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Aktuelle Kunst : Aus der unendlichen Tiefe des Briefraums

Einen melancholischen Blick auf das vergangene Jahrhundert bietet der Winterrundgang der Leipziger Galerien mit Holmer Feldmann bei ASPN, Damien Hirst bei Hilario Galguera, Sebastian Burger und Heide Nord bei der Maerzgalerie, Akos Birkas bei Eigen + Art und Sven Johne bei Dogenhaus.

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          Karl Stegmeyer lebte als Familienvater in Minden, bis er 1939 in den Krieg zog. Dort blieb er mindestens drei Jahre und erwies sich als schreibfreudig: „Ihr Lieben Alle“ beginnen die meisten seiner Briefe und Karten. Der Künstler Holmer Feldmann hat sie bei Haushaltsauflösungen oder auf dem Flohmarkt gefunden und erworben - wie so viele andere handschriftliche Aufzeichnungen, die Feldmann seit zehn Jahren obsessiv sammelt. Aus Stegmeyers Feder besitzt er sechzehn Schreiben, beginnend mit einem Brief aus dem Herbst 1939 und endend mit einer Karte vom 2. April 1942, die als Absendeort nur „Rußland“ vermerkt. Darauf steht lapidar: „Ihr Lieben Alle, viele herzl. Grüße sendet in alter Frische, Karl“. Das ist das späteste Zeugnis Karl Stegmeyers im Feldmann-Fundus. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es auch sein letztes Lebenszeichen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Feldmanns Schriftstücke hängen jetzt mit Dutzenden anderen an den Wänden der Galerie ASPN in der Leipziger Baumwollspinnerei: als akribisch auf Leinwand gemalte größere Abbilder, melancholische Blicke der Kunst aufs 20. Jahrhundert. Sie sind der Höhepunkt des kleinen Winterrundgangs, mit dem die Galeristen das Jahr 2010 begrüßen. Alles hat der Künstler exakt nachempfunden: die Papierfarbe bis hin zu den kleinsten Altersverfärbungen, die Handschriften selbst und natürlich auch alle Marotten der jeweils verwendeten Sprache, die bei dem Soldaten Karl Stegmeyer eine andere ist als beim Kunsthistoriker Otto Karl Werckmeister; er ist der Verfasser des größten Briefkonvoluts in Feldmanns Ausstellung. Im Jahr 1958 ging Werckmeister aus Deutschland nach London ans Warburg- Institut, und er erstattete seiner Mutter auf gelben Karteikarten vier Jahre lang regelmäßig Bericht über seine Erlebnisse. Für jedes Blatt dieses „Werckmeister-Komplexes“ hat Feldmann eine kleine Leinwand bemalt, und nun hängt die Korrespondenz dort, in gestochen feiner Schrift zum wandfüllenden Arrangement verdichtet.

          Eine Flaschenpost aus dem Untergang

          „Aus dem Briefraum“ heißt die Ausstellung dazu, und natürlich denkt man sofort an die winzigen Notate Robert Walsers, die er in der Nervenheilanstalt schrieb und die erst lange nach dem Tod des Schriftstellers unter dem Titel „Aus dem Bleistiftgebiet“ veröffentlicht wurden. Auch das war eine Flaschenpost aus dem Untergang; und dieses Thema beeindruckt auch den 1967 geborenen Feldmann, der heute in Rom und dem altenburgischen Dorf Buscha lebt. In den neunziger Jahren bildete er mit drei Freunden die Leipziger Künstlergruppe „Ramon Haze“, die Fundobjekte aus Abrisshäusern der Stadt zur Grundlage ihrer Arbeiten machte. Diesem Konzept ist Feldmann treu geblieben, doch in der Übernahme fremder Handschriften als eigener künstlerischer Position geht er nun noch einmal entscheidend weiter.

          Größere vierteilige Bilder, die die Vorder- und Rückseite eines gefalteten Briefbogens getreu abbilden, kosten 4000 Euro; die kleinsten Bilder dagegen, darunter auch Karl Stegmeyers letzter Gruß, sind schon für 400 Euro zu haben. Das ist die untere Preisgrenze in der Baumwollspinnerei; die oberste wird von Damien Hirst ausgelotet, von dem zehn neue Arbeiten in der mexikanischen Galerie Hilario Galguera zu sehen sind: vor allem Totenköpfe, aber auch ein großes Raben-Triptychon namens „Bad Omen“, über dessen Preisvorstellung in Abwesenheit des Galeristen nichts zu erfahren ist. Die deutlich kleineren Totenkopf-Bilder beginnen bei 1,5 Millionen Euro. Dass Leipzig nach dem Frühjahrsrundgang vom vergangenen Jahr schon zum zweiten Mal ein Konvolut von Hirst - und diesmal ein weitaus besseres - zu sehen bekommt, verdankt sich der Verschiebung einer Präsentation in Mexiko, wo die Bilder mit dreißig weiteren gezeigt werden sollten. Kaufanfragen soll es immerhin schon gegeben haben.

          Glühbirnen am Strick

          Die kleinen Collagen von Sebastian Burger, die die Maerzgalerie für je 600 Euro anbietet, sind schon weitestgehend verkauft. Sie stechen aus der beachtlichen Schau heraus, die neben Zeichnungen und zwei großformatigen Gemälden von Burger noch Arbeiten seiner Partnerin, der gleichfalls 1980 geborenen Leipziger Künstlerin Heide Nord, bietet. Großartig im makaber-witzigen Geist des Surrealismus ist ihre Holzskulptur mit Grabkranzschleifen für 3900 Euro, auf der die Rimbaud-Parole „Il faut être absolument moderne!“ zu lesen ist. Oder die Installation „Tote Ideen“, die an einer schwarzen Wand sieben farbige Glühbirnen von sieben Galgen baumeln lässt und 3800 Euro kostet.

          Es ist der schönste Rundgang, den die Baumwollspinnerei bisher geboten hat, wenn auch der Leitstern des Geländes, die Galerie Eigen + Art, mit den realistischen Bildern des früher abstrakt malenden Ungarn Akos Birkas nichts Überraschendes zu bieten hat. Aber nebenan, in der Galerie Dogenhaus, läuft Sven Johnes jedes Mal wieder begeisterndes Video „Tears of the Eyewitness“, ein grandios frecher Einfall zum Jubiläum der Leipziger Ereignisse im Herbst 1989. Der Tim-Rautert-Schüler liefert damit die zynische Sicht der Kunst aufs 20. Jahrhundert.

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