieder nach draußen

          Komiker Bo Burnham : Ich will nie wieder nach draußen

          Bo Burnham lockt uns auf Netflix in seinen Kaninchenbau, klaustrophobisch und kreativ. Damit kommt er genau zur richtigen Zeit. Mitten im Lockdown hätten wir das schwer ertragen.

          Topmeldungen

          
              Bild der Zerstörung: Blick in eine  Stolberger Innenstadt-Straße kurz nach dem Hochwasser

          Nach dem Hochwasser : Fast vor dem Nichts

          Autos weggespült, Geschäfte zerstört, Werkstätten vermatscht: Die Folgen der Flut in Westdeutschland bedrohen auch viele berufliche Existenzen. Ein Besuch im nordrhein-westfälischen Stolberg.
          Sieht sich „reformbereiter“ als Macron und mit „mehr Autorität“ als Le Pen: Valérie Pécresse, die mögliche rechtsbürgerliche Präsidentschaftskandidatin in Frankreich

          Kandidatin für Elysée-Palast : Eine Alternative zu Marine Le Pen?

          Valérie Pécresse, die rechtsbürgerliche Regionalpräsidentin der Hauptstadtregion Île-de-France, will bei der französischen Präsidentenwahl im nächsten Jahr kandidieren. Sie fährt migrationspolitisch einen harten Kurs.
          Erstmals dabei: Der peruanische Skateboarder Angelo Caro.

          Premieren in Tokio : Das sind die fünf neuen Olympia-Sportarten

          Aus 28 werden auf einmal 33: Bei den Olympischen Spielen in Tokio sind in diesem Jahr fünf neue Sportarten dabei – nicht alle werden olympisch bleiben. Ein Überblick über die Premieren in Japan.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.