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Aktuelle Kunst : Die Affen sitzen auf dem Dach

  • -Aktualisiert am

Von Affen und Bananen: Mit monumentalen Gesten bespielt Stefan Sagmeister die Galerie Deitch Projects in New York. Der gebürtige Bregenzer scheint immer einen Schritt voraus zu sein. Schriftzeichen und Primaten haben es ihm dabei besonders angetan.

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          Der 1962 in Bregenz geborene New Yorker Stefan Sagmeister genießt in der Welt des Graphikdesign den Status eines Superstars. Er hat sich schon vor Jahren mit dem Design von CD-Hüllen für die Musikbranche einen Namen gemacht (und für ein Album der Talking Heads einen Grammy gewonnen), aber seither haben er und die Mitarbeiter in seinem Studio die Grenzen des Design stetig erweitert. Als Materialien dienen ihm seine eigene Haut und sein Blut, aber auch Kakteen, der Staub auf einem New Yorker Polizeiauto, die Schweißflecken einer Bluse, zerbrochene Möbelstücke oder 60.000 Kleiderbügel.

          Vor einiger Zeit erhielt Sagmeister den Auftrag, eine Kampagne für eine Zeitschrift zu produzieren. Der Auftraggeber ließ ihm völlige Freiheit, denn es gab kein bestimmtes Produkt zu verkaufen und keine bestimmte Botschaft hinauszuposaunen. Das Budget war klein, aber es gab viel Zeit zur Produktion. „Grenzenlose Freiheit kann ein Fluch sein“, erinnert sich Sagmeister. Schließlich fand er die Antwort in einem seiner Tagebücher unter einer Liste mit dem Titel „Dinge, die ich bisher im Leben gelernt habe“. Er entschied sich, einen Satz graphisch darzustellen, der sich nun geradezu als prophetisch erweist: „Alles, was ich mache, fällt wieder auf mich zurück.“

          Gegenstände zu Buchstaben

          Der Satz ist nun Teil einer Ausstellung bei Deitch Projects und damit in einer der wagemutigsten New Yorker Galerien. Wie Sagmeister selbst hat auch Jeffrey Deitch eine starke Affinität zu Punk und Rock, Musik und Mode und ist seiner Zeit oft einen Schritt voraus. Deshalb überrascht es nicht, dass die Werke aus dem Grenzbereich zwischen Design und Kunst sich ausgerechnet hier ausbreiten dürfen. Mit traditioneller Typographie haben die fotografierten Wörter nicht mehr viel zu tun. Der Enkel eines Bregenzer Schildermalers schuf Buchstaben aus einem wild wuchernden Sammelsurium verschiedener Objekte: Das Wort „everything“ besteht aus einem gelben Schlauch mit schwarzen Haarsträhnen und einer Pinzette auf einer pastellfarbenen Blumentapete. „I do“ ist aus Zwiebelringen über einem Stoff mit blühender Gebirgslandschaft ausgebreitet.

          Die Buchstaben für „back“ sind aus Stofftierteilen und sauren Gurken, für „to me“ aus kleinen weißen Fische zwischen den grauen Silhouetten großer Flugzeuge. Im Lauf der Jahre hat Sagmeister kommerzielle Aufträge als Vehikel für seine Lebensweisheiten genutzt: „Geld macht mich nicht glücklich“ diente als riesige Plane über sieben Stockwerke zur Abdeckung eines Spielcasinos in Linz. Die Worte „Jeder glaubt recht zu haben“ wurden anlässlich eines Kunstfestivals von haushohen aufgeblasenen Affen in der schottischen Landschaft verkündet. Zwei dieser riesigen schwarzweißen Affen sind nun in New York zu sehen: Einer sitzt auf dem Dach der Galerie, nachts dramatisch angestrahlt, der andere lümmelt sich mit seltsam gefühllosem Gesichtsausdruck im Erdgeschoss.

          Und dann sind da noch die Bananen: Neben einer interaktiven digitalen Projektion, den Videos und Performance-Stücken der Ausstellung hat Sagmeister mit seinen Mitarbeitern eine Wand des größten Galerieraums mit 10 000 Bananen beklebt. Durch den unterschiedlichen Reifegrad der krummen Früchte waren während der Vernissage aus der Distanz hellgrüne Buchstaben in der gelben Fläche auszumachen, die mit dem Reifeprozess nun langsam gelb geworden und damit verblasst sind. In den letzten Tagen der Ausstellung sollte die Schrift in Gelb auf Braun dann wieder zu lesen sein: „Self-Confidence produces fine results“, Selbstbewusstsein erzielt gute Ergebnisse. Das soeben erschienene Buch von Stefan Sagmeister „Things I Have Learned in My Life So Far“ kostet in der Galerie 40 Dollar. Die Fotoserie „Everything I do always comes back to me“ mit sechs Fotos gibt es für 7000 Dollar (Auflage 30).

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